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Patagonia: viel Interpretationsspielraum

Patagonia enagiert sich im ökologischen Bereich vorbildlich. Leider übernimmt die Firma in sozialen Aspekten deutlich weniger Verantwortung und lässt insbesonderen im Bereich der Lohnzahlungen und der Arbeitszeitregelung viel Interpretationsspielraum offen.

Mailreaktion der Patagonia auf die Protest-Botschaften Konsumierender, 10.4.2010$

Hallo!Die deutsche Presse hat in letzter Zeit wiederholt über die Arbeitsbedingungen bei den Outdoor-Textilherstellern berichtet. Wir begrüßen dieses Interesse und die Bemühungen für faire Löhne und Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie. Dafür engagieren sich u.a. die Clean Clothes Campaign (CCC), eine internationale Interessenvertretung der Textilarbeiter, sowie zwei Multistakeholder Kontroll- und Schulungs-Organisationen: die europäische Fair Wear Foundation (FWF) und die globale Fair Labor Association (FLA). Wir sind selbst Gründungsmitglied der FLA, die als unabhängige Organisation die Arbeitsbedingungen in den Betrieben überwacht, die unsere Kleidung, Rucksäcke und Accessoires herstellen.

Wir übernehmen mit die Verantwortung dafür, dass in unserer gesamten Zulieferkette faire Arbeitsbedingungen herrschen und Existenzlöhne gezahlt werden. Und wir setzen uns dafür ein, dass diese Grundsätze (einschließlich entsprechender Schulungen und Kontrollen) in der gesamten Branche umgesetzt werden. Doch bislang ist dies in der Bekleidungs- und Outdoor-Industrie leider noch nirgends geschehen.

Eine wirkungsvolle Existenzlohn-Politik erfordert die Zusammenarbeit von Marken, Fabrikanten und Konsumenten. Effizient verwirklichen können sie daher nur gemeinschaftliche Organisationen wie die FLA, die unter ihren Mitgliedern die Einigung auf eine Existenzlohn-Klausel anstrebt, oder die FWF, die dieses Prinzip bereits vertritt (wenngleich es noch nicht in die Praxis umgesetzt wurde). Unabhängig davon streben wir in den Verhandlungen mit unseren eigenen Zulieferern existenzsichernde Löhne für die Menschen, die unsere Kleidung herstellen, an. Dabei sind wir uns durchaus der Tatsache bewusst, dass ein Existenzlohn gar nicht so leicht festzulegen und noch viel schwieriger zu realisieren ist.

Einige der Informationen, die unlängst über Patagonia veröffentlicht wurden, sind leider unzutreffend oder irreführend. Wir wollen daher klärend zu diesen Punkten Stellung nehmen und die dadurch aufgeworfenen Fragen beantworten:

Unterstützt Patagonia das Existenzlohn-Prinzip?

Grundsätzlich ja. Wir konnten es zwar bislang nur in einzelnen Kostenverhandlungen und nicht generell umsetzen, doch wir bemühen uns um einen branchenweiten Existenzlohn mit klaren Definitionen, Schulungen und Kontrollen.

Veröffentlicht Patagonia ein Sozialaudit?

Unsere eigenen Selbstkontrollen werden nicht veröffentlicht, doch die FLA publiziert die Resultate ihrer Kontrollen bei unseren Zulieferern und führt auch unangekündigte Inspektionen unseres Firmenhauptsitzes durch. Außerdem stellen wir eine vollständige Liste unserer Zulieferer ins Internet.

Entspricht der Verhaltenskodex von Patagonia den Grundprinzipien der ILO (International Labour Organization)?

Ja. Unser Kodex entspricht den Grundsätzen der ILO. Er untersagt Kinder- und Zwangsarbeit strikt und betont das Recht auf Versammlungsfreiheit und Tarifverhandlungen.

Mit besten Grüßen, Ihr Patagonia-Team

 

 

Dazu nimmt die Erklärung von Bern / Clean Clothes Campaign am 10.4.2010 folgendermassen Stellung:

Es ist erfreulich, dass sich Patagonia in der Mailantwort an die KonsumentInnen so deutlich zur Zusammenarbeit im Rahmen einer Multistakeholder-Initiative ausspricht. Als FLA-Mitglied lebt Patagonia diesem Grundsatz auch bereits nach.

Doch bezüglich Existenzlohn hat die Firma Nachholbedarf: Patagonia behauptet, dass sie sich zum Existenzlohn-Prinzip bekennt. Im Verhaltenskodex von Patagonia ist dies jedoch nicht ersichtlich, die Firma bekennt sich dort klar nur zur Bezahlung der gesetzlichen Mindestlöhne. Ausserdem findet sich im Verhaltenskodex von Patagonia eine schwammige Formulierung bezüglich Arbeitsstunden: die Firma verlangt, dass die ArbeiterInnen in den Zulieferbetrieben –ausgenommen sind „aussergewöhnlichen Geschäftsumstände“- nicht mehr als 60 Stunden pro Wochen arbeiten. Damit lässt Patagonia auch Arbeitswochen mit mehr als 60 Stunden zu, definiert nicht, welcher Anteil der Wochenstunden als Überzeit gilt, und verhindert damit klare Regelungen zur Überzeitbezahlung der ArbeiterInnen. (Die CCC fordert eine Standardwoche von max. 48 Stunden sowie max. 12 Stunden Überzeit pro Woche, zu einem höheren Überstundentarif, und nicht auf regelmässiger Basis.).

Patagonia lässt im Verhaltenskodex eindeutig zuviel Interpretationsspielraum offen. Die Firma veröffentlicht auch keinen Nachhaltigkeitsbericht, sondern verweist auf die „Footprint-Chronicle“, ein Online-Tool, das der Besucherin erlaubt, ausgewählte Produkte auf ihrem Herstellungsprozess zu begleiten. Zwar ist dieses Tool interessant, doch es fokussiert praktisch nur auf ökologische Aspekte. Ein Nachhaltigkeitsbericht mit klaren Zielen und ausgewiesener Zielerreichung, sowie klare Bekenntnisse im Verhaltenskodex würden das Engagement von Patagonia glaubwürdiger machen.

 

 

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