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Tagebuch von der WTO-Ministerkonferenz in Hongkong

Von Marianne Hochuli, Erklärung von Bern, abgedruckt im Winterthurer Stadtanzeiger

Montag, 12.12.05
Im Flughafen von Hongkong erlebe ich einen perfekt organisierten Empfang.
Junge Frauen heissen mich willkommen, führen mich zur Zollabfertigung, zur
Gepäckausgabe, zum wartenden Bus. Alles ist viel einfacher als vorgestellt.
Ich schaffe es noch an diesem Abend, den für die WTO-Konferenz notwendigen
Eintrittspass zu holen. Etwas verloren sitze ich danach im eiskalten Hotel-Restaurant.
Auf dem Weg ins Zimmer begegne ich Kolleginnen aus dem WTO-Netzwerk aus
acht verschiedenen Ländern. Die Kälte verschwindet sofort.

Dienstag, 13.12.05
Beim ersten Versuch, das Tagungszentrum zu finden, in dem heute für sechs
Tage die WTO-Verhandlungen beginnen, verlaufe ich mich. Wunderbar, diese
engen Gassen, mit kleinsten Läden, mit Gemüse, Blumen und Tieren. Nach dem
kleinen Umweg das Eintreten ins monumentale Verhandlungszentrum, durch zahlreiche
Sicherheitskontrollen. Selbst meine Wasserflasche wird geöffnet und beschnuppert.
Dieselbe Prozedur wiederholt sich täglich mehrere Male. Um 13 Uhr haben wir
eine erste Vernetzungssitzung mit vielen anderen Nichtregierungsorganisationen
(NGOs). Draussen im Viktoria Park beginnt eine Demonstration, aber dorthin
schaffen wir es nicht. Gegen Abend findet das erste Treffen mit Bundesrat
Deiss und der Schweizer Delegation statt. Dies wird nun das abendliche Ritual
sein. Bundesrat Deiss streicht das Engagement der Schweiz für die ärmsten
Entwicklungsländer hervor. Ich bin skeptisch: Warum wird nur noch von den
30 allerärmsten WTO-Ländern gesprochen? Finden die Bedürfnisse der anderen
Entwicklungsländer keine Beachtung mehr?

Mittwoch, 14.12.05
Beim Frühstück treffe ich meine irische Kollegin Maeve. Beide haben wir bis
morgens um drei Uhr nicht geschlafen, der Jet Lag macht sich bemerkbar. Dennoch
gehen wir an das morgendliche Netzwerktreffen, wo wir jeweils alle Informationen
des vorhergehenden Tages austauschen. An diesen Treffen nehmen manchmal bis
zu 100 Leute teil. Die einen verfolgen die Verhandlungen von nahe, die andern
nehmen an den zahlreichen Veranstaltungen im Viktoria Park teil. Um 11 Uhr
bin ich von der indischen NGO Equations zu einer Podiumsdiskussion eingeladen.
Ich soll darüber sprechen, inwiefern die WTO-Regelungen eine nachhaltige
Tourismusplanung einschränken könnten. An dieser Veranstaltung erzählt ein
Kollege aus Peru vom Dorf Kuelap, einer wichtigen kulturellen Stätte. Dort
soll ein ausländischer Investor mehrere Luxushotels bauen, ohne jeglichen
Dialog mit der einheimischen Bevölkerung. Wir diskutieren, von welcher Art
von Tourismus auch die ärmere Bevölkerung in Entwicklungsländern profitieren
kann.

Donnerstag, 15.12.05
Heute möchte ich am Morgen ausbrechen, nicht nur diese Verhandlungsathmosphäre
erleben, sondern die Menschen, um die es geht. Im Viktoriapark haben zahlreiche
Organisationen Veranstaltungen zum Thema Welthandel organisiert. Drei Frauen
aus Kambodscha erzählen mir, dass sie extra nach Hongkong gereist seien,
um auf die Folgen des WTO-Landwirtschaftsabkommens aufmerksam zu machen.
Vor zwei Jahren sei Kambodscha Mitglied der WTO geworden und habe den Markt
öffnen müssen. Nun werde das Land überschwemmt mit billigen Importen aus
Thailand und Vietnam. Darum könnten sie ihr eigenes Gemüse, wie Kohl und
Karotten, nicht mehr verkaufen. Die Begegnung ist kurz, intensiv, herzlich
und stärkt mich.

Freitag, 16.12.05
Ich habe sechs Stunden geschlafen und fühle mich erholt. An der morgendlichen
Sitzung der NGOs planen wir eine kleine Presseaktion, um auf die negativen
Auswirkungen von Privatisierungen der Wasserversorgungen aufmerksam zu machen,
da die WTO solche Privatisierungen fördert. Um 12 Uhr stehen wir gemeinsam
vor dem Pressezentrum, singen ein Lied mit einem entsprechenden Text und
scheppern mit unseren leeren Wasserflaschen, die kleine Münzen enthalten.
Innert Minuten sind wir von Fotografen umringt, die froh sind, nicht nur
immer dieselben Konferenzfotos knipsen zu müssen. Aktionen solcher Art finden
jeden Tag statt; sie sind lustvoll, gewaltlos und ernten Sympathien.

Samstag, 17.12.05
Das Ziel dieser WTO-Ministerkonferenz ist eine ausführliche, von allen 150
WTO-Mitgliedländern akzeptierte Ministererklärung, die die zukünftige Richtung
des Welthandels vorgibt. Heute kommt eine neue Fassung des Texts heraus.
Gegen die alte Fassung opponierten die Entwicklungsländer zu Recht. In Gruppen
analysieren wir den neuen Text. Er enthält nur einige kosmetische Änderungen - also keine Änderungen für ärmere Länder. Gegen Abend setzt die Polizei Tränengas gegen Demonstrierende ein. Das Stadtviertel ist in Aufruhr.

Sonntag, 18.12.05
Um 18 Uhr erfahre ich das Ergebnis der WTO-Ministerkonferenz. Die Ministererklärung
wurde akzeptiert. Bundesrat Deiss gibt an einer Pressekonferenz seiner Freude
Ausdruck. Wir drei in Hongkong anwesenden Schweizer NGOs verfassen eine Medienmitteilung,
in der wir unsere Besorgnis ausdrücken.

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