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Kinderarbeit auf Kakaoplantagen, dreckiger Treibstoff in afrikanischen Ländern, Asthma-Tote neben Kupferminen – immer wieder verletzen Multis die Rechte von Menschen und schädigen die Umwelt. Mit der Konzernverantwortungsinitiative sollen nun Schweizer Unternehmen verbindliche Regeln auferlegt werden.

Artikel von Timo Kollbrunner, publiziert im Magazin „Die Genusswoche

Kinder-Überraschung. Da denken wohl auch Sie an ein süsses Ei, innen weiss und aussen braun, das man aus einer Folie schält und dann halbiert, was die farbige Kapsel im Innern freilegt, die man dann öffnet und aus ihr das Spielzeug rausklaubt, um es zusammenzusetzen, gleich wieder zu vergessen und das Ei zu essen. Was dagegen für manche überraschend sein dürfte: Es ist gut möglich, dass in der Folie tatsächlich das steckt, was drauf steht: Kinder-Schokolade. Schokolade aus Kakaobohnen, die von Plantagen stammen, auf denen Kinder arbeiten. Es ist gar wahrscheinlich. Aber man weiss es auch nicht sicher. Und das ist Teil des Problems.

Zwei Millionen erntende Kinder

Der Kakao- und Schokoladenmarkt wird von ein paar wenigen Multis kontrolliert, die Millionen schlecht organisierter, grösstenteils armer Kakaobauernfamilien gegenüberstehen. Wer da bei der Festlegung des Preises am längeren Hebel ist, liegt auf der Hand. Die Kakaobauernfamilien in der Elfenbeinküste und in Ghana – gut zwei Drittel des weltweit verarbeiteten Kakaos stammt von dort – verdienen im Schnitt pro Tag gerade einmal 50 bis 90 US-Cents. So sehen viele Eltern keine andere Möglichkeit, als auch ihre Kinder auf den Plantagen schuften zu lassen – oder gar fremde Kinder, die verkauft oder gekidnappt wurden. Eine Studie der Tulane University kam 2015 zum Schluss, dass alleine in diesen beiden Ländern über zwei Millionen Kinder unter missbräuchlichen Bedingungen auf Kakaoplantagen arbeiten.

Keine Spur von Verantwortung

Ferrero, die Herstellerfirma der Kinderschokolade, ist ein italienisches Unternehmen. Doch befasst man sich mit der Schokoladenindustrie, kommt man an der Schweiz nicht vorbei: Nicht nur der weltweit grösste Kakaoverarbeiter, Barry Callebaut, hat hier seinen Sitz, sondern auch Nestlé oder Lindt & Sprüngli. Für diese Firmen gilt wie für all ihre Konkurrenten im Ausland: Sie können nicht deklarieren, woher ihr Kakao genau kommt. Geerntet von irgendeiner Kleinbauernfamilie, verliert sich die Spur einer Kakaobohne in der Regel spätestens dann, wenn sie in einer grossen Produktionsanlage geröstet wird. Und mit der Spur verliert sich auch die Möglichkeit, die Multis für das Schicksal der Erntenden in die Verantwortung zu nehmen.

Freiwillig reicht nicht

Die Kakao- und Schokoladenindustrie ist ein Beispiel für eine Problematik, die sich mit zunehmender Dringlichkeit stellt: Immer mächtigere Konzerne maximieren ihre Profite auf Kosten jener, die sich nur unzureichend wehren können. Und die Schweiz spielt eine Hauptrolle in diesem Stück: Dank ihrem Wohlstand und ihrer Standortpolitik ist sie Sitz zahlreicher Multis – von manchen der grössten Rohstoffhandelsfirmen über die Big Players der Pharmaindustrie bis zu den Banken – die in menschenrechtlich sensiblen Wirtschaftsbereichen tätig sind.

Manche Unternehmen vergrössern zwar zaghaft ihre Abteilungen für Corporate Social Responsibility, formulieren Absichtserklärungen und machen erste Schrittchen. Doch am Grundproblem hat sich wenig geändert: Nach wie vor werden zu oft Profite über den Schutz von Mensch und Umwelt gestellt. Wenn die jüngere Vergangenheit eines deutlich gemacht hat, dann das: Freiwillige Massnahmen von Unternehmen allein sind offensichtlich kein ausreichendes Mittel, um Menschenrechtsverletzungen zu verhindern und die Umwelt zu schützen.

Verbindliche Regeln für Konzerne

Deshalb hat eine Koalition aus mittlerweile über 80 Organisationen – unter ihnen Public Eye genauso wie Slow Food – die Konzernverantwortungsinitiative lanciert. Unternehmen mit Sitz in der Schweiz sollen verbindlich zur Einhaltung bestimmter Menschenrechts- und Umweltstandards verpflichtet werden –auch bei ihren Tätigkeiten im Ausland. Rasch zeigte sich, dass die Bevölkerung die Dringlichkeit erkennt: Bereits ein Jahr nach der Lancierung waren die Unterschriften beisammen. Und auch die Reaktionen aus der Wirtschaft zeigen, dass das Anliegen einen sensiblen Nerv trifft: Schon jetzt arbeiten die Wirtschaftsverbände Economisuisse und Swissholdings Hand in Hand an einer Gegenstrategie zur Initiative, über die frühestens Ende 2018 abgestimmt wird. Der Abstimmungskampf hat begonnen.

Mehr Informationen zur Konzernverantwortungs-Initiative und Möglichkeiten, sich zu engagieren

Public Eye engagiert sich für jene, unter dem Handeln multinationaler Konzerne leiden. Mit Recherchen und Kampagnen macht Public Eye Ungerechtigkeiten öffentlich, die ihren Ursprung auch in der Schweiz haben. Denn globale Gerechtigkeit beginnt bei uns.

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