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Pharma, Profit & Politik 3/5: Schottland

Mit Dunise gegen die britische Ungleichbehandlung

Überhöhte Preise erschweren zunehmend auch in reichen Ländern den Zugang zu Medikamenten – zum Beispiel in Schottland. Während der National Health Service (NHS) in England die Behandlung mit dem Brustkrebsmedikament Perjeta vergütet, müssen Schottinnen für diese selbst aufkommen. Der Grund: Das Medikament ist zu teuer. Eine Kampagne fordert nun ein Ende dieser Ungleichbehandlung.


Zweiklassengesellschaft  auf der Insel: Während der National Health Service (NHS) Englands im Februar 2018 das Roche-Krebsmedikament Perjeta in die Liste der rückvergüteten Behandlungen aufgenommen hat (wenn auch erst nach einer in geheimen Verhandlungen mit Roche erzielten Preissenkung in unbekannter Höhe), müssen die Krankenkassen in Schottland Perjeta nicht vergüten. Der NHS ist zwar in ganz Großbritannien präsent, doch bezüglich Kostenerstattungskriterien sind die einzelnen Staaten autonom. Auch der Pharma-Ombudsmann Englands hatte die Erstattung von Perjeta durch den NHS wegen dem ungünstigen Kosten-Nutzen-Verhältnis abgelehnt – bis die Preissenkung kam. Da diese nicht für Schottland gilt, sieht dort das Kosten-Nutzen-Verhältnis bis heute gleich schlecht aus wie in England vor der Preissenkung – zu schlecht, als dass die Kassen die Kosten übernehmen würden.

Inakzeptable Diskriminierung

Die Folge ist, dass sich die etwa tausend schottischen Patientinnen, die unter dem aggressiven HER2-positiven Brustkrebs leiden, nur mit Perjeta behandeln lassen können, wenn sie über die Mittel verfügen, das Medikament selbst zu bezahlen – während die Behandlung ihren englischen Leidensgenossinnen voll vergütet wird. Für die Patientinnen- und Patientenorganisation «Just Treatment» ist das eine inakzeptable Diskriminierung: Im April dieses Jahres hat sie deshalb die schottische Regierung aufgefordert, das Instrument der Zwangslizenz anzuwenden, um den Preis für Perjeta auf ein erschwingliches Niveau zu senken.


«Absolut unfair»

Das Gesicht der Kampagne ist jenes von Dunise. Die Schottin zog 2012 aus ihrer Heimat nach London, um eine Stelle als Krankenschwester anzutreten. 2015 wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert. Sie sollte mit Chemotherapie, Herceptin und Perjeta behandelt werden.

Sie fragte ihren Arzt, ob sie sich allenfalls in Schottland, in der Nähe ihrer Familie und Freunde, behandeln lassen könnte. Da erfuhr sie, dass sie Perjeta in ihrer Heimat nicht vergütet bekäme. «Es war eine ziemlich schwere Entscheidung, zu wählen zwischen der Option, auf mich allein gestellt zu sein und ein Medikament zu erhalten, das mein Leben retten könnte, oder nach Hause zu ziehen und mit meiner Familie zu sein», sagt sie im Kampagnenvideo. Sie blieb in London, die Behandlung war ein Erfolg. «Die Situation ist absolut unfair», sagt Dunise. «Aber die schottische Regierung hat die Möglichkeit, Roches Monopol zu brechen.» Dunises Apell an die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon: «Nutzen Sie Ihre Macht, damit das Leben von Patientinnen vor den Profiten von Roche Vorrang hat.»

>> Teil 4/5: "Pharma, Profit & Politik: Schweiz"


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Über den Artikel

Dieser Artikel erschien in der Sonderausgabe des Public Eye Magazin "Stoppt die kranken Medikamentenpreise!". Bestellen Sie unser Probe-Abo und erhalten Sie die nächsten drei Ausgaben unseres Magazins unverbindlich direkt nach Hause geschickt. Oder werden Sie Mitglied und erhalten Sie 5x jährlich das Public Eye Magazin mit exklusiven Geschichten, scharfen Analysen und mutigen Reportagen.

 

Kampagne für bezahlbare Medikamente

Weltweit haben mehr als 2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu essentiellen Medikamenten. Dieses Problem betrifft nicht nur Entwicklungsländer, sondern auch reiche Länder wie die Schweiz. Die Ursache: Die Explosion der Medikamentenpreise. Dank Patenten können die Pharmaunternehmen die Preise nach Belieben festlegen, Regierungsbemühungen sind zahnlos. Doch es existiert ein effizientes Mittel: Mit dem Erlass einer Zwangslizenz kann ein Staat den Verkauf von günstigeren Generika erlauben und damit den Zugang zu Medikamenten gewährleisten. Public Eye hat die Situation in der Schweiz analysiert und eine Sammelbeschwerde an den Bundesrat lanciert, mit der Forderung, sich für bezahlbare Medikamente einzusetzen.