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Die Schweiz braucht bezahlbare Krebsmedikamente – heute und in Zukunft

Wenn von steigenden Medikamentenpreisen die Rede ist, werden als Beispiele meistens die neuen, hochpreisigen Therapien im Bereich Krebs und Immunologie genannt. Die hohen Preise belasten unser Gesundheitssystem und führen zusehends zu Ungleichbehandlungen. Hochpreisige Krebsmedikamente können auch in einem Land mit hochentwickeltem Gesundheitssystem wie der Schweiz zu Rationierungen führen und den gerechten Zugang für alle Betroffenen gefährden. Es stellt sich deshalb die Frage, was sich an der heutigen Preispolitik ändern muss.

Text: Franziska Lenz, Leiterin Politik & Public Affairs bei der Krebsliga Schweiz

Bundesrat Alain Berset musste auch für 2018 eine Erhöhung der Krankenkassenprämien verkünden. Seit der Einführung des Krankenversicherungsgesetzes 1996 haben sich die Prämien mehr als verdoppelt. Die Ursachen für den Anstieg sind, je nachdem, welche Branchen oder Fachleute man fragt, unterschiedlich. Einigkeit herrscht darüber, dass der rasante Fortschritt in der Medikamentenforschung und -entwicklung einerseits gewünschte therapeutische Erfolge für Betroffene bringt, andererseits jedoch eine zunehmende Herausforderung für unser solidarisch finanziertes Gesundheitswesen darstellt. Und das Solidaritätsprinzip wird in Zukunft noch mehr herausgefordert: Die Zahl der Krebsbetroffenen wird beispielsweise aufgrund der demografischen Entwicklung stark ansteigen. Und durch innovative und erfolgreiche neue Behandlungsmethoden können heute Betroffene mit Krebserkrankungen länger überleben. Krebs hat sich zur chronischen Erkrankung entwickelt.

Satte und unfaire Profite

Eine kürzlich veröffentlichte Analyse zeigt, dass der Anteil der Krebsbehandlungen (gemessen an den direkten Kosten für Spitäler, Ärzte, Laboranalysen, Pflege oder Medikamente) im Vergleich zu den gesamten Gesundheitskosten zwar relativ tief ist. Aber die relativ vielen neuen Krebstherapien, die auf den Markt kommen, werden immer teurer. Gemäss dem Helsana Arzneimittelreport liegt die Gruppe der «Krebs/Immunsystem»-Medikamente seit 2013 punkto Kosten an erster Stelle aller Arzneimittel. Diese Medikamente machten 2016 beinahe einen Viertel der gesamten Medikamentenkosten aus – dabei entsprechen sie lediglich 1,5 Prozent aller Bezüge.

Der Medizin sind in den letzten fünfzig Jahren bedeutende Fortschritte im Kampf gegen den Krebs gelungen. Heute können in finanziell gut aufgestellten Ländern mit einem funktionierenden Gesundheitssystem wie der Schweiz mehr als die Hälfte der Krebsbetroffenen geheilt oder zunehmend erfolgreich behandelt werden. Gleichzeitig sind Krebsmedikamente der grosse Treiber der Pharmaindustrie. Patente verhelfen den Pharmaunternehmen zu Monopolstellungen und exklusiven Absatzmärkten. Dass die Pharmaindustrie die Preise losgelöst von den Forschungs- und Herstellungskosten ihrer Arzneien diktieren kann, sorgt für satte und unfaire Profite.

Mehr für Marketing als für Forschung

Die Pharmaindustrie rechtfertigt die hohen Medikamentenkosten mit ihrem grossen Aufwand für Forschung und Entwicklung, doch in Tat und Wahrheit gibt sie deutlich mehr für Marketing aus. Mit Verweis auf das Geschäftsgeheimnis weigern sich die Unternehmen, die wahren Entwicklungskosten öffentlich auszuweisen. Die Grundlagenforschung, die zu Patenten führt, wird zudem weitgehend von der Öffentlichkeit bezahlt, da diese fast ausschliesslich an Universitäten und öffentlich finanzierten Instituten geleistet wird. Doch Verhandlungen mit Unternehmen, die ein Monopol haben, sind schwierig. Regulierungsbemühungen, um die Kosten einzudämmen, laufen meist ins Leere. Versuche in der Vergangenheit, Preisreduktionen in der Schweiz durchzusetzen, haben nur zu marginalen Preisabschlägen geführt. Oder Pharmaunternehmen haben beschlossen, die Produkte ganz von der Spezialitätenliste zu nehmen, wenn sie mit den Preisen nicht einverstanden waren.

Eine versteckte Rationierung

Dieses Vorgehen führt in die Problematik der uneinheitlichen Bewilligung und Vergütung von Off-Label-Anwendungen. Bei Behandlungen mit Medikamenten ausserhalb ihrer Zulassung kann es vom Wohnort oder von der Krankenkasse abhängig sein, ob einer Patientin oder einem Patienten eine oft überlebenswichtige Behandlung vergütet wird oder nicht. Für Betroffene ist dies eine unhaltbare und ungerechte Situation. Die aktuelle Vergütungsregelung gemäss der Verordnung über die Krankenversicherung (KVV) führt dazu, dass die Versicherer vergleichbare Fälle unterschiedlich vergüten – weil sie verschiedene Nutzenbewertungsmodelle einsetzen, die Vertrauensärztinnen und -ärzte unterschiedliche Empfehlungen abgeben und sich die Pharmaunternehmen zu wenig und uneinheitlich an der Finanzierung der Kosten beteiligen. So gesehen bringt die heutige Situation eine versteckte Rationierung mit sich, weil beispielsweise Behandlungen willkürlich abgelehnt oder aufgrund des grossen bürokratischen Aufwands gar nicht erst beantragt werden.

Therapien dürfen keine Geldfrage sein

Sinnvolle Therapien für lebensbedrohliche Erkrankungen wie Krebs dürfen aber auch in Zukunft nicht nur denjenigen Patientinnen und Patienten zur Verfügung stehen, welche diese selbst finanzieren können. Solche Behandlungen sind Teil der solidarischen Grundversicherung und müssen allen Betroffenen zur Verfügung stehen. Daher braucht es fairen Zugang und bezahlbare Preise von Krebsmedikamenten. Die Politik muss ihre Verantwortung wahrnehmen. Die Interessen der Wirtschaft dürfen nicht über den Interessen der Menschen stehen. Neben der Kostenentwicklung muss auch der Nutzen in die Betrachtungen miteinbezogen werden. Es braucht bezahlbare Krebsmedikamente, deshalb müssen für die Preisfindung für innovative Medikamente im Hochpreisbereich ebenso neue Lösungen gefunden werden wie für den Zulassungsbereich der Medikamente. Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind gefordert. Der Helsana Arzneimittelreport 2017 zitiert Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832): «Es ist nicht genug zu wissen – man muss auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen – man muss auch tun.» Dem ist in dieser Sache nichts hinzuzufügen.

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Dieser Gastbeitrag erschien im Public Eye Magazin Nr. 12 "Stoppt die kranken Medikamentenpreise!". Sie können das Magazin gratis in unserem Shop bestellen.

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