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Wieviel ist ein Wal wert? Credit Suisse, sibirisches Öl und der Grauwal

Was hat ein Wal auf dem Paradeplatz verloren? Einiges, denn bei der Credit Suisse laufen die Fäden für die Finanzierung eines Öl- und Gasförderprojektes zusammen, welches den Westpazifischen Grauwal existentiell bedroht.

Auf der Insel Sachalin vor der Küste Ostsibirien ist der Ölboom ausgebrochen. Sachalin, in der Sprache der Ureinwohner liebevoll «das wilde zerzauste Tier» genannt, ist 948 Kilometer lang und zwischen 27 und 160 Kilometer breit. Seit 1998 werden auf der Bohrinsel vor der Bucht von Piltun während der eisfreien Sommermonate täglich etwa 12 Millionen Liter Öl gefördert und auf Tanker verladen. Betrieben wird die Bohrstation von der «Sakhalin Energy Investment Company» (SEIC). Dieses in der Steueroase Bermudas angesiedelte Unternehmen wird von Shell kontrolliert, kleinere Anteile halten die japanischen Konzerne Mitsui und Mitsubishi. Weiter nördlich gibt es eine weitere Förderplattform, die von Exxon gemeinsam mit der russischen Neftegas unterhalten wird.


Vor der Insel Sachalin liegt nicht nur Öl, sondern im Ochotskischen Meer tummelt sich auch eine der am stärksten bedrohten Walpopulationen der Weltmeere, der Westpazifische Grauwal. Vermutlich leben nur noch etwa 100 Tiere dieser Grauwal-Unterart, davon etwa 20 fortpflanzungsfähige Weibchen.
Die Öl- und Gasförderung bringt empfindliche Störungen für die Wale. So beträgt zum Beispiel der Unterwasserlärmpegel eines Tankers in 30 Kilometer Entfernung 153 Dezibel. Zum Vergleich: die Schmerzgrenze des menschlichen Gehörs liegt bei 130 Dezibel und entspricht der Lautstärke eines Presslufthammers. Wale, die sich per Schallwellen orientieren und kommunizieren, reagieren äusserst sensibel auf Lärmbelastung. Die Grauwale stehen deshalb unter erheblichem Stress. Forscher registrieren seit 1999 eine Zunahme an abgemagerten Individuen. Zudem zeigen die Studien auch, dass die Westpazifischen Grauwale im Gegensatz zu ihren amerikanischen Verwandten weniger Nachwuchs produzieren. Während an der kalifornischen Küste ein Weibchen alle zwei Jahre ein Jungtier zur Welt bringt, dauert es im Westpazifik drei Jahre.

Neue Gefahren für die Wale: Megaprojekt Sachalin II

Die von Shell dominierte «Sakhalin Energy Investment Company» will in den nächsten Jahren zwei neue Offshore Förderplattformen bauen, welche die neue und die alte Plattform mit Unterwasserpipelines vebinden. Hinzu kommen zwei mehr als 800 Kilometer lange Pipelines für Öl und Erdgas, eine Anlage zur Herstellung von Flüssiggas und ein Verladehafen in der Aniva Bucht. Das Erdgas soll so nach Nordamerika, Japan und Korea exportiert werden. «Sachalin II», wie das Projekt genannt wird, wäre mit mindestens 12 Milliarden Dollar Kosten die teuerste Öl- und Gasförderanlage. Dieser Ausbau könnte das Ende des westpazifischen Grauwals bedeuten.
Im Februar veröffentlichten Experten der Weltnaturschutzunion (International Union for the Conservation of Nature, IUCN) eine Studie über die Gefährdung der Grauwale durch Sachalin II (siehe unter «weiterführende Informationen»).

Die Studie war von SEIC selbst in Auftrag gegeben worden. Folgende Gefahren für die Grauwale werden in der Studie erwähnt:
• Lärm und Stress könnten die Wale von ihren Nahrungsgründen vertreiben. Vor allem Jungtiere, welche im Sommer nicht genug Nahrung zu sich nehmen, überleben den kommenden Winter nicht.
• Während der Bauarbeiten nimmt der Schiffsverkehr massiv zu. Auch dies ist eine Störungsquelle für die Wale, darüber hinaus drohen Kollisionen mit Schiffen, die für die Wale tödlich enden können.
• Die Bauarbeiten haben direkte Auswirkungen auf die Meeresbodenfauna, die den Grauwalen als Nahrung dient. Wassertrübungen durch aufgewirbelte Sedimente während der Bauarbeiten könnten die Nahrungsgrundlage der Grauwale beeinträchtigen.
• Nicht nur während des Baus, sondern auch darüber hinaus, könnte ein Unfall mit austretendem Öl schlagartig die Nahrungsgrundlage und die Wale selbst schädigen. Die besonders harten klimatischen Bedingungen mit langen Vereisungsperioden im Winter belasten die Förderanlagen überdurchschnittlich.


Die Walexperten gehen dabei davon aus, dass allein der zusätzliche Tod eines weiblichen Wals pro Jahr durch Sachalin II zum Aussterben des WestpazifischenGrauwals führen würde. Sie raten deshalbdie gegenwärtigen Operationen einzustellen und die weitere Entwicklung der Öl- und Gasvorkommen in der Nähe der Nahrungsgründe der Grauwale vor Sachalin aufzuschieben Als Reaktion auf die Studie hat Sakhalin Energy angekündigt, eine Pipeline zu verlegen, so dass diese die Nahrungsgründe nicht mehr direkt durchschneidet. Dieser Schritt ist sicher wichtig, aber nicht ausreichend, um die Gefährdung der Wale zu beseitigen. Die Experten hatten vorgeschlagen, auch die Förderplattformen weg von den Nahrungsgründen der Grauwale zu verlegen, um die Gefahr durch austretendes Öl zu reduzieren. SEIC und Shell lehnen dies ab.

Nicht nur die Wale leiden: Indigene Lebensweise bedroht

Leidtragende des Ölbooms auf Sachalin sind auch die Ureinwohnervölker der Insel, die Niwchen, Nanai, Oroken, Orochen und Ewenken. Sie sind traditionell Fischer und Rentierzüchter. Deshalb sind sie auf eine intakte Umwelt angewiesen. Ihre Interessen wurden bislang übergangen: Versuche der Vereinigung der Urvölker auf Sachalin und des Dachverbands der Ureinwohnervölker Sibiriens RAIPON, Verhandlungen über grössere Mitbestimmung mit den Konzernen und den lokalen Behörden zu führen, scheiterten im Dezember 2004. Deshalb haben die Ureinwohner im Januar 2005 angefangen, mit gewaltlosen Besetzungen der Pipeline-Baustellen zu protestieren. Sie fordern eine umfassende «Kulturverträglichkeitsprüfung» des gesamten Projektes.
Die Röhren der Öl und Gaspipeline werden 1103 Flüsse und Bäche durchkreuzen, Laichgründe für Lachse und andere bedrohte Fischarten beeinträchtigen. Die bisherigen Pläne sehen nur für eine verschwindende Minderheit der Flussüberquerungen technische Lösungen vor, welche die Flussökosysteme wenig stören. In den meisten Fällen wird einfach durch den Fluss gebaggert, die Trübung durch aufgewirbeltes Material und durch Verschmutzungen von den Baumaschinen bedroht die flussabwärts liegenden Laichgründe.


Am südlichen Ende der Pipelines wird in der Aniva Bucht die weltweit grösste Flüssiggasanlage gebaut. Auch hier werden die Gewässer während des Baus und darüber hinaus belastet. Bereits im vergangenen August hat Sachalin Energy der Lokalbevölkerung verboten, in der Nähe der Baustelle zu fischen. Die Fischerei ist für die lokale Wirtschaft Sachalins zentral und Teil der Kultur der indigenen Völker.

Katastrophen und Erdbeben

Die Meeres- und Landökosysteme Sachalins sind abgesehen von der schleichenden Beeinträchtigung durch den Bau der Öl-und Gasförderanlagen auch durch einen Unfall mit anschliessender Ölpest bedroht. Über die gesamte Projektdauer von etwa 40 Jahren beträgt das Risiko für eine Ölkatastrophe bei den Plattformen 3 Prozent, die Gefahr eines Lecks in den Pipelines sogar 24 Prozent.
Wegen den extremen Wetterbedingungen und der Vereisung im Winterhalbjahr sind die herkömmlichen Massnahmen zur Eindämmung von Ölkatastrophen möglicherweise weniger wirksam. Nach Angaben der Zeitung Wall Street Journal von September 2002 sind die Vorkehrungen, die SEIC gegen austretendes Öl getroffen hat, weit unter dem Standard, der in Kanada, Norwegen oder Britannien üblich ist. Ausserdem sind sie nicht zu vergleichen mit den Schutzmassnahmen, die der Ölindustrie nach der Exxon Valdez Katastrophe in Alaska auferlegt wurden.
Bei einem kleinen Unfall im vergangenen Herbst, bei dem Treibstoff aus einem leckgeschlagenen Arbeitsschiff austrat, mussten die Geräte zur Eindämmung des Öls zuerst vom anderen Ende der Insel herbeigeschafft werden und es dauerte 48 Stunden bis zu ihrem Einsatz. Ein fünf Kilometer langer Küstenabschnitt wurde dadurch verschmutzt.
Sachalin liegt in einer seismisch sehr aktiven Zone mit starken Erdbeben. Im Mai 1995 zerstörte ein kräftiges Erdbeben die Stadt Neftegorsk auf Sachalin. Die Pipeline führt an 24 Stellen über besonders erdbebengefährdete Falten und die Technologie, welche Shell für die Untersee-Pipelines anwendet wurde bisher noch nie in einem ähnlich gefährdeten Gebiet ausprobiert.


Ein schlechtes Geschäft für Russland Projekte dieser Grössenordnung und die Risiken, die sie für die Umwelt und die Lokalbevölkerung mit sich bringen, werden üblicherweise mit dem wirtschaftlichen Nutzen für das Gastland begründet. Eine Analyse des sogennanten «Production Sharing Agreement» (siehe unter «weiterführende Informationen»), des Abkommens über die Verteilung der Förderung zwischen Sakhalin Energy und dem russischen Staat kommt zum Schluss, dass Russland aussergewöhlich schlecht weg kommt. Normalerweise legen solche Abkommen fest, dass nach der Deckung der Investionskosten die Produktion nach einem festgelegten Schlüssel geteilt wird. Im Falle von SEIC erhält Russland einen Anteil an den Öleinnahmen erst, wenn SEIC eine Nettorendite von 17,5 Prozent macht. Den vollen Anteil gibt es sogar erst, wenn die Nettorendite 24 Prozent beträgt. Das Risiko bei einem ökonomischen Fehlschlag trägt also vor allem Russland. Die Lizenzzahlungen (Royalties) für das geförderte Öl liegen zudem mit 6 Prozent unter den üblichen Standards für vergleichbare Projekte (10 bis 20 Prozent) und SEIC erhielt einen 3 Prozent geringeren Gewinnsteuersatz zugesprochen als der, welcher zur Zeit des Vertragsabschlusses in Russland galt.

Erdgas als saubere Energiequelle?

In Sachalin wird neben Öl auch Erdgas gefördert und exportiert werden. Erdgas gilt normalerweise als saubere Energiequelle, weil es pro Energieeinheit weniger Treibhausgase produziert als Kohle oder Öl. Die internationale Energieagentur schätzt aber, dass bis zu 2,3 Prozent des transportierten Erdgases in Pipelines und Flüssiggastankern verloren gehen könnte. Das dabei austretende Methan ist ein 20 mal stärkeres Treibhausgas als Kohlendioxid, das bei der Verbrennung entsteht.

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