Schweizer Pestizidatlas: Neue Daten und Fakten für eine zielgerichtete politische Debatte

Die heute erscheinende Schweizer Ausgabe des Pestizidatlas liefert aktuelle Übersichtszahlen und Analysen zu Agrarchemikalien und ihren globalen Auswirkungen auf Umwelt und Menschen. Der von der deutschen Heinrich-Böll-Stiftung und Public Eye gemeinsam herausgegebene und mit über 80 Infografiken gespickte Bericht beleuchtet auch die zentrale Rolle von Syngenta in diesem giftigen Geschäft. Und er zeigt, welch enorme Aufgabe es ist, den Kampf um Ernährungssouveränität angesichts der Klimakrise mit der Natur und nicht gegen sie zu führen.

Das milliardenschwere Geschäft mit synthetischen Pestiziden befindet sich in den Händen von immer weniger und immer grösseren Konzernen im globalen Norden. Allein die Syngenta Group – ein 2020 gegründetes Firmenkonglomerat mit Sitz in Basel – kontrolliert rund 25% des Weltmarkts. Ihr Hauptgeschäft macht die Industrie zunehmend in den Wachstumsmärkten von Lateinamerika, Asien und vermehrt Afrika, wo die Umsätze stark steigen. Während der Pestizideinsatz in der Landwirtschaft global seit 1990 um rund 80% zunahm, stieg er in Südamerika um 150 und in Brasilien um mehr als 900%. Zentraler Treiber ist der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen wie etwa Soja, dem wichtigsten Nutztierfutter.

Landarbeiter und Bäuerinnen im globalen Süden leiden besonders unter hochgiftigen Pestiziden, von denen viele bei uns zum Schutz von Umwelt und Gesundheit verboten sind. Neusten Schätzungen zufolge gibt es in Asien jährlich bis zu 255 Millionen Vergiftungsfälle, in Afrika sind es 100 Millionen. Die Folgen reichen von Kopfschmerzen und Hautirritation bis hin zu tödlichem Organversagen. Solche Fälle kann das hochgiftige Syngenta-Herbizid Paraquat verursachen. Der 52seitige Atlas dokumentiert detailliert, wie die Agrarindustrie durch aggressives Lobbying in Brasilien, Syngentas wichtigstem Markt, ein Verbot von Paraquat fast gekippt hat.

Pestizide beschleunigen auch das Artensterben. Die sog. Neonikotinoide – als weltweit meistgenutzte Insektizide – sind hochgiftig für Bienen und andere Bestäuber. Ungeachtet der Anwendungsverbote in der Schweiz wie der EU exportieren Syngenta und andere Firmen sie von dort in Länder mit grosser Artenvielfalt wie Brasilien, Indonesien oder Südafrika. «Aber auch in Europa wird zu viel gespritzt» meint Barbara Unmüssig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. «Rückstände reichern sich in Gewässern, Böden sowie Pflanzen an und gefährden wichtige Ökosystemleistungen». Die Landwirtschaft müsse sich daher langfristig aus der Abhängigkeit von der Agrarchemie befreien, wobei die staatliche Unterstützung von Landwirt*innen bei dieser Transformation zentral sei.

Es bleibt abzuwarten, wie Pestizidreduktionsziele und andere geplante Reformen in der Schweiz und der EU umgesetzt werden. Die Verwendung der giftigsten Pestizide gehört weltweit eingestellt: obwohl deren Folgen für Umwelt, Biodiversität oder Gesundheit bekannt sind, macht die Pestizidindustrie damit weiterhin gute Geschäfte. Das zeigt der Pestizidatlas. Und damit auch die Notwendigkeit einer raschen globalen Regulierung dieser hochgefährlichen Stoffe durch die UNO und eines Exportstopps für verbotene Pestizide aus Europa.

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