Geschmuggelter Diesel: Zweifelhafte Deals eines Zuger Rohstoffhändlers in Libyen

Seit dem Sturz von General Gaddafi ist das ausgeblutete und zerrissene Libyen ein Schmugglerparadies. Wie eine gemeinsame Recherche von Public Eye und TRIAL International enthüllt, machte die in Zug ansässige Kolmar Group AG zwischen 2014 und 2015 via Malta Geschäfte mit einem Unternehmen, das zu einem mächtigen libyschen Treibstoffschmuggelring gehörte, deren Anführer in Italien vor Gericht stehen. Der Fall zeigt die Notwendigkeit einer rechtsverbindlichen Sorgfaltsprüfungspflicht für Schweizer Firmen.
Illustration: opak.cc

In über einjährigen Nachforschungen zu den Aktivitäten der Kolmar Group AG in der Schweiz, Malta und Sizilien haben Public Eye und TRIAL International herausgefunden, dass die Zuger Handelsfirma vom Frühling 2014 bis Sommer 2015 über 50‘000 Tonnen an Treibstoffen aus Libyen erhalten hat. Die heisse Ware stammte aus einer Raffinerie in Zawiya, die sich in einer Region befand, die unter der Kontrolle der Shuhada-al-Nasr-Brigaden stand. Diese werden von der UNO des Menschenhandels beschuldigt. Wir konnten die Spuren von drei Schiffen rückverfolgen, die ihre Fracht von der libyschen Küste kommend in Tanklagern ablieferten, die Kolmar in Malta gemietet hatte.

Die Tankerladungen stammten von einem Netzwerk aus Personen mit fragwürdigem Ruf: dem noch unter Gaddafi verurteilten Drogenhändler Fahmi Ben Khalifa und seinen maltesischen Partnern Darren und Gordon Debono, welche die Tanker gechartert hatten. Ein uns vorliegender Bankauszug zeigt, dass Kolmar zwischen dem 18. Juni und 22. Juli 2015 über 11 Mio. Dollar an die kleine maltesische Firma Oceano Blu Trading Ltd überwiesen hat, die damals von Darren Debono geführt wurde. Die oben erwähnten Treibstofflieferungen erreichten die von Kolmar gemieteten Tanklager fast zeitgleich.

Die UNO-Expertengruppe für Libyen identifizierte Fahmi Ben Khalifa im März 2016 als Kopf eines der aktivsten Treibstoffschmuggelringe im Land. Es war ein sehr lukratives Geschäft: Seit dem Fall von Gaddafi importiert Libyen den Grossteil seines heimischen Bedarfs an Benzin und Diesel. Diese Einfuhren werden stark subventioniert, weshalb die Schmuggler sie in Libyen billig erstehen und im Ausland mit Riesengewinn weiterverkaufen können. Im Zuge ihrer „Dirty Oil“-Ermittlungen konnte die sizilianische Finanzpolizei den Schmuggelring im Herbst 2017 sprengen und die drei oben erwähnten Hauptverdächtigen unter Anklage stellen. In der Untersuchung wurde Kolmar als „enger Partner von Gordon und Darren Debono“ bezeichnet. Trotzdem wurde die Zuger Firma von den italienischen Behörden nicht belangt. Auf unsere mehrmals gesendeten Fragen haben wir von Kolmar keine Antwort erhalten.

Dieser Fall zeigt, dass gewisse Schweizer Rohstoffhändler zur Profitmaximierung auch höchste Risiken nicht scheuen. Während dem Kampf bewaffneter Gruppen um die Kontrolle des Ölsektors im Bürgerkriegsland Libyen geschäftete Kolmar mit einer obskuren maltesischen Firma, die keinerlei Erfahrung im Treibstoff-Business hatte. Zugleich war in der Industrie bekannt, dass libysche Raffinerieprodukte geschmuggelt wurden und welche Rolle Malta dabei spielte. Schweizer Firmen dürfen – aus Nachlässigkeit oder als Komplizen – keine Geschäfte mit dreckigen Rohstoffen machen, die illegaler Herkunft sind oder mit Menschenrechtsverletzungen in Verbindung stehen. Deshalb braucht es dringend verbindliche Sorgfaltsprüfungspflichten, wie sie die Konzernverantwortungsinitiative vorschlägt und die auch der im Parlament diskutierte Gegenvorschlag des Nationalrats enthält.

Die ausführliche Webstory finden Sie hier, mehr Infos bei:

Oliver Classen, Public Eye, 044 277 79 06, oliver.classen@publiceye.ch

Jean-Marie Banderet, TRIAL International, 079 192 37 44, media@trialinternational.org