Korruptionsverdacht in Gabun: Gunvor ist erneut im Visier der Schweizer Justiz
Zürich, Lausanne, 2. Juni 2026
In Kürze:
- Erneute Ermittlungen der Bundesanwaltschaft wegen einem umstrittenen Ölgeschäft in Gabun führten im Mai zur Durchsuchung des Genfer Hauptsitzes von Gunvor.
- Hintergrund ist ein undurchsichtiger Deal von 2024, wo Gunvor für einen Milliardenkredit an die staatliche Gabon Oil Company die Vermarktungsrechte an grossen Ölfeldern erhielt.
- Exklusive Recherchen zeigen ein paralleles Zahlungssystem, mit dem Vermittler in Afrika diskret bezahlt worden sein sollen – trotz Gunvors offizieller Anti-Korruptionspolitik.
Im Juni 2024 gewährte Gunvor der Gabon Oil Company ein Darlehen in Höhe von einer Milliarde US-Dollar. Dies ermöglichte es dem staatlichen Ölkonzern, die Vermögenswerte von Assala Energy, einem der grössten Ölproduzenten in Gabun, zu erwerben. Im Gegenzug erhielt der Genfer Händler das Exklusivrecht für den Vertrieb des Rohöls aus sechs von Assala betriebenen Blöcken – und damit das Versprechen auf Riesengewinne. Die Hintergründe dieses Mega-Ölgeschäfts wurden teilweise schon von Africa Intelligence aufgedeckt. Die Recherchen von Public Eye vervollständigen das Bild und bringen neue Details ans Licht.
Um zu Präsident Brice Clotaire Oligui Nguema, der 2023 an die Macht kam, vorzudringen, wandte sich Gunvor an einen französisch-marokkanischen Vermittler. Dessen Firma, Vakana Invest, unterzeichnete im Februar 2024 ein «Framework Agreement» mit Gunvor Middle East DMCC, einer Tochtergesellschaft des Handelsunternehmens in Dubai. Dabei hatte der Rohstoffkonzern 2020 noch angekündigt, im Rahmen einer «Null-Toleranz»-Politik gegenüber Korruption künftig auf jegliche Vermittlungsdienste zu verzichten. Dieses von Public Eye eingesehene Dokument sieht vor, dass Vakana Beratungsdienstleistungen im Zusammenhang mit dem Assala-Projekt erbringt und dafür im Erfolgsfall Honorare von 1,25% des Gesamtbetrags aller dort von Gunvor getätigten Investitionen in Öl- und Energieanlagen erhält.
Im April 2024 hat sich der Handelsriese aber umbesonnen und liess den Geschäftsmann eine Erklärung unterzeichnen, in der dieser versichert, niemals Mittelsmann für Gunvor gewesen zu sein und von der Firma weder Geld noch Vergütungsversprechen erhalten zu haben. Damit sollte wohl vermieden werden, den Zorn des US-Justizministeriums auf sich zu ziehen, gegenüber dem sich Gunvor im Jahr 2024 verpflichtet hat, seine Compliance-Verfahren zu verbessern, nachdem das Unternehmen in den USA und in der Schweiz wegen in Ecuador gezahlter Bestechungsgelder verurteilt worden war. Der in Verlegenheit geratene Berater fordert heute mehr als 16 Millionen US-Dollar vom Genfer Handelshaus.
Nach unseren Informationen sollen ihm via New Maritime DMCC, einem in Dubai ansässigen Unternehmen für maritime Dienstleistungen mit Niederlassung in Genf, bereits rund 70’000 US-Dollar an Honoraren und Spesen überwiesen worden sein.
Mehrere Quellen haben uns folgenden parallelen Zahlungsweg beschrieben: New Maritime DMCC soll Clearlake Shipping, der für den Seefrachtverkehr zuständigen Gunvor-Tochter, überhöhte Entladekosten in einem bestimmten Hafen in Rechnung gestellt haben. Die Differenz sei von New Maritime DMCC einbehalten worden, um Rechnungen im Namen von Gunvor zu begleichen. Dieser Mechanismus soll es Gunvor ermöglicht haben, auch andere Vermittler in Afrika diskret zu vergüten.
Die Bundesanwaltschaft hat uns bestätigt, dass sie im Mai eine Hausdurchsuchung am Hauptsitz der Gunvor SA in Genf angeordnet hat – «im Rahmen eines Strafverfahrens gegen Unbekannt wegen des Verdachts der Bestechung ausländischer Amtsträger (Art. 322septies StGB)», im Zusammenhang mit Ölgeschäften in Afrika, insbesondere in Gabun. Es ist bereits das dritte Mal in 15 Jahren, dass sich die Schweizer Justiz mit den Machenschaften von Gunvor befasst, das wegen «Organisationsmängeln» im Zusammenhang mit Korruptionsvorwürfen bereits zweimal verurteilt wurde. Dieser neue Fall verdeutlicht die Notwendigkeit einer branchenspezifischen Aufsichtsbehörde zur Regulierung dieses Hochrisikosektors.
Mehr Infos hier oder bei:
Oliver Classen, Mediensprecher, 044 277 79 06, oliver.classen@publiceye.ch
Agathe Duparc, Rechercheurin Rohstoff und Finanzen, +33 771 22 34 13, agathe.duparc@publiceye.ch