«Es wird vermutet, dass im Palmölsektor auf jede regulär beschäftigte Person eine irreguläre kommt»
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Elizabeth Fitt/Alamy
Interview: Christian Eckerlein und Manuel Abebe
Im Juni hat das Parlament das neue Freihandelsabkommen mit Malaysia angenommen. Palmöl war in der Debatte ein zentraler Streitpunkt: Malaysia war 2025 bereits der zweitwichtigste Lieferant der Schweiz, nun sollen die Zölle gesenkt werden. Dabei kann der Bundesrat nicht ausschliessen, dass Palmöl aus Zwangsarbeit oder Entwaldung begünstigt wird.
Andika Wahab ist Professor am Institut für Malaysia- und Internationale Studien an der Nationalen Universität Malaysia. Er forscht zu internationaler Arbeitsmigration und Nachhaltigkeitspolitik und führt Audits zu Arbeitsbedingungen in Südostasien durch. Im Interview mit Public Eye beschreibt der Wissenschaftler Formen der Zwangsarbeit.
Andika Wahab, wie zeigt sich Zwangsarbeit in der malaysischen Palmölindustrie?
Besuche ich Palmölplantagen, stosse ich regelmässig auf Anzeichen von Zwangsarbeit. Die Bewegungsfreiheit ist oft sehr eingeschränkt. Die Plantagen liegen meist sehr abgelegen, viele Arbeiter*innen sind auf Transportmittel angewiesen, die der Arbeitgeber bereitstellt. Zieht dieser den Pass ein, wird es schwierig, das Gelände zu verlassen, vor allem wenn sie keine Arbeitsbewilligung besitzen. Ohne Telefon oder Internet kann oft keine Hilfe von aussen gesucht werden.
Wie geraten Menschen in eine solche Lage?
Sehr oft über unethische Rekrutierung. Grosse Unternehmen halten sich eher an formelle Verfahren – dies verringert das Risiko von Zwangsarbeit. Viele Arbeitskräfte werden jedoch informell angestellt, besonders auf mittelgrossen und kleinen Plantagen. Der Grund ist der Arbeitskräftemangel – der grösste Feind des Sektors. Sobald die Ernte ansteht, stellen viele Unternehmen verzweifelt ein, wen sie gerade finden – vor allem migrantische Arbeitskräfte ohne gültige Papiere.
Wie werden Migrant*innen irregulär und weshalb sind sie besonders gefährdet?
Offizielle Zahlen fehlen, aber es wird vermutet, dass im Palmölsektor auf jede regulär beschäftigte Person eine irreguläre kommt. Bei irregulär Beschäftigten gibt es zahlreiche Manipulationsmöglichkeiten. Und irregulär wird man als Migrant*in schnell – etwa, wenn man einen regulären Arbeitgeber verlässt bzw. verlassen muss.
Sie überprüfen selbst Plantagen. Woran erkennen Sie Zwangsarbeit?
Wir orientieren uns an den elf Indikatoren der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), darunter Einbehalten von Pässen, Zurückhalten von Löhnen, Isolation oder Missbrauch der Verletzlichkeit. In der Regel treten mehrere Indikatoren gleichzeitig auf. Für viele isolierte Arbeiter*innen ist das Gespräch mit einem Auditor wie mir eine seltene Gelegenheit, Aussenstehenden ihre Situation zu schildern. Ich habe viele getroffen, welche ihre Plantage seit zwei Jahren oder mehr nicht verlassen haben – aus Angst, von den Einwanderungsbehörden festgenommen und inhaftiert zu werden.
Tun die Behörden genug, um Zwangsarbeit im Palmölsektor zu bekämpfen?
An Gesetzen mangelt es in Malaysia nicht - die Palmölindustrie ist stark reguliert. Das Problem ist die mangelnde Durchsetzung, besonders auf dem Land. Viele Plantagen, die ich besucht habe, werden nur selten oder gar nicht behördlich kontrolliert. Das ermutigt Arbeitgeber, nichts zu ändern.
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Andika Wahab/Greenpeace
Die Schweiz setzt bei Palmölimporten auf freiwillige Nachhaltigkeitszertifizierungen. Können solche Labels Zwangsarbeit verhindern?
RSPO und MSPO haben auf dem Papier gute Vorgaben – etwa zu ethischer Rekrutierung oder angemessenen Löhnen. Aber das Unternehmen bezahlt den Auditor, und beide wollen weiter zusammenarbeiten. Das schafft massive Interessenkonflikte. Zudem sind die heutigen Überprüfungspraktiken wenig Arbeitnehmer*innenfreundlich: Wer Missstände meldet, muss mit Konsequenzen rechnen.
Wie sehen diese aus?
Das Unternehmen versucht herauszufinden, wer sich beschwert hat. Meist können Auditor*innen danach nicht mehr mit den Betroffenen sprechen: Sie sind verschwunden, oder ihr Telefon wurde beschlagnahmt. Das Unternehmen schliesst das Dossier, oft verschwinden auch die Beweise. So lassen sich Missstände kaum beheben.
Gibt es Zwangsarbeit auch in anderen Branchen?
Die meisten denken, dass die Palmölindustrie besonders stark betroffen ist, weil es harte körperliche Arbeit ist. Der öffentliche Druck auf die Branche ist hoch. Das hat zu gewissen Fortschritten geführt. Zwangsarbeit kommt aber auch im Baugewerbe, in der Landwirtschaft, in Privathaushalten, im Dienstleistungssektor sowie in exportorientierten Industrien wie der Textil- oder Halbleiterindustrie vor.
Rund 40% der Schweizer Importe aus Malaysia sind Elektronikprodukte. Wo liegen dort die grössten Probleme?
Es geht ebenfalls um unethische Rekrutierung und Schuldknechtschaft, zudem um fehlenden Zugang zu Gewerkschaften, überfüllte Unterkünfte oder übermässige Überstunden. Da die meisten Fabriken in städtischen Gebieten liegen, haben die Beschäftigten besseren Zugang zu NGOs und Diaspora-Netzwerken. Gleichzeitig ist das Risiko viel höher, festgenommen oder inhaftiert zu werden. Aufgrund undurchsichtiger Auslagerungspraktiken wissen manche Beschäftigte nicht einmal, wer ihr Arbeitgeber ist – obschon dies gesetzlich verboten ist. Die Halbleiterindustrie beschäftigt viele junge Frauen, insbesondere aus Indonesien, Bangladesch und Nepal.
Sind diese Frauen mit besonderen Problemen konfrontiert?
Sexuelle Belästigung und geschlechtsspezifische Diskriminierung sind weit verbreitet. Viele Probleme treten aber auch in den von Arbeitgebern bereitgestellten Unterkünften auf, wo Menschen aus verschiedensten Ländern zusammenleben. Sexuelle Gewalt und HIV gehören dort zu den grössten Problemen. Die wenigsten Frauen sind gewerkschaftlich organisiert, weshalb ihre Anliegen kaum gehört werden. Betriebliche Beschwerdegremien sind meist männlich dominiert und wenig geschlechtersensibel. Viele Frauen schweigen, weil ihnen das Vertrauen fehlt.
Wie könnte ein Freihandelsabkommen zur Bekämpfung von Zwangsarbeit beitragen?
Es sollte die Stimmen von Arbeiter*innen stärken und Gewerkschaften, migrantische Netzwerke oder NGOs verbindlich miteinbeziehen. Tut es das nicht, ist das ein Rückschritt. Verlässt man sich auf die üblichen Überprüfungsmechanismen der Industrie, ändert sich nichts. Es braucht wirksamere Methoden und eine konsequentere Durchsetzung. Zudem sollten Unternehmen zu einer Sorgfaltsprüfung verpflichtet werden. Wer exportiert, sollte internationale Standards einhalten müssen – diese gehen meist über nationale Gesetze hinaus.
Würde ein Importverbot für Produkte aus Zwangsarbeit Druck erzeugen?
Manchmal wirkt wirtschaftlicher Druck stärker als staatliche Massnahmen. Aber diese Frage beschäftigt mich auch selbst. Sanktionen treffen nicht nur Unternehmen, sondern auch Arbeitskräfte oder Kleinbauernfamilien. Die ganze Lieferkette gerät unter Druck. Gleichzeitig haben die Sanktionen der US-Zollbehörden gegen grosse malaysische Unternehmen viel bewirkt: Pässe wurden retourniert, Rekrutierungspraktiken verbessert und Arbeitskräfte besser behandelt. In dieser Industrie bewegt sich nichts von selbst. Handelssanktionen waren bislang der stärkste Hebel. Nur sie können Unternehmen und manchmal sogar Regierungen dazu bewegen, Missstände zu beheben.
Referendum gegen das Malaysia-Abkommen
Aus Sicht von Public Eye schützt das Abkommen zentrale Menschen- und Arbeitsrechte nicht verbindlich genug. Zudem könnte es den Zugang zu Medikamenten erschweren und den freien Tausch von Saatgut einschränken. Darum haben Public Eye und andere Organisationen das Referendum gegen das Malaysia-Abkommen lanciert. Die Sammelfrist für die notwendigen 50'000 Unterschriften läuft bis Ende September. Eine Volksabstimmung dürfte Anfang 2027 stattfinden.