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Zürich/Lausanne,

„Made in Europe“ steht für Qualität und faire Arbeitsbedingungen. Mehrere Recherchen, welche Public Eye (vormals Erklärung von Bern) zusammen mit internationalen Partnern durchgeführt hat, zeigen erstmals die wahren Realitäten in der Schuhindustrie auf: von den Gerbereien in Italien bis zu den Schuhfabriken in Osteuropa, wo zehntausende Arbeiterinnen „italienische“ oder „deutsche“ Schuhe herstellen – zu oft noch tieferen Löhnen als in China. Die Markenfirmen – auch jene aus der Schweiz – kümmern sich bisher noch viel zu wenig darum, unter welchen Bedingungen ihre Schuhe hergestellt werden.

© Davide Del Giudice

Über 24 Milliarden Paar Schuhe wurden 2014 weltweit hergestellt. Der grösste Teil wird in Asien produziert, doch gerade bei hochpreisigen Lederschuhen ist auch der europäische Anteil bedeutend: Italien, Portugal und Spanien zeichnen zusammen für die Produktion von 23 Prozent aller Lederschuhe verantwortlich. Italien ist nicht nur das Schwergewicht der europäischen Schuhproduktion, sondern gerbt auch 60 Prozent des in der EU produzierten Leders. Der Bericht A though story of leather (PDF, 1.7 MB) beleuchtet anhand des Gerbereien-Distrikts Santa Croce in der Toskana die Schattenseiten dieses harten Gewerbes, in dem vielfach Migranten arbeiten: Immer wieder kommt es zu Unfällen, das Heben der schweren Lasten führt zu Gelenkschäden und durch den ungeschützten Kontakt mit giftigen chemischen Substanzen entwickeln die Arbeitenden Allergien oder gar Tumore.

Die arbeitsintensivsten Schritte der Schuhproduktion werden danach oft in osteuropäischen und Balkanländern durchgeführt, aus zwei Gründen: Die Nähe zum europäischen Markt sorgt für kurze Lieferzeiten, und das Lohnniveau ist äusserst tief. Der Bericht Labour on a Shoestring (PDF, 3.4 MB) zeigt die Realitäten in den Schuhfabriken von sechs europäischen Ländern auf. Das Hauptproblem sind die viel zu tiefen Löhne: Der gesetzliche Mindestlohn in Albanien, Mazedonien oder Rumänien liegt mit 140 bis 156 Euro pro Monat sogar unter dem von China.  Die Löhne müssten vier bis fünf Mal höher sein, damit Albanerinnen, Mazedonierinnen oder Rumäninnen – die Fabrikarbeitenden sind vorwiegend Frauen –  und ihre Familien davon leben könnten. Weil viele Arbeiterinnen pro Stück bezahlt werden, leisten sie zudem unbezahlte Überstunden oder verzichten aus Produktivitätsgründen auf Sicherheitsmassnahmen, die sie vor Leim und Chemikalien schützen würden. In vielen Fabriken ist es im Winter sehr kalt und im Sommer so heiss, dass immer wieder Arbeiterinnen kollabieren. Es ist eindeutig: Die endemischen, systemimmanenten Probleme der Bekleidungs- und Schuhindustrie ­sind ein globales Problem und machen keineswegs halt vor Europa.

Unser Firmenbericht (PDF, 26 MB) macht deutlich, dass sich die Markenfirmen und Detailhändler bisher noch viel zu wenig  darum kümmern, unter welchen Bedingungen ihre Schuhe hergestellt werden. Das gilt auch für die acht Schweizer Unternehmen unter den 28 Firmen, die wir für den Bericht Trampling workers rights underfoot befragt haben: Bally, Navyboot, Pasito-Fricker, Rieker und Vögele Shoes gaben gar nicht erst Auskunft, und auch jene, die antworteten – Bata, Manor und Migros – stellen nicht sicher, dass die Arbeitenden, die für sie Schuhe herstellen, einen Existenzlohn erhalten. Public Eye verlangt von den Markenfirmen und Detailhändlern, dass sie eine umfassende Due-Diligence-Prüfung vornehmen, um die Einhaltung von Menschen- und Arbeitsrechten entlang ihrer kompletten Lieferkette zu garantieren. Insbesondere müssen die Löhne sukzessive auf eine existenzsichernde Höhe hin angehoben werden.

Weitere Informationen unter publiceye.ch/schuhe oder bei

Timo Kollbrunner, Public Eye, 044 277 79 25, timo.kollbrunner[at]publiceye.ch

 

 

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