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„Bhopal der Textilbranche“: Kein Unfall sondern absehbare Folge verantwortungsloser Tiefpreispolitik

3. Mai 2013

Zürich, 03.05.2013 - Über 500 Tote wurden aus den Trümmern der Textilfabriken in Dhaka geborgen, mindestens weitere 200 dürften noch hinzukommen. Obwohl der häufig inexistente Gebäude- und Brandschutz in Bangladesch bekannt ist, haben die dort produzierenden Markenfirmen diese „Killerkriterien“ kaum kontrolliert. Staatliche Sanktionen würden dem Entwicklungsland wie auch den direkt Betroffenen zusätzlich schaden und die Modekonzerne als Mitverantwortliche für die grösste Katastrophe in der Geschichte der Textilindustrie unbehelligt lassen.

Der Einsturz des Rana Plaza ist nur das letzte und bislang düsterste Kapitel in der Chronik angekündigter Katastrophen: Seit 1990, aber noch vor dem Gebäudekollaps zählte die in der Schweiz von der EvB koordinierte Clean Clothes Campaign (CCC) infolge fehlender Gebäude- und Brandschutzsicherheit schon 1068 Todesfälle und 2070 Verletzte in Bangladeschs Textilfabriken. Bereits 2011 hatten lokale Gewerkschaften und internationale NGOs einen Massnahmenplan zur Verbesserung der Arbeitssicherheithttp://www.evb.ch/p21423.html vorgeschlagen, doch bislang haben einzig PVH (Tommy Hilfiger und Calvin Klein) und Tchibo das Abkommen unterschrieben. Das Programm sieht unter anderem unabhängige Gebäudeinspektionen vor und die verbindliche Durchführung notwendiger Reparaturen und Renovierungen vor. Auf dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse fordert die CCC alle Markenfirmen, die in Bangladesch produzieren lassen, bis 15. Mai zu dessen Unterzeichnung auf. In der Schweiz sind dazu insbesondere Charles Vögele und Tally Weijl aufgerufen.

Keine Frage: Die Regierung Bangladeschs hat bei der Einhaltung von Sicherheitsstandards versagt und grossen Nachholbedarf. Die diskutierten EU-Sanktionen würden das Billigproduktionsland jedoch diskriminieren, denn Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen kommen in der globalisierten Textilindustrie täglich und weltweit vor. Allfällige staatliche Strafmassnahmen dürften sich deshalb nicht auf Bangladesch beschränken. Primär müssen die EU und die Schweiz aber sicherstellen, dass die dort ansässigen Markenfirmen auch im Ausland Arbeits- und Menschenrechte einhalten. Der Gebäudeeinsturz zeigt zudem, dass gängige Auditmethoden zu kurz greifen. Zwei der Fabriken wurden im Auftrag der Business Social Compliance Initiative (BSCI) überprüft, in der auch die Schweizer Firmen wie Charles Vögele, Coop, Migros, Schild und PKZ Mitglied sind. Eine der eingestürzten Fabriken wurde 2011 und 2012 gar viermal auditiert, davon dreimal vom deutschen TÜV.

Die nach dem Chemieunfall von Bhopal zweitgrösste Industriekatastrophe Südostasiens zeigt: Die aktuelle Tiefpreispolitik der Textilkonzerne ist tödlich für die ArbeiterInnen, nicht nachhaltig für die Produktionsländer und darf so nicht weitergeführt werden. Die Clean Clothes Campaign fordert von allen Unternehmen, die in den Rana Plaza-Fabriken produzieren liessen, sofortige Zahlungen an die Opfer und ihre Familien zu leisten. Bestätigte Marken sind bislang Benetton, Mango, El Corte Ingles oder Primark Auf diese und vermutlich weitere Unternehmen kommt eine Entschädigungssumme von mindestens 30 Millionen Dollar zu. Damit die Entschädigung schnell und korrekt ablaufen kann, müssen die Markenfirmen in Zusammenarbeit mit den bangladeschischen Behörden unverzüglich zentralisierte Opferregister aufbauen.

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