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Die Abenteuer von GunvorTeil 2

Nach dem Kongo die Elfenbeinküste

Die Bundesanwaltschaft hat ihre Untersuchung gegen Gunvor auf dessen Geschäfte in der Elfenbeinküste ausgeweitet. Grund dafür ist eine Rohöllieferung, bei deren Ausschreibung es einige Unregelmässigkeiten gab. Um den Zuschlag zu erhalten, hatte der Genfer Rohstoffhändler wieder einmal die Dienste eines zweifelhaften Vermittlers in Anspruch genommen.

Seit Mai 2017 wird gegen das Genfer Unternehmen wegen Korruption im Zusammenhang mit Geschäften in Kongo-Brazzaville ermittelt. Nun steht der Konzern auch wegen eines Ölliefervertrags in der Elfenbeinküste, der 2014 über die Filiale des Konzerns in Dubai abgewickelt wurde, im Visier der Bundesanwaltschaft. Für den erfolgreichen Geschäftsabschluss bezahlte Gunvor Olivier Bazin, der bereits bei den Geschäften im Kongo eine zentrale Rolle spielte. Gleichzeitig behauptete Gunvor, jeglichen Kontakt mit dem Vermittler mit krimineller Vergangenheit eingestellt zu haben.

Teil 1: Gunvors Abenteuer im Kongo

Im September 2017 veröffentlichte Public Eye die Ergebnisse ihrer Recherche zu äusserst lukrativen Öldeals des Schweizer Rohstoffhändlers Gunvor im Kongo

2011 eröffnete die Bundesanwaltschaft eine Untersuchung wegen „Verdacht auf Geldwäscherei“ im Rahmen von Gunvors Geschäften im Kongo. Auf jeglichen Verdacht reagierte die Genfer Firma stets, indem sie einen „abtrünnigen Mitarbeiter“ beschuldigte, die zweifelhaften Zahlungen ohne Kenntnis und zum Nachteil seiner Vorgesetzten vorgenommen zu haben. Diese Version der Geschichte hatte solange Bestand, bis Public Eye im September 2017 weniger schmeichelhafte Tatsachen ans Licht brachte: Unsere Recherche „Gunvor im Kongo. Öl, Schmiergeld, Politik“ zeigte, dass mindestens sechs leitende Angestellte des Unternehmens sehr wohl über die mutmasslich korrupten Zahlungen an Vermittler informiert gewesen waren. Ausserdem enthüllte sie, dass Gunvor seine zweifelhaften Geschäfte auch weit nach der Entlassung dieses Angestellten fortführte – nicht zuletzt, um 2014 wieder in den kongolesischen Markt zu kommen. Ein mit versteckter Kamera aufgenommenes Video beweist, wie ein Kadermann von Gunvor einer Person einen Plan für Schmiergeldzahlungen präsentiert, die sich selbst als Vertreter von Denis Christel Sassou-Nguesso – dem kongolesischen Präsidentensohn und damals allmächtigen Gebieter über die Erdölverkäufe – bezeichnet.

Teil 2: Nach dem Kongo die Elfenbeinküste

Nun muss sich das Genfer Unternehmen vor der Bundesanwaltschaft auch für eine Rohöllieferung rechtfertigen, die es sich in der Elfenbeinküste unter zweifelhaften Bedingungen gesichert hat. Die Ausschreibung, die Gunvor für sich entscheiden konnte, wies einige Unregelmässigkeiten auf. Auf Anfrage von Public Eye bestätigt Gunvor, dass sich die Schweizer Justiz auch für die Elfenbeinküste interessiert. Das Unternehmen räumt zwar ein, es sei zu „Dysfunktionen“ gekommen, beteuert aber, dass auch die Probleme beim Deal in der Elfenbeinküste mit den Machenschaften seiner beiden ehemaligen Angestellten zusammenhingen.

Wir zeigen hier die Fakten auf, welche die Neugier der Bundesanwaltschaft – im Besitz zahlreicher E-Mails, Briefe und Verträge – geweckt haben.

Wie sichert man sich eine Lieferung vor deren Ausschreibung? Eine Anleitung in sechs Schritten:

 

Die Hintergründe des Geschäfts

Am Freitag, dem 10. Januar 2014 erhält der in Dubai ansässige Gunvor-Trader Stéphane C. um 17:44 Uhr eine E-Mail. Eine Kopie geht an die Gunvor-Leute Bertrand G., Benoît T. und José Orti, den Verantwortlichen der Abteilung Rohöl. In diesem Schreiben teilt Petroci, die staatliche Ölgesellschaft der Elfenbeinküste, dem Genfer Unternehmen die frohe Kunde mit, dass es „Auftragnehmer der besagten Espoir-Lieferung gemäss Ihrem letzten, untenstehend aufgeführten Angebot“ sei.


Der Handelsvertrag werde „in den kommenden Tagen“ zum Abschluss gebracht, schreibt Laurent Ligue, Vorsteher des Trading-Departements von Petroci. Zwischen dem 9. und dem 11. März sollen die 650 000 Barrel Rohöl aus dem Ölfeld Espoir, die zum Teil von Gunvor bereits vorfinanziert sind, geladen werden.

Die Nachricht wird die Gunvor-Führung gefreut haben, doch überrascht konnte sie kaum sein.

Hauptsache ausgeschrieben

Zwei Monate zuvor hat Bertrand G. in einer Nachricht an Petroci zusammengefasst, was offenbar bei einem Gespräch in der Vorwoche vereinbart wurde: „Wir verstehen, dass die nächste Espoir-Lieferung […] an die Firma Gunvor geht und bedanken uns dafür.“


Wie dieser Email-Austausch, in den wir Einblick hatten, zeigt, entkräftet Petroci diese Aussage in ihrer Antwort nicht, sondern dankt Gunvor und kündet an, wieder auf das Unternehmen zuzukommen, wenn das Ladedatum bekannt sei. Das Mail von Petroci ist datiert vom 18. November. Erst am 27. Dezember, also knapp sechs Wochen später, wird der Auftrag dann offiziell ausgeschrieben! Als José Orti per Mail von der offiziellen Ausschreibung erfährt, schreibt er nur zwei Wörter an seine Gunvor-Kollegen: „No comment.“

Der Vermittler Olivier Bazin, der an diesem Deal massgeblich beteiligt war, erklärt dieses Vorgehen so: „Heute müssen Ausschreibungen gemacht werden. Wenn nun ein Minister mit einer bestimmten Gesellschaft arbeiten möchte, sagt er ihr: 'Ich habe mit zwei, drei anderen Unternehmen gesprochen, arrangiert euch mit ihnen.'“ Das sei „eine Form von Kartellabsprache“, bei der die Konkurrenten nicht mit allen Mitteln versuchten, den Zuschlag zu erhalten – wissend, dass sie bei der nächsten Ausschreibung an der Reihe sein könnten.

Heute räumt Gunvor „nach einer Prüfung der Situation" ein, dass das Vorgehen „nicht der Art und Weise" entspreche, wie das Unternehmen Geschäfte tätige. „Das in dieser Korrespondenz beschriebene Verhalten erfüllt Gunvors Erwartungen und Standards nicht.“ Der Konzern legt jedoch Wert darauf, dass Petroci eine Ausschreibung durchgeführt habe, und warnt, man werde gegen jede Unterstellung betreffend einer möglichen Illegalität der Transaktion vorgehen. Gunvor teilt auch mit, bei der besagten Rohöllieferung eine Gewinnspanne von weniger als einem Prozent erzielt zu haben – eine durchaus normale Marge.

Intensive Lobbyarbeit

Klar ist: Gunvor hatte keine Mühen gescheut, um sich diese Lieferung zu sichern. Von Dubai aus hat Stéphane C. Treffen in Paris und Abidjan organisiert – mit dem ivorischen Erdölminister Adama Toungara und, was überraschender ist, auch mit dem Innenminister Hamed Bakayoko.

Letzterer hat eigentlich nichts mit Erdöl zu tun. Doch in einem Schreiben vom 12. September 2013 beklagt sich Stéphane C. dennoch bei ihm, dass der Erdölminister nicht auf Gunvors Avancen für eine „strategische Partnerschaft Côte d’Ivoire – Gunvor“ eingegangen sei.

Wenige Wochen nach diesem Brief hat man offenbar eine Lösung gefunden – nachdem Gunvor „seit drei Jahren versucht hatte, in die Elfenbeinküste zurückzukehren", wie Olivier Bazin erklärt. Nun gelingt es – mit Bazins Hilfe. Der Mittelsmann mit bewegter Vergangenheit bestätigt, dem damaligen Innenminister nahezustehen, der eine wichtige Stütze der Regierung von Präsident Ouattara ist und heute dem Verteidigungsdepartement vorsteht. „Ich habe ihn 2011, 2012 kennengelernt“, sagt er.

Gemäss Gunvor sind solche Kontakte nichts Ungewöhnliches: „Unsere Angestellten treffen sich häufig mit Ministern des Innen-, Handels-, Verteidigungs-, Kommunikations- oder anderer Departemente“, teilt das Unternehmen mit.

Illustration: opak.cc Olivier Bazin, Mittelsmann mit bewegter Vergangenheit und dem Spitznamen „Colonel Mario“

Die zweite Schiene der Lobbyarbeit lief über die Firma Petro-Consulting Abidjan. Obwohl sie in der Welt des Erdöls niemand kennt, erhielt sie von Gunvor viel Geld. In den Dokumenten, in die Public Eye Einsicht hatte, ist eine Zahlung von 200 000 Dollar an die Firma aufgeführt – überwiesen am 14. April 2014 von der BNP Paribas in Dubai auf ein Konto in Abidjan. In einer E-Mail von Adrien J., einem weiteren Angestellten in Dubai, wird eine zweite Zahlung an Petro-Consulting Abidjan vom 28. April erwähnt. Gunvor bestätigt, in zwei Schritten 404 000 Dollar an das Unternehmen überwiesen zu haben – dafür, Gunvors Position gegenüber Petroci zu stärken.

Der Vertrag, den Gunvor vor der Ausführung der Zahlungen mit Petro-Consulting Abidjan abgeschlossen hat, ist mit Antikorruptionsklauseln versehen. Was allerdings erstaunt: Er wird erst mehrere Wochen, nachdem das Erdöl geladen wurde, unterzeichnet.

Ein „Freund“ als Strohmann

Wer also steckt hinter Petro-Consulting Abidjan? Auf dem Papier sind es zwei Männer. Einerseits der Ivorer Arthur Gervais K., der seltsame Geschäftspraktiken zu pflegen scheint: So hat ein Handelsgericht in Abidjan festgestellt, dass er Dokumente gefälscht hat, um sich eine Firma mit dem Namen „La maison du peintre“ anzueignen. Der zweite Teilhaber ist der Franzose Claude Mercier, der früher für die Ölfirma Elf tätig war. Offiziell waren die Zahlungen von Gunvor für diese beiden bestimmt.

Doch es ist zu vermuten, dass die beiden lediglich als Strohmänner fungierten. Erstens bestätigt Olivier Bazin selbst, dass er am Deal beteiligt war – und dass er für seine Dienste 200 000 Dollar eingestrichen habe. Dass er involviert war, legen auch die E-Mails nahe, in die wir Einsicht hatten. Warum sonst hätten ihm Gunvor-Leute zahlreiche Nachrichten in Zusammenhang mit der Espoir-Lieferung weiterleiten sollen?

Zweitens zeigt ein Dokument im Besitz der Bundesanwaltschaft, dass die Finanzbehörde der Seychellen 2011 feststellte, dass Mercier Bazin als Strohmann gedient hatte, als dieser im Gefängnis sass (wie Sie in unserem Magazin vom April 2018 nachlesen können). „Es stimmt, dass er mir behilflich war“, sagt Bazin. Mercier sei nicht sein Partner, sondern „mein Angestellter. Und ein Freund“. Aus E-Mails geht schliesslich etwas weiteres Erstaunliches hervor: Während Mercier eigentlich für Gunvor in der Elfenbeinküste tätig sein sollte, lebte er tatsächlich in Mosambik.

An wen ging das Geld?

Die Tatsache, dass Gunvor offenbar Olivier Bazin bezahlt hat, macht stutzig. Als Mediapart 2014 Details des Deals in der Elfenbeinküste ans Licht brachte, behauptete Gunvor, im Jahr zuvor jeglichen Kontakt zu Olivier Bazin abgebrochen zu haben, weil er „den Compliance-Test nicht bestanden“ habe. Doch es gibt keinen Zweifel daran, dass Olivier Bazin auch danach für Gunvor tätig war, sowohl in der Elfenbeinküste als auch im Kongo.

Versuchte der Konzern, die anhaltende Beziehung zum dubiosen Geschäftsmann zu vertuschen, oder hat seine Compliance-Abteilung schlichtweg nicht bemerkt, dass sich hinter Petro-Consulting Abidjan Olivier Bazin verbarg? Der Konzern beteuert, er sei zum Zeitpunkt, als er von Mediapart kontaktiert wurde, davon überzeugt gewesen, dass der Deal in der Elfenbeinküste seinen „Verfahren zur Konformitätsprüfung" genügt habe und dass Olivier Bazin als Vermittler „nicht mehr involviert war“. Die in der Vergangenheitsform formulierte Aussage lässt vermuten, dass Gunvor sich der Sache mittlerweile nicht mehr ganz so sicher ist.

Ein Dokument zeigt, dass Gunvor sogar ein Unternehmen damit beauftragt hat, Petro-Consulting Abidjan zu analysieren. Offenbar hat auch dieses keine Nachweise für Olivier Bazins Rolle gefunden – während die Gunvor-Angestellten ihm gleichzeitig die Mails betreffend der Espoir-Lieferung weiterleiteten.


Die entscheidende Frage ist: Waren die Zahlungen von Gunvor an Petro-Consulting letztendlich indirekt für Hamed Bakayoko bestimmt? Einer Quelle zufolge soll der Ivorer Idriss Karamoko eine Kommission erhalten haben. Er wohnt in Paris, wo er den Alizé Club betreibt. Seine Nähe zum derzeitigen Verteidigungsminister ist offenkundig: Bakayokos Ehefrau und seine Privatsekretärin besetzten Führungspositionen im hippen Club des 15. Pariser Arrondissements.

Gunvor dagegen gibt an, nichts von Idriss Karamokos Existenz zu wissen. Olivier Bazin seinerseits schwört, dass kein ivorischer Beamter bezahlt wurde: Mit seinen 200 000 Dollar Entschädigung, sagt er (wobei insgesamt mindestens 404 000 an Petro-Consulting bezahlt wurden), habe er „schlichtweg niemanden anderen bezahlen können. Das ist ein normaler Lohn für ein Jahr Arbeit, für eine 100-Millionen- Lieferung“, sagt er. Es gehe hier nicht um Summen wie im Rahmen der Verträge mit der Republik Kongo, „wo schwindelerregend hohe Kommissionen an Vermittler bezahlt worden sind. Da hat Korruption stattgefunden, das ist klar“, sagt er unverblümt. In der Elfenbeinküste aber sei es nur zu einer einzigen Lieferung gekommen. „Wäre Korruption im Spiel gewesen, hätte Gunvor weitere Lieferungen erhalten“, sagt Bazin. „Petro-Consultings Hauptaufgabe bestand darin, Gunvor wieder mit den ivorischen Behörden in Verbindung zu bringen.“

Die Justiz muss urteilen

Unsere Informationen reichen nicht aus, um zu beurteilen, ob tatsächlich unrechtmässige Zahlungen geleistet worden sind. Das zu untersuchen, ist Aufgabe der Justiz. Aber der Vertrag mit der Elfenbeinküste zeigt erneut, dass Gunvor zumindest bis 2014 an zweifelhaften Praktiken festhielt, um an lukrative Märkte zu kommen. Gunvors Compliance-Abteilung ist es offensichtlich nicht gelungen, Olivier Bazin hinter Petro-Consulting Abidjan auszumachen. Man kann entsprechend daran zweifeln, dass Gunvor bei Geschäftsabschluss in der Lage war, jegliche Korruptionsrisiken auszuschliessen.

 

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Über diesen Artikel

Dieser Artikel von Marc Guéniat erschien ursprünglich im Public Eye Magazin Nr. 11. Das Magazin von Public Eye erscheint 5x jährlich und enthält spannende Reportagen, exklusive Recherchen und scharfe Analysen. Lassen Sie sich von uns überzeugen und bestellen Sie gratis und unverbindlich unser Probeabo!