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Kakaobäuerinnen und -bauern müssten zur Erreichung der UNO-Armutsgrenze viermal mehr verdienen

Zürich, 6. März 2015

Während die Wertschöpfungskette in der Schoggi-Industrie von immer weniger Grosskonzernen dominiert wird, darunter einige mit Schweizer Sitz, leben Westafrikas Kakaobäuerinnen und -bauern weiterhin in extremerer Armut. Freiwillige Firmeninitiativen ändern wenig an diesem für die Betroffenen, aber auch für die Branche zerstörerischen Missstand. Ausgehend von diesen Kernbefunden ihres Kakao-Barometer 2015* fordern die zehn europäischen NGO und Gewerkschaften, welche diesen erstellt haben, eine fundamentale Reform des Sektors. Und machen drei konkrete Vorschläge.

Eine Kakao anbauende Familie in der Elfenbeinküste, dem Hauptproduktionsland des Schokolade-Rohstoffs, müsste viermal mehr verdienen, um die bei 2 Dollar Tageseinkommen liegende offizielle Armutsgrenze zu erreichen. Diese tiefen Einkommen der Primärproduzenten führen von inakzeptablen Arbeitsbedingungen bis hin zu Menschenrechtsverletzungen wie Kinderarbeit, hat aber auch viele andere Probleme entlang der Wertschöpfungskette zu Folge.  Aufgrund der extremen Armut verlassen immer mehr junge Kakaobäuerinnen und -bauern ihre Farmen. Und die alte Generation nähert sich dem Ende ihrer Lebenserwartung.

Einer der Hauptgründe für die Verarmung der Kakaobäuerinnen und -bauern ist die äusserst unfaire Verteilung der Wertschöpfung und Marktmacht im Schoggi-Sektor. Fusionen und Übernahmen haben dazu geführt, dass heute ein paar wenige Grosskonzerne bis zu 80 Prozent der Wertschöpfungskette kontrollieren. Schokoladeproduzenten (wie Nestlé, Mars, Ferrero und Mondelez), Kakaoverarbeiter (wie Barry Callebaut und Cargill) und Detailhändler teilen sich den Kuchen auf. Für die ungenügend organisierten Bäuerinnen und Bauern bleiben kaum mehr Brosamen übrig.

Die meisten Nachhaltigkeitsbemühungen der Industrie fokussieren auf eine Steigerung der Produktivität. Die Erhöhung der Ernteerträge müsste aber dringend mit diversifiziertem Anbau, besserer Infrastruktur und vor allem höheren Preisen für die Kakaoanbauenden einher gehen. Daraus folgt, dass Schokolade teurer werden dürfte. In der Schweiz etwa hat der Schoggi-Preis in den letzten 30 Jahren dreieinhalb mal weniger stark zugenommen als der Preis für einen durchschnittlichen Schweizer Warenkorb. Die Weltmarktpreise für Kakao haben sich im gleichen Zeitraum halbiert.

Der dritte Kakao-Barometer zeigt auch, dass der globale Marktanteil von zertifizierter Schokolade weiter zunimmt: 2009 waren erst zwei Prozent und heute sind fast 16 Prozent aller verkauften Schokolade durch die gängigen Labels Fairtrade, Utz oder Rainforest Alliance zertifiziert. Die meisten grossen Unternehmen haben sich inzwischen verpflichtet, bis 2020 Schokolade aus vollständig zertifiziertem oder verifiziertem Kakao herzustellen. Unrühmliche Ausnahmen sind hier Nestlé und Mondelez. Allerdings sind Verbesserungen der Zertifizierungssysteme bitter nötig - zum Beispiel in Bezug auf die Qualität der Audits, die (zu) tiefen Prämien und den noch kaum messbaren Auswirkungen auf den Kakaofarmen – aber auch deren gezielten Koppelung mit weiteren Massnahmen von Unternehmen und Regierungen.

Freiwillige Bemühungen reichen offensichtlich nicht, um die extreme Armut zu lindern und Menschenrechtsverletzungen zu verhindern. Deshalb braucht es einen Perspektivenwechsel hin zu verbindlichen Regelungen. Damit existenzsichernde Einkommen bezahlt werden, müssen Regierungen, Industrie und die Zivilgesellschaft schnellstens ein Modell zu deren Berechnung entwickeln. Dazu gehört die politische Defintion und Festschreibung von Preismechanismen auf nationaler und internationaler Ebene.

 

* Die Kakao-Barometer sind zweijährliche Sektor-Übersichten der Nachhaltigkeitsinitiativen und werden von einem europäischen NGO-Gewerkschaften-Konsortium publiziert. Diesem gehören folgende Organisationen an: FNV Mondiaal (NL), Hivos (NL), Solidaridad (NL) und das VOICE Netzwerk – Erklärung von Bern (CH), FNV (NL), Oxfam Novib (NL), Oxfam Wereldwinkels (BE), Stop the Traffik (UK), ABVV - FGTB HORVAL (BE) und das Südwind-Institut.

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