Das Schweizer Kohledreieck

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Das Duo, das den multinationalen Konzern Glencore zu dem gemacht hat, was er heute ist, legte in den 1990er Jahren in Zug den Grundstein für das helvetische «Kohledreieck». Der weltweit grösste Exporteur zog andere Bergbaukonzerne und Händler an, die sich nach und nach auch auf den Finanzplätzen Lugano und Genf niederliessen. Inzwischen gibt es in der Schweiz 245 Unter­nehmen, die im Kohlegeschäft tätig sind.

Die Schweiz schloss ihr letztes Kohlebergwerk vor 75 Jahren, nach dem Zweiten Weltkrieg. Um die letzte Jahrtausendwende herum ist sie jedoch zu einem Schwergewicht im internationalen Kohlehandel geworden. Die grössten Bergbaukonzerne der Welt, ob aus Russland, den USA oder Indien, haben sich damals zwischen Zug, Genf und dem Tessin in einem nicht gerade vom Zufall bestimmten Rhythmus niedergelassen.

An der Entstehung des Schweizer Kohledreiecks waren zwei Persönlichkeiten beteiligt, die in der Welt des Handels sowie bei der US-amerikanischen Justiz wohlbekannt sind: Marc Rich und Ivan Glasenberg. Marc Rich, der von den Journalisten der Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg Javier Blas und Jack Farchy in ihrem Buch «The World for Sale»1 als «Ölkönig» bezeichnet wurde, begründete praktisch den Schweizer Rohstoffmarkt. Der Mann mit der Zigarre liess sich 1983 in Zug nieder, nachdem er vor der US-amerikanischen Justiz geflohen war, die ihn der Steuerhinterziehung und der Umgehung des Embargos für iranisches Öl beschuldigt hatte, und gründete dort die Firma Marc Rich & Co. Im April 19842 stellte diese einen jungen, ehrgeizigen Händler aus Südafrika ein, der eine fixe Idee hatte: Die Kohle steht vor einer vielversprechenden Zukunft. Gemeinsam legten Marc Rich und Ivan Glasenberg den Grundstein für das künftige Schweizer Kohledreieck.

Der Mann der nächsten Stufe

Archive images of the financier and billionaire oil trader Marc Rich pictured with his wife Denise Rich at home in Spain. He was indicted in the United States on federal charges of illegally making oil deals with Iran during the late 1970s-early 1980s. Marc is the founder of the Swiss trading house that evolved into Glencore, which is said to become a public company. © Jim Berry / Keystone / Camera Press

Als Marc Rich & Co. 1990 bei Xstrata einsteigt, heisst das Unternehmen noch Südelektra und ist auf die Finanzierung von grossen Infrastruktur- und Stromprojekten in Lateinamerika spezialisiert. Unter der Leitung ihres neuen Mehrheitsaktionärs nutzt das Unternehmen seine Börsennotierung, um für Marc Rich & Co. Geld zu beschaffen, und beginnt so seine Diversifizierung im Bergbausektor3.

Zur gleichen Zeit wird Ivan Glasenberg zum Leiter der Kohle-Abteilung von Marc Rich & Co. ernannt, die 1994 in Glencore umbenannt werden sollte. Für Marc Rich besteht kein Zweifel daran, dass Ivan «der Richtige ist, um Glencore auf die nächste Stufe zu heben»4. Ab 1998 bringt Ivan das Unternehmen dazu, sich für den Kauf von Kohleminen zu verschulden. Die Rohstoffpreise sind zu diesem Zeitpunkt auf einem Tiefststand und stehen kurz vor einem «Superzyklus» – einer anhaltenden Periode mit steigender Nachfrage, die das Angebot übersteigt – der die Branche begünstigen würde. Die Rechnung geht auf. Glencore, bisher ein reiner Händler, verschafft sich einen sicheren Zugang zu Dutzenden Millionen Tonnen Kohle sowie die Möglichkeit, den Preis zu beeinflussen, indem der Konzern die eigene Produktion des Rohstoffs steuert. Im Jahr 2000 ist Glencore der weltweit grösste Exporteur von Kraftwerkskohle, auf den ein Sechstel des Welthandels entfällt5.

Doch das Leben dieser Unternehmen ist nicht immer einfach. Als Glencore im Jahr 2002 dringend Geld braucht, entwickelt das Management in Zug einen Plan, der auf einen Schlag zwei Kohleriesen erschaffen sollte. Die in London und Zürich notierte Xstrata verkauft Aktien im Wert von 1,4 Milliarden US-Dollar, um die australischen und südafrikanischen Kohleminen von Glencore aufzukaufen. Der ehemalige Konzern von Marc Rich spezialisiert sich wieder auf den Handel mit Kohle, die nun von Xstrata produziert wird, wo Glencore mit 39% auch der grösste Anteilseigner ist. Glencore behält sein Imperium und Zug seine Rolle als Plattform für Kohle.

Im Jahr 2013 wird Xstrata schliesslich von Glencore geschluckt. Glencore hatte die Operation finanziert, indem das Unternehmen zwei Jahre zuvor sein Kapital an der Londoner Börse öffnete. Der von Ivan Glasenberg geführte Konzern ist nun der unangefochtene Spitzenreiter im Kohlegeschäft. Er ist so einflussreich, dass er andere Unternehmen anzieht und bei kleineren Händlern Interesse an einem Markt weckt, den man für tot und (fast) begraben gehalten hatte.

Schon Anfang der 2000er-Jahre hatten die meisten internationalen Bergbaukonzerne ihren Handelszweig und/oder Sitz in Zug, Lugano oder Genf errichtet.

Um sie herum tummeln sich nun Dutzende von Händlern, die sich auf den Verkauf eines plötzlich global gewordenen Rohstoffs spezialisieren. Die Schweiz wird zur Drehscheibe des internationalen Kohlehandels.

Laut der Zählung von Public Eye gibt es in der Schweiz derzeit 245 Unternehmen, die im Handelsregister eingetragen sind, um Kohle zu vermarkten, die in unternehmenseigenen Minen abgebaut, auf dem Markt gekauft oder in ausserbörslichen Geschäften gehandelt wird; oder aber, um Finanzdienstleistungen im Zusammenhang mit Kohle oder Kohlederivaten zu erbringen. In Zug sind es 54 Unternehmen, im Tessin 55 und in Genf 78.


  1. Javier Blas & Jack Farchy, «The World for Sale», Ed. Random House UK, 2021, Seiten 43 bis 71.
  2. Javier Blas & Jack Farchy, «The World for Sale», Ed. Random House UK, 2021, Seite 182.
  3. Javier Blas & Jack Farchy, «The World for Sale», Ed. Random House UK, 2021, Seite 190.
  4. Javier Blas & Jack Farchy, «The World for Sale», Ed. Random House UK, 2021, Seite 183.
  5. Javier Blas & Jack Farchy, «The World for Sale», Ed. Random House UK, 2021, Seiten 186-187.

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