Hartnäckigkeit zahlt sich aus – in Rumänien erhalten Textilarbeiterinnen ihre Löhne

Inmitten der ersten Covid-19-Pandemiewelle kürzte Tanex, eine rumänische Textilfabrik, die Löhne von Arbeiterinnen und Arbeitern drastisch. Trotz Vollzeitpensum erhielten diese im März und April lediglich je 140 Euro, nur die Hälfte des gesetzlichen Mindestlohns. Angelica Manole, die sich als einzige dagegen zu wehren wagte, wurde schikaniert und entlassen. Doch mit lokaler und internationaler Unterstützung gelang es, die Auszahlung der ausstehenden Löhne zu erkämpfen.
© Clean Clothes Campaign

Rumänien gehört neben Italien und der Türkei zu den wichtigsten Kleiderproduzenten in Europa und beliefert grosse internationale Markenfirmen. Zu den Modefirmen, die bei Tanex produzieren lassen, gehören u.a. die Schweizer Modemarke JOOP (Holy Fashion) oder die spanische Modemarke Massimo Dutti (Inditex).

Schätzungsweise 90% der im rumänischen Textilsektor Beschäftigten sind Frauen. Normalerweise erhalten sie den gesetzlichen Mindestlohn von 278 EUR – das sind nur 24% eines Existenzlohns, der für ein Leben in Würde nötig wäre. Diese Tiefstlöhne wurden während der Pandemie ohne Rechtsgrundlage weiter gekürzt – wie die Zehntausender Textilarbeiterinnen und -arbeitern weltweit. Zudem berichteten Arbeiterinnen von weiteren Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen bei Tanex: Einschüchterung und Belästigung von Arbeitnehmenden, Nichtzahlung der obligatorischen Sozialversicherungsbeiträge, Überstunden sowie Entlassungen. Viele dieser Probleme seien bei Tanex auch vor der Covid-19-Pandemie bereits aufgetreten.

Eine Arbeiterin brach das Schweigen

Eine Arbeiterin, Angelica Manole, veröffentlichte ihre Lohnabrechnung, aus der hervorging, dass sie für einen ganzen Monat Arbeit nur 140 EUR erhalten hatte. Daraufhin wurde sie vom Fabrikmanagement unter Druck gesetzt und verlor ihre Stelle.Erst nach einem grossen öffentlichen Aufschrei in Rumänien und dank breiter Unterstützung (u.a. durch die Gewerkschaft UNICONF sowie ein Netzwerk von Anwälten) ging das Arbeitsministerium den Anschuldigungen gegen das Fabrikmanagement mit einer Untersuchung nach. Zwar wurde Tanex eine Geldbusse auferlegt, aber die Arbeiterinnen und Arbeiter erhielten noch immer nicht ihre ausstehenden Löhne. Im Namen von Angelica Manole sowie anderer Arbeiterinnen und Arbeiter forderte die Clean Clothes Campaign in einem Eilfall (Urgent Appeal) die Modefirmen auf, dringend Massnahmen zu ergreifen, um sicherzustellen, dass die Rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter respektiert werden. Einige der Kunden von Tanex reagierten auf den Apell und forderten ihren Zulieferer auf, die ausstehenden Löhne unverzüglich zu zahlen, zuvorderst Massimo Duti (Inditex).

Druck aus unterschiedlichen Richtungen führt zum Erfolg

Die Organisierung durch die Arbeiterinnen und Arbeiter, das Engagement der lokalen Gemeinschaft und die Eilaktion der Clean Clothes Campaign, das die Modefirmen dazu brachte, ihre Verantwortung in ihrer Lieferkette wahrzunehmen, zeigte Ende August endlich Wirkung: Tanex teilte mit, die rechtmässigen Löhne zu bezahlen und der Gewerkschaft UNICONF den Zugang zur Fabrik wieder zu gestatten. Im September schliesslich erhielten die Arbeiterinnen und Arbeiter ihre vollen Löhne, und nach weiterem Druck wurde auch denjenigen, die in den vergangenen Monaten entlassen wurden oder die Fabrik verlassen hatten, das ihnen geschuldete Geld ausbezahlt.

#PayYourWorkers

Die Situation der Tanex-Beschäftigten ist leider keine Ausnahme. Die Covid-19-Pandemie hat die Textilindustrie in den meisten Produktionsländern in die Krise gestürzt, viele Arbeiterinnen und Arbeiter verloren ihre Jobs, meist ohne ihren vollen Lohn oder eine Abfindung zu erhalten.

Um die Existenzgrundlage der Arbeiterinnen und Arbeiter in den Textilfabriken zu schützen, braucht es jetzt klare Signale.

Das Netzwerk der Clean Clothes Campaign fordert daher mit der Kampagne #PayYourWorkers Modeunternehmen und Einzelhändler auf, ihre Lieferketten auf Situationen wie bei Tanex zu prüfen und dafür zu sorgen, dass die Rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter geschützt werden. Modemarken müssen über bestehende Verpflichtungen wie ihren Verhaltenskodex oder die Mitgliedschaft bei Unternehmensinitiativen hinaus ein klares Zeichen in Form einer Zusicherung bezüglich Lohnzahlungen in ihrer Lieferkette setzen.