«Wir müssen aufhören, Versprechen multinationaler Konzerne zu glauben»
es bislang nur auf Französisch.
Interview: Florian Blumer
Was für ein Kaffeetrinker sind Sie?
Für mich als Journalisten ist der Kaffee ein Freund und wichtiges Arbeitsinstrument. Er erlaubt mir, schneller zu schreiben und mich bei Interviews besser zu konzentrieren. Ich trinke also gezwungenermassen viel Kaffee.
Nur des Koffeins wegen?
Nein! Vor zehn Jahren habe ich entdeckt, dass Kaffee je nach Herkunft ganz unterschiedlich und ausgeprochen gut schmecken kann. Bei meinen Begegnungen mit Kaffeeliebhaber*innen habe ich dann immer mehr über die Probleme erfahren: die Produzent*innen, die zu wenig verdienen; die Konzerne, die intransparent geschäften und uns schlechten Kaffee verkaufen, den sie stark rösten, um ihn trinkbar zu machen; die moderne Sklaverei; die Ausbeutung; die Erderwärmung.
Sie haben für Ihr Buch drei Jahre lang recherchiert und in dieser Zeit 15 Länder bereist. Was stellt aus Ihrer Sicht die grösste Gefahr für die Zukunft des Kaffees dar?
Das eine ist die Erderwärmung. Ich habe viele Produzent*innen der Sorte Arabica getroffen, die mir gesagt haben: «Wir schaffen es nicht mehr, auf dieser Höhe anzubauen.» Aufgrund der steigenden Temperaturen müsste man Kaffeeplantagen in höhere Lagen versetzen, damit sie weiter produktiv blieben. Es gibt Länder, in denen das möglich ist, aber es handelt sich oft um geschützte Gebiete, wo erneut alles abgeholzt werden müsste. Kurz gesagt: Der Klimawandel schafft viele Probleme.
Und das andere?
Die zweite grosse Gefährdung kommt von der Wertschöpfungskette. So, wie sie heute organisiert ist, gibt sie den Kaffeekonzernen eine grosse Machtfülle. Multis wie Nestlé, JDE Peet’s oder Starbucks verdienen Hunderte Millionen mit Kaffee, während die Produzentinnen – und ich spreche noch nicht einmal von den Erntearbeiterinnen – immer weniger verdienen.
In Chiapas, Mexiko, wo ich 2024 für eine Recherche von Public Eye war, erzielten die Produzent*innen – deren Familieneinkommen von Nestlé abhängt – zum Teil Erträge, die unter den Produktionskosten lagen. Sie haben die Recherche in Ihrem Buch erwähnt. Warum?
Weil Ihre Recherche etwas aufzeigt, das man nur selten liest: Multinationale Unternehmen wie Nestlé geben den Preisanstieg an der Börse nicht weiter und scheuen nicht davor zurück, eine Monopolstellung in einer Region auszunutzen.
Die Bäuerinnen und Bauern in Chiapas haben mir erklärt, dass der Preis, den sie für ihren Kaffee erhalten, sofort nach unten angepasst wird, wenn der Kurs an der Börse sinkt. Steigt er hingegen, wie es in den letzten zwei Jahren auf Rekordniveau der Fall war, heisse es jeweils, es sei kompliziert und der Börsenkurs nicht der einzige Faktor, der den Preis bestimme.
Die Konzerne sagen, die liberalisierten Märkte und die Börse seien super, weil sie zum wahren Kaffeepreis führen würden. Dabei befürworten sie dieses System, weil es sie bevorteilt. In diesem Spiel verlierst du immer, wenn du als Kleinproduzent*in am unteren Ende der Wertschöpfungskette bist. Die Konzerne sind zu mächtig, als dass du gewinnen könntest.
Auch Sie haben auf Ihren Reisen Menschen getroffen, die unter den Machtverhältnissen leiden. Sie haben mir im Vorgespräch gesagt, dass Sie die Zustände in Uganda am meisten schockiert haben. Warum?
Uganda investiert enorme Summen in den Kaffee. Präsident Yoweri Museveni sagt, er wolle die Produktion in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren vervierfachen. Viele sind darauf in den Kaffeeanbau eingestiegen, weil sie hofften, so der bitteren Armut zu entkommen. Kleinproduzent*innen mit lediglich ein oder zwei Hektaren Land erhoffen sich vom Kaffee ein besseres Leben. Doch sie haben sehr viele Probleme.
Sie haben Kleinbäuerinnen und -bauern getroffen. Was haben sie Ihnen gesagt?
Viele haben mir erzählt, sie hätten ein Kind verloren, weil es krank geworden war oder weil sie kein sauberes Trinkwasser hatten. Ein Kaffeebauer sagte mir: «Manchmal esse ich tagelang nichts, weil das Einkommen der Ernte aufgebraucht ist.» Ich merkte an, dass er doch Mangobäume und eine Kuh habe auf dem Hof. Er antwortete mir: «Die Mangos und die Milch der Kuh muss ich verkaufen, um das Schulgeld meiner Kinder zu bezahlen.» In solchen Situationen wird einem bewusst, was es heisst, wenn das Einkommen aus dem Kaffeeanbau nirgends hinreicht.
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Lucas Bäuml/F.A.Z.-Foto
An wen verkaufen diese Bäuerinnen und Bauern ihren Kaffee?
Sie haben eine kleine Kooperative und verkaufen ihren Robusta-Kaffee zum grössten Teil einer Firma, die eigentlich nicht schlecht ist. Ich habe mit ihrem Gründer gesprochen, einem ehemaligen Sozialarbeiter. Er hat mir gesagt: «Ich kann ihnen nicht mehr bezahlen, sonst verdiene ich gar kein Geld mehr. Ich zahle bereits mehr als den Marktpreis.» An diesem Beispiel zeigt sich: Auch mit einer eher verantwortungsvollen Firma geht es nicht auf.
Im Sommer 2025 hat Public Eye eine Recherche zu moderner Sklaverei auf Kaffeeplantagen in Brasilien veröffentlicht. Sie waren mit Arbeitsinspektor*innen im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais unterwegs: Was haben Sie dabei gesehen?
In Brasilien gibt es sehr viele ausgebeutete Kaffeearbeiter*innen, die sich in Verhältnissen moderner Sklaverei wiederfinden. Sie leben in unbeheizten Häusern, schlafen auf Matratzen mit Ungeziefer und werden krank davon. Sie müssen sechs oder gar sieben Tage die Woche arbeiten, und ihr Lohn wird zurückbehalten. Man bürdet ihnen Schulden auf – eine illegale, aber sehr verbreitete Praxis. Einige haben am Ende des Monats weniger Geld als vorher.
Sie haben auch mit Plantagenbesitzer*innen gesprochen. Was haben diese gesagt?
Viele sehen das Problem nicht. Ich habe zwei Grossgrundbesitzer auf die moderne Sklaverei angesprochen. Sie haben mir gesagt: «Das gibt es nicht. Das ist eine Lüge der Regierung, die uns nur unser Geld stehlen will.» Ein Manager eines Betriebs, der der modernen Sklaverei überführt wurde, sagte mir: «Wissen Sie, hier geht es ihnen viel besser als dort, wo sie herkommen. Zu Hause leben sie in Armut. Das sind Leute, die sich harte Arbeit gewohnt sind, um sie brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.»
Wir haben in unserer Recherche in Brasilien mehrere Fälle von moderner Sklaverei auf Farmen gefunden, die – direkt oder indirekt – mit Nestlé in Verbindung stehen. Auch Sie beschreiben in Ihrem Buch den Fall, in dem mit moderner Sklaverei produzierter Kaffee an Nespresso ging. Hat Sie das überrascht?
Nein, absolut nicht. Nestlé ist überhaupt nicht transparent in Bezug auf die Farmen, von denen der Konzern seinen Kaffee bezieht. Wenn der Konzern wirklich gegen diesen Missstand ankämpfen wollte, würde er zuallererst einmal deren Namen nennen.
In Ihrem Buch sprechen Sie ausführlich von den Problemen, die aus der Macht der globalen Konzerne entstehen. Wie sehen Sie die Rolle von Nestlé?
Nestlé ist nicht der einzige Konzern. Auch Starbucks zum Beispiel kauft Kaffee, der von modernen Sklaven in Brasilien gepflückt worden ist. Was ich sehr ärgerlich finde, ist, dass eine Firma wie Nestlé sehr viele Mittel und Kompetenzen hat, diese aber nicht für die Menschen einsetzt, die dem Unternehmen ermöglichen, sein Geld zu verdienen – die Produzent*innen und die Pflücker*innen. Bei Nestlé gibt es Managementpraktiken, die für die heutigen Konsument*innen eigentlich inakzeptabel sein müssten. Produzent*innen in Zentralamerika geben deswegen ihre Plantagen auf.
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Lucas Bäuml/F.A.Z.-Foto
Ich habe in Chiapas einen berührenden Moment erlebt, als mir ein 70-jähriger Kleinbauer, der Robusta für Nestlé produziert, gesagt hat: «Meine drei Söhne sind in die USA ausgewandert. Wir wissen nicht mehr, wer unsere Felder bestellen soll.» Ihre Region leere sich, weil die Jungen keine Zukunft im Kaffeeanbau mehr sähen. Tatsächlich habe ich entlang der Autobahn viele Menschengruppen gesehen, die zu Fuss in Richtung Norden unterwegs waren.
Und woran liegt das? Es geht um ein oder zwei Euro mehr pro Kilo Kaffee, welche die Produzent*innen erhalten müssten. Würde das Nestlé wirklich ruinieren? Natürlich nicht. Es gibt eine Gier, die über alles hinausgeht, was moralisch akzeptabel ist.
Reden wir über Lösungen. Weil die freiwillige Selbstregulierung der Unternehmen nicht funktioniert, fordern wir bei Public Eye in erster Linie, dass die Regierungen und Parlamente die Unternehmen per Gesetz zwingen, die erforderlichen Massnahmen zu ergreifen – insbesondere in der Schweiz, wo Nestlé seinen Sitz hat und sich die Drehscheibe des globalen Kaffeehandels befindet. Welches sind Ihre Schlüsse?
Es gibt viele Lösungswege, wie Bäuerinnen und Bauern mit nachhaltigeren Methoden mehr Kaffee pro Hektar produzieren und gleichzeitig gesündere Böden erhalten können. Die Agroforstwirtschaft, also der Einbezug von Bäumen in die Plantagen, könnte den Kaffee retten. Sie hat viele Vorteile: Sie nährt die Böden, bekämpft den Klimawandel und erlaubt, die Einkünfte zu diversifizieren. Ich habe es in Indonesien gesehen, man kann zum Beispiel Avocados auf Kaffeeplantagen anbauen. Das ändert alles: Wenn der Kaffeekurs einbricht, aber derjenige für Avocados durch die Decke geht, verdient der Produzent dennoch etwas. Aber wie Sie gesagt haben: Technische Ansätze allein reichen nicht, es braucht auch politische Lösungen.
Sehen Sie noch andere Ansätze?
Ein anderer wichtiger Ansatz ist, dass Kooperativen sich die Produktionsmittel aneignen. Sie müssen den Kaffee selbst rösten können, denn ein gerösteter Kaffee erzielt den fünffachen Preis von grünem Kaffee. Das Beste wäre, wenn die Produzent*innen von Robusta ihren eigenen Pulverkaffee herstellen könnten. In Vietnam habe ich Orte gesehen, wo dies bereits der Fall ist.
Die Konzerne wehren sich natürlich dagegen und präsentieren ihre eigenen Nachhaltigkeitsprogramme als Lösung…
Wir müssen aufhören, an die Versprechen der multinationalen Konzerne zu glauben. 2003 sagte ein Vertreter von Starbucks an einer Konferenz zu nachhaltigem Kaffee in der Schweiz, es brauche in Zukunft keine Labels und ethischen Praktiken mehr. Die Industrie würde nach und nach nur noch Kaffee von nachhaltigen Betrieben beziehen, die nach sozialen Kriterien wirtschaften. Und wie sieht es 20 Jahre später aus? Starbucks kauft immer noch Kaffee, der von modernen Sklav*innen gepflückt wurde. Wir müssen aufhören, den Konzernen zu glauben. Sie haben bewiesen, dass ihre Versprechen nichts wert sind.
Zum Schluss: Machen Sie sich nach Ihrer Recherche mehr Sorgen um die Zukunft des Kaffees als zuvor?
Nicht unbedingt, überraschenderweise. Ja, die Situation ist ernst und wird sich verschärfen, wenn wir nichts unternehmen. Aber ich habe viele engagierte Menschen getroffen, die mir viele Lösungen gezeigt haben, die bereits existieren, um das ungerechte System zu reformieren, zu einem, das ethisch ist und funktioniert. Es gibt Lösungen, doch sie werden aus politischen und finanziellen Gründen nicht umgesetzt. Die Konzerne verstehen nur eine Sprache: die des Geldes. Man muss sie beim Geldbeutel packen, damit sie ihre Praktiken ändern.