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Forderungen

1. Firmen übernehmen umfassende Verantwortung für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Kleiderfabriken

Die Clean Clothes Campaign, der verschiedenste soziale und politische Organisationen angehören und die in der Schweiz von Public Eye koordiniert wird, fordert Markenfirmen auf, ihrer sozialen Verantwortung umfassend gerecht zu werden und Nachhaltigkeit nicht nur als Einhaltung ökologischer Standards oder Wirtschaftlichkeit zu verstehen. Grundlegende Sozialstandards, insbesondere die Zahlung eines existenzsichernden Lohnes und das Recht auf Organisationsfreiheit, müssen im weltweiten Zuliefernetz konsequent umgesetzt und durch unabhängige externe Institutionen wirksam kontrolliert werden. Markenfirmen sind dabei aufgefordert, ihren Beitrag zu leisten, die Zulieferer in ihrer Entwicklung zu unterstützen und die eigene Einkaufspolitik so anzupassen, dass soziale Standards auf Fabrikebene umsetzbar sind.

2. KonsumentInnen können sich unabhängig informieren und eine bewusste Kaufentscheidung treffen

Soziale Nachhaltigkeit wird zunehmend zu einem Thema im Marketing. Wenn KonsumentInnen heutzutage nach den Produktionsbedingungen fragen, erhalten sie von den Marketing- und Kommunikationsabteilungen der Markenfirmen umfassende Antworten. Doch sind die Antworten als leere Werbeversprechen oder als echtes Engagement einzuschätzen? Die vorliegende Firmenbewertung soll dazu beitragen KonsumentInnen über das Engagement der verschiedenen Firmen zu informieren und ihnen eine Einschätzung seitens der Clean Clothes Campaign zu geben.

Was heisst „soziale Verantwortung“?

Wenn auch die ökologische und soziale Unternehmensverantwortung in einer nachhaltigen Wirtschaftsweise zusammengehören, müssen sie doch unterschieden werden. Ökologische Standards in der Produktion können und werden durch externe Kontrollen von Zertifizierungs- und Überprüfungsinstituten erfasst. In der Folge kann die Implementierung des Standards vorangetrieben und mit Hilfe technischer Tests geprüft werden. Im Bereich der Sozialstandards erweist sich die alleinige Überprüfung mittels Sozial-Audits als problematisch, denn die in den Kontrollen erzielten Ergebnisse bleiben oftmals nur oberflächlich.

Wichtig für die Durchsetzungskraft der sozialen Komponente nachhaltigen Wirtschaftens ist die klar definierte Zielsetzung des Unternehmens, sowie eine transparente Berichterstattung über die Produktionsbedingungen und die Fortschritte für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Fabriken. Ein verbindlicher Verhaltenskodex ist entscheidend für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Zulieferbetrieben. Er sollte drei wesentliche Anforderungen erfüllen: Vollständigkeit, Glaubwürdigkeit und Transparenz.*

Damit Verhaltenskodizes und deren Kontrolle aber auch wirklich zu besseren Arbeitsbedingungen führen, müssen Umsetzungsmassnahmen definiert und deren Fortschritte unabhängig kontrolliert werden. Doch den meisten der von den Unternehmen derzeit in Auftrag gegebenen Audits fehlt es an Transparenz, wodurch ernsthafte Diskussionen über die Firmenpolitik und -praktiken ihrer Auftraggeber sowie Verbesserungen in ihren Methoden verhindert werden. Ausserdem sind die Kontrollen meistens angekündigt und ArbeiterInneninterviews werden, wenn überhaupt, innerhalb der Fabrik durchgeführt. Mit der Linienchefin nebendran kann jedoch kaum eine Arbeiterin wirklich mitteilen, wie es ihr geht, ohne dass sie Konsequenzen befürchten müsste. Fehlendes Vertrauen der ArbeiterInnen verfälscht die Darstellung der konkreten Arbeitssituation in den Zulieferfabriken. Die ArbeiterInnen stehen unter hohem Druck. Kritik zu äußern kann zum Arbeitsplatzverlust führen, die Angst, Missstände zu benennen, ist also hoch. Obwohl in den vergangenen Jahren die Anzahl externer Audits rasant gestiegen ist, haben sich die Arbeitsbedingungen in den Zulieferfabriken kaum verbessert.

Eine glaubhafte Überprüfung (Verifizierung) der Audit-Ergebnisse kann nur durch eine unabhängige Instanz geschehen. Multi-Stakeholder-Initiativen (MSIs) sind solche Einrichtungen, die in Zusammenarbeit mit Business-Vertretungen, Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und lokalen Organisationen funktionieren. So können ethische Einkaufspraktiken etabliert und Transparenz gefördert werden. Die Mitgliedschaft in einer MSI ist für Unternehmen ein wertvoller Schritt, um die Einhaltung ihres Verhaltenskodexes zu verbessern. Dies beinhaltet Verfahren für unabhängige Überprüfungen, die Erstellung von Verbesserungsmassnahmeplänen (Corrective Action Plans), ethische Einkaufspraktiken, branchenweite Zusammenarbeit und die Berücksichtigung genderrelevanter Themen.

In der Bekleidungsindustrie gibt es die Fair Wear Foundation (FWF), die Ethical Trading Initiative (ETI), die Fair Labor Association (FLA), die Social Accountability International (SAI) und das Worker Rights Consortium (WRC). Doch auch hier gibt es Unterschiede: So verpflichtet die Fair Labor Association in ihrem Kodex im Gegensatz zur Fair Wear Foundation etwa nur zur Zahlung eines gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohns, aber nicht zur Zahlung eines Existenzlohns. Ein wesentliches Problem in den Produktionsländern ist aber gerade der niedrige offizielle Mindestlohn. Untersuchungen bestätigen dessen Investoren- und Unternehmensfreundlichkeit. Der gezahlte Lohn reicht indes nicht aus, um die Grundbedürfnisse der ArbeiterInnen zu decken bzw. nötigt indirekt zu massiven Überstunden, um das allzu geringe Einkommen auf diese Weise aufzubessern.

Ein anderer grundlegender Schritt, der zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen und zur Etablierung ethischer Einkaufspraktiken beiträgt, ist die Respektierung und Förderung der Organisationsfreiheit und kollektiver Vertragsverhandlungen. Dieses Instrument bietet den ArbeiterInnen in den Fertigungsstätten die Möglichkeit, Verhandlungen zur Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen zu führen. Dieses Recht wird teilweise gesetzlich und vielfach in der Praxis verwehrt, obwohl es ein international verbindlicher Arbeitsrechtsstandard ist. Unternehmen, denen die Verbesserung von Arbeitsbedingungen und faire Geschäftsbeziehungen wichtig sind, sollten geeignete Massnahmen zur Achtung und Stärkung dieses Rechts ergreifen. Darum sollte sichergestellt werden, dass ArbeiterInnen nicht von Entlassung, Diskriminierung, Belästigung, Bedrohung oder Vergeltung betroffen sind, weil sie Mitglied einer Gewerkschaft sind, an gewerkschaftlichen Aktivitäten teilnehmen oder als InteressensvertreterInnen der ArbeiterInnen bekannt sind.