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Angesichts einer Anwerbequote, die zwanzig Mal höher ist als in Westeuropa, zögert die Pharmaindustrie nicht, ihre Medikamententests in Länder der ehemaligen Sowjetunion, wie der Ukraine, zu verlagern. Wie Russland auch, versucht die Ukraine, ihre Gesetzgebung an die europäische anzugleichen – die Anpassungen sind aber noch nicht in Kraft getreten. 

Seit 1996 erlebt das Geschäft mit klinischen Versuchen in der Ukraine einen Boom. Das Land bietet den Pharmaunternehmen unzählige Vorteile: Es liegt nahe an der EU,  befindet sich in einer schwierigen Wirtschaftslage und das staatliche Gesundheitssystem lässt zu wünschen übrig Ausschlaggebend werden zu guter Letzt jedoch die niedrigen Kosten sein: Die Durchführung solcher Tests kosten in der Ukraine zweimal weniger als in Westeuropa. Zwischen 2001 und 2009 explodierte die Anzahl der Stätten für klinische Versuche von 175 auf über 1'300 – und dies gemäss offizieller Zahlen.

Mit den klinischen Versuchen wuchs auch die Anzahl der ethischen Verstösse. Die politische Instabilität des Landes begünstigte diese Entwicklung. Obwohl die Ukraine jüngst internationale Standards in ihre Gesetzgebung aufgenommen hat, haben noch immer nicht alle SchlüsselakteurInnen diese Reformen durchgesetzt. Dies gilt insbesondere für die MedizinerInnen und die Ethik-Kommissionen. Früher zentral verwaltet, liegt die Verantwortung für die Genehmigung von Versuchen seit Mitte 2012 nun bei den lokalen Ethik-Kommissionen. Mangels Mitteln und eines klaren Rahmens sind diese Kommissionen weit davon entfernt, ihre Kontrollfunktion zu übernehmen. Zudem sind diese Ethik-Kommissionen an jene Einrichtungen angeschlossen, die klinische Versuche durchführen, und deshalb alles andere als unabhängig oder neutral. Dass der für ethische Kontrollen zuständige Ausschuss des Gesundheitsministeriums im April 2012 seine Arbeit einstellte, ist eine weitere beunruhigende Regulierungslücke.

Eine öffentliche Debatte zu diesem Thema wird nicht geführt. Für die PatientInnen stellen klinische Versuche einen Zugang zu einer privilegierten Gesundheitsversorgung dar, die sie sich andernfalls nie hätten leisten können. In besonders skandalösen Fällen sprechen ÄrztInnen von einem «kostenlosen, humanitären Behandlungsprogramm », und erwähnen nicht, dass es sich in Wahrheit m einen klinischen Versuch handelt. Andere spielen die Wichtigkeit der Einwilligungsvorschriften herunter und behaupten dass ein Familienmitglied anstelle der PatientInnen das entsprechende Formular unterzeichnen darf. Weil die Gesetzgebung in bestimmten Fällen die Unterzeichnung durch Dritte zulässt, sind Mitarbeitende von verschiedenen Krankenhäusern sogar so weit gegangen, die Formulare selbst zu unterzeichnen.

Waisen als Testpersonen?

Im März 2013 haben ukrainische ParlamentarierInnen illegale Praktiken pharmazeutischer Unternehmen in ihrem Land kritisiert. So wurden zwischen 2011 und 2012 drei klinische Versuchsreihen mit Kindern durchgeführt, darunter Waisen. Damit Kinder an einem klinischen Versuch teilnehmen dürfen, bedarf es jedoch der Einwilligung beider Elternteile. Falls ein Kind Waise ist, so ist die Zustimmung einer Regierungsvertretung notwendig. Ukrainische Abgeordnete bestätigten, dass diese Auflage in mehreren Fällen Auflage missachtet wurde. Zudem wurden klinische Versuche auch an Einrichtungen durchgeführt, die nicht über die notwendigen Genehmigungen verfügten. Die ukrainische Regierung hat diese Anschuldigungen dementiert. Die pharmazeutischen Unternehmen schwiegen dazu.