General Brabeck zu Diensten

Vor kurzem beleuchtete ein Public Eye Standpunkt eine kuriose neue Genfer Stiftung: Sie wird von Bundesbern gesponsert und von Nestlé präsidiert. Kritik will Bundesrat Ignazio Cassis keine hören – vielleicht, weil er gerne selber so wäre,wie der von ihm umgarnte Nestlé-Patron?

Aussenminister Cassis zeigte sich nicht eben beeindruckt von der Kritik, die es im Nationalrat zu seiner neuen „Geneva Science and Diplomacy Anticipator“ Stiftung (Gesda) und deren Präsidenten gab (vgl. Public Eye Standpunkt "Nestlé verbessert die Welt - mit Schweizer Steuergeldern"). Im Gegenteil, der Bundesrat verkündet stolz, dass er sich „sehr freue, mit Peter Brabeck-Letmathe als Stiftungspräsidenten eine ‚international anerkannte und erfahrene Persönlichkeit im Bereich gute Unternehmensführung‘ gewonnen zu haben, denn dieser könne der Stiftung die „erforderliche Wirkung auf globaler Ebene“ geben.

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Der General und sein Adjutant: Nestlés Peter Brabeck und Bundesrat Ignazio Cassis an der Pressekonferenz zur Gründung der „Geneva Science and Diplomacy Anticipator“ Stiftung (Gesda)

Auf dem Radar von Nestlé

Peter Brabeck hat während mehr als 30 Jahren Nestlé geprägt. Und ja, gut geschäftet hat er allemal, sonst hätte er sich 2018 nicht für rund 9 Millionen Franken als einer der ersten den nigelnagelneuen PC-24-Flieger von Pilatus leisten können. Er erhielt den Businessjet noch vor dem Bundesrat – verständlich also, dass Herr Cassis mit einer gewissen Ehrfurcht auf den ökonomischen Überflieger blickt.

Aber auch bezüglich militärischem Verständnis hat Peter Brabeck unserem Aussenminister einiges voraus: Herr Cassis hat seine RS in der Gebirgsinfanterie gemacht, als Trompeter im Armeespiel. Peter Brabeck hingegen hat zwar kein nennenswertes militärisches Abzeichen, dafür hat er sich im Verlauf seiner Nestlé-Karriere mehrfach militärischer Strategien bedient und bewiesen, wie er damit geschickt Kritikerinnen zum Schweigen bringt.

Ein Beispiel? In den 2000er Jahren kam Nestlé im Zuge der Anti-Globalisierungsproteste unter Druck. Kurzerhand engagierte Peter Brabeck, damals Nestlé-CEO und Vize-Verwaltungsratspräsident, den ehemaligen MI6-Agenten John Hedley als Sicherheits-Chef. Unter ihm startete 2003 eine umfassende Operation, zu der auch die Bespitzelung bei der NGO „Attac“ gehörte. Eine als junge Studentin getarnte Agentin sollte die Nestlé-Kritiker und Kritikerinnen aushorchen. 2008 flog das Ganze als „Nestlégate“ auf, 2013 kassierte der Konzern dafür eine Verurteilung wegen Spionage. Brabeck liebt aber offensichtlich die Überwachung zu sehr, um sich davon beeindrucken zu lassen: 2012 startete Nestlé eine Kooperation mit Google und Facebook, denn es gab Probleme mit einer Kampagne von Greenpeace. Der Vorwurf: Nestlé verwende - unter anderem für Kit Kat - Palmöl aus Urwaldzerstörung. Der Konzern versuchte ein Kampagnenvideo zu verbieten und kritische Kommentare zu zensurieren, und wurde darauf im Netz mit einem regelrechten Shitstorm eingedeckt. Nestlé richtete in der Folge den „War Room“ ein, der bereits 2012 mit 15 Grossbildschirmen und 30 Computern ausgestattet war, um permanent die Dialoge auf Social Media zu überwachen und bei Bedarf einzugreifen. Wahrscheinlich blinkt es jetzt in Vevey rot, während Sie diesen Blog lesen.

Militärische Taktiken

Beide Beispiele folgen den Empfehlungen von Raphael Pagan, einem ehemaligen Nachrichten-Offizier der US-Armee, der bereits Nixon, Reagan und Bush bezüglich deren Drittweltpolitik zur Seite stand und der für Nestlé ein Konzept entwickelte. Nestlé engagierte ihn, als der Konzern in den 1970er Jahren erstmals wegen aggressivem Milchpulver-Marketing in Entwicklungsländern als „Baby Killer“ betitelt wurde - mehr als 700 Gruppen aus Kirchen und NGO-Kreisen unterstützten eine Boykott-Kampagne, auch die Erklärung von Bern (heute: Public Eye) gehörte dazu.

Das Pagan-Konzept fokussierte auf die strategische Intervention in die öffentliche Meinung: Aktivistische Meinungsführende werden isoliert und dann zum Schweigen gebracht. Anhand von Business-Vereinen und Kooperationen wird der Einfluss auf verschiedene Agenturen der UNO ausgebaut; nationale und internationale Regulierungen werden in Richtung Unternehmensfreundlichkeit gesteuert. Dann noch ein paar öffentlichkeitswirksame Sympathie-Aktionen fürs Image – und still sind die Nörgler.

Von CSR zu CSV

Brabeck folgte der Pagan-Idee und baute so den Einfluss seines Unternehmens kontinuierlich aus. Mit der Einführung des „Creating Shared Value, CSV“-Konzepts 2005 gab sich Nestlé verantwortungsbewusst und unterstrich, dass die Wettbewerbs- und Wachstumsfähigkeit eines Unternehmens mit dem Wohlergehen und der Weiterentwicklung der Gesellschaft zusammenhänge. Man könnte es auch direkter sagen: Die Menschen brauchen ein Minimum an Einkommen, um Nestlé-Produkte kaufen zu können.

Das CSV-Konzept zelebriert Nestlé exzessiv und nutzt diese Plattform, um strategische Allianzen auszubauen. 2009 organisierte Nestlé das erste „Creating Shared Value Forum“ in Zusammenarbeit mit der UNO und der Schweizer Mission in New York; 2011 in Zusammenarbeit mit dem NATO-nahen Think Tank „Atlantic Council” (pikanterweise, um Fragen rund um Ernährungssicherheit und Wasserversorgung in Lateinamerika und Afrika zu diskutieren); 2014 in Zusammenarbeit mit UNCTAD, der Konferenz der UNO für Handel und Entwicklung.

Nestlé tut aber noch mehr: seit 1976 betreibt der Konzern mit seiner alljährlichen „Rive-Reine-Konferenz“ Schweizer Standort-Beziehungspflege und bringt die hiesige Polit- und Wirtschafts-Elite an den Konzern-Sitz nach Vevey. Der Anlass und die Teilnehmendenliste sind geheim, ausser wenn Public Eye (damals: Erklärung von Bern) mit einem Scheinwerfer anrückt und beleuchtet, wer da ein- und ausgeht. Gemäss dem Enthüllungsjournalisten Viktor Parma nehmen jedes Jahr bis zu drei Bundesräte und Bundesrätinnen am Treffen teil, und es gebe „keine wichtigere vertrauliche Veranstaltung mit solch grossem Einfluss auf die Politik.“

Die globale Wirkung à la Brabeck

Brabeck kennt nicht nur Militär-Strategien, er weiss auch: wer Wasser besitzt regiert die Welt. Deshalb verfolgt er zielstrebig die Politik der Kommodifizierung von Wasser und der Privatisierung von Wasserquellen, setzte seit den 1990er Jahre auf das Wassergeschäft und forcierte es insbesondere in Asien, Afrika und Lateinamerika mit der Marke „Pure Life“. Bereits 2008 war „Pure Life“ die weltweit grösste Flaschenwasser-Marke, eine Gold-Mine für Nestlé, und eine desolate Situation für die Gemeinden mit Mineralwasserquellen.

Die Stiftung Gesda ist mit Präsident Brabeck – immer noch Nestlé Chairman Emeritus - insbesondere für Nestlés Wassergeschäft ein Segen. Auch die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), die seit vielen Jahren mit Nestlé kooperiert und auch die „Water Ressource Group“, ein Zusammenschluss von Pepsico, Coca Cola und Nestlé zum Wassermanagement mitfinanziert, ist bereits auf Kurs: Sie hat nur zwei Wochen vor Ankündigung der Gesda „Wasser“ als Jahresschwerpunkt ausgerufen und den wichtigen Beitrag der Schweiz zum Thema unterstrichen.

Brabeck kann das Pagan-Konzept also im Rahmen der Gesda-Stiftung jetzt sogar mit dem Segen des Bundesrates anwenden und im Namen der Schweiz in Regulierungsprozesse eingreifen. Nicht einmal eine politische Rechenschaftspflicht brauche es, findet der Bundesrat auf nationalrätliche Anfrage im März 2019, die administrativen Vorgaben der Schweizerischen Stiftungsaufsicht würden genügen.

Das tönt etwas mutlos, Herr Cassis. Oder hat General Brabeck längst übernommen?  

„Manche Ereignisse versteht man erst im Kontext der Geschichte.“

Christa Luginbühl arbeitet seit über 10 Jahren bei Public Eye und ist Mitglied der Geschäftsleitung. Ihr thematischer Schwerpunkt sind Menschen-, Frauen- und Arbeitsrechte in internationalen Lieferketten, insbesondere in der Pharmaindustrie, Landwirtschaft, im Konsum und Agrarrohstoffhandel.

Kontakt: christa.luginbuehl@publiceye.ch
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