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Riesenprojekt von Shell auf der Russischen Insel Sachalin

Zur Neige gehende Vorräte und hohe Marktpreise verleiten Erdölkonzerne zu immer unwägbareren Risiken. Shell nimmt sogar das Aussterben einer Walart in Kauf. Und die Credit Suisse hilft dabei.

Sachalin II ist ein wegweisendes Projekt», sagte der CEO von Shell, Jeroen van der Veer, Ende März im «Tages-Anzeiger» (TA vom 28. 3.). Das von Shell dominierte und in der Steueroase Bermudas registrierte Konsortium Sakhalin Energy Investment Company baut auf der ostsibirischen Insel Sachalin ein gigantisches Öl- und Gasförderprojekt. Vergangenen Sommer tönte es in der «Financial Times» noch ganz anders. Derselbe van der Veer schrieb dort: «Wir machen einige Projekte sehr gut. Das grosse Sachalin-Projekt und einige andere gehören nicht dazu.» Damals musste er der Finanzpresse und seinen verdutzten Aktionären eine der grössten Kostenüberschreitungen der Geschichte schmackhaft machen: Shell gab bekannt, dass Sachalin II nicht wie geplant 10, sondern 20 Milliarden US-Dollar kosten werde.

Der neue Optimismus des Shell-Chefs hat einen einfachen Grund: In den nächsten Wochen wird die Europäische Entwicklungsbank (EBRD) darüber entscheiden, ob sie das Sachalin-Projekt mit einem Kredit unterstützt. Mitgefiebert wird auch am Paradeplatz, denn die Credit Suisse ist «Financial Advisor» von Sakhalin Energy: Sie berät das Konsortium bei der Zusammenstellung des Finanzierungspakets. Als Ergänzung zur Finanzierung durch öffentliche Institute wie der EBRD versucht die CS, ein Konsortium privater Geschäftsbanken zu gewinnen. Ein negativer EBRD-Entscheid hätte zur Folge, dass kaum eine der grossen Investmentbanken die immensen Risiken dieses Prestigeprojekts mittragen würde.


Retrospektive Umweltprüfung
Bis Mitte April lief bei der EBRD eine viermonatige Anhörung, während der die Umwelt- und Sozialverträglichkeitsprüfung des Projekts kontrovers diskutiert wurde. Entgegen der Unterstellung des Shell-Chefs hat Sachalin II die Umweltverbände nicht mit «Industriepartnern, Regierungen und Finanzinstitutionen (. . .) zusammengebracht». Im Gegenteil: Eine breite Koalition von Nichtregierungsorganisationen, die vom WWF bis zu lokalen Gruppen reicht und Fischer sowie Vertreter der indigenen Völker Sachalins mit einschliesst, bekämpft das Projekt geschlossen. Kein Wunder, schliesslich birgt es immense Gefahren für Menschen und Umwelt.

So geschieht die Förderung auf zwei Öl- und einer Gasplattform vor der Küste Sachalins, von wo eine Meeresboden-Pipeline ans Festland führt. Diese Plattformen stehen am Rande der einzig bekannten Sommer-Nahrungsgründe des Westpazifischen Grauwals. Dieser gehört zu den am meisten vom Aussterben bedrohten Arten, gibt es davon doch nur noch etwa 100 Tiere, wovon lediglich 23 geschlechtsreife Weibchen sind. Jede Störung durch Lärm, Kollisionen mit Schiffen oder Ölverschmutzung würde wohl das endgültige Ende der West- pazifischen Grauwale bedeuten.

Weil die Märkte Asiens und der USA am lukrativsten sind, wird das Öl und Gas von Sachalin nicht in das bestehende russische Pipelinenetz eingespeist, sondern mit Tankern exportiert. Dafür muss es aber zuerst in die eisfreien Häfen im Süden der Insel gebracht werden. Dazu werden längs über die schmale Insel zwei 800 Kilometer lange Pipelines gebaut. Diese werden 1103 Flüsse und Bäche durchkreuzen und deren Ökosysteme massgeblich beeinträchtigen. Technische Lösungen existieren nur für eine verschwindende Minderheit der Flussüberquerungen; in den meisten Fällen wird einfach durch den Fluss gebaggert. Die Trübung durch aufgewirbeltes Material und Erosion bedroht die flussabwärts liegenden Laichgründe von Lachsen und bedrohten Fischarten.

Im Süden der Insel angelangt, muss das Erdgas für den Export erst noch verflüssigt werden, wofür die weltweit grösste Flüssiggasanlage gebaut wird. Obwohl es andere Möglichkeiten gegeben hätte, wurde ausgebaggertes Material einfach in die fischreiche Aniva-Bucht gekippt. Mit der Fischerei, dem bislang wichtigsten Wirtschaftsfaktor der Insel, ist auch die Lebensweise der indigenen Völker Sachalins gefährdet.

Der Entscheid über die Umwelt- und Sozialverträglichkeitsprüfung durch die EBRD hat aber auch deswegen etwas Surreales, weil über die Hälfte des Projekts bereits realisiert ist. Schon 2003 hatte die EBRD die von Shell vorgenommene Umweltverträglichkeitsprüfung überprüft und als unzureichend zurückgewiesen. Dennoch trieb Shell den Bau voran. In der Zwischenzeit sind bereits Schäden unbekannten Ausmasses entstanden, die auch die beste Umweltverträglichkeitsprüfung nicht rückgängig machen kann.

Ähnlich hemdsärmelig geht Shell mit der Gefahr eines grossen Ölunfalls um. Dessen Wahrscheinlichkeit beträgt nach Shells eigenen Schätzungen über die 40-jährige Lebensdauer des Projekts 24 Prozent. Für das dramatischste Szenario, einen Unfall auf einer Ölförderplattform im Winter, gibt es bisher überhaupt keine Vorkehrungen. Man arbeite daran, sagte Shell gegenüber Nichtregierungsorganisationen, und bis die Ölproduktion aufgenommen werde, sei man so weit. Allerdings gibt es für Massnahmen gegen Ölunfälle im arktischen Winter keine Beispiele. Schwimmende Barrieren, die ausgelaufenes Öl aufhalten, sodass es von Spezialschiffen abgesaugt werden kann, sind in einem zugefrorenen Meer jedenfalls nicht einsetzbar. Vor kurzem schickte Shell einen «Projektmanager für die Antwort auf Ölunfälle» (Oil Spill Response Project Manager) an ein Treffen mit Walexperten. Dass dieser bisher als Pressesprecher von Sakhalin Energy amtete, wirft ein Licht auf die Ernsthaftigkeit dieser Geste.

Warum stürzt sich Shell in ein solches Hochrisiko-Projekt, das kurzfristige Profite über alles setzt und die sonst sorgsam gepflegte Verantwortungsrhetorik des Unternehmens Lügen straft? Erstens: Im Jahr 2004 musste Shell die Angaben über seine Reserven fünfmal nacheinander nach unten korrigieren. In einer Zeit, in der das Öl unweigerlich zur Neige geht, sind die «bewiesenen Reserven» jedoch ausschlaggebend für den Aktienkurs. Mit Sachalin II will Shell beweisen, dass es die existierenden Reserven auch ausbeuten kann.

Zweitens will sich der Konzern fit machen für arktische Abenteuer. Wohin diese Reise geht, illustrierte auch eine Diskussion der «Strategic Partners» am diesjährigen WEF über das «Rennen zum Nordpol». «Das Schmelzen der Eisschicht könnte die möglicherweise riesigen Erdölvorkommen, die darunter liegen, freisetzen.»

Zur Erinnerung: Das Eis schmilzt, weil das CO2 aus dem Verfeuern fossiler Brennstoffe den Treibhauseffekt verstärkt. Dagegen hilft nur der Aufbau einer kleinräumigen, dezentralen Energieversorgung auf der Basis erneuerbarer Energien. Als «Erdöl-Partnerschaften» kaschierte Giga-Projekte und arktische Phantasien beschleunigen nur den Klimakollaps.

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