FIFA: Die Schweiz im Abseits
Florian Blumer, 22. September 2026
In der Fussballwelt keimt gerade Hoffnung auf. Plötzlich scheint realistisch, was lange undenkbar schien: dass die Tage des in den letzten Jahren immer selbstherrlicher auftretenden Gianni Infantino gezählt sind. Mit seinem Geheimplan, WM-Rechte an Investoren aus dem Trump-Umfeld zu verscherbeln, hat er ganz offensichtlich den Bogen überspannt. Die UEFA und andere Verbände traten in offene Opposition und sägen nun kräftig an seinem Thron.
Das weckt Erinnerungen an den Frühling 2015. Damals herrschte Sepp Blatter über die FIFA, gestützt von einem dichten Geflecht aus Korruption und Günstlingswirtschaft. Jahrelang hatten sich Investigativ-Journalist*innen und Jurist*innen an ihm die Zähne ausgebissen. Dann plötzlich wurden aufgrund von Ermittlungen der US-Justiz sieben FIFA-Funktionäre vor dem Nobelhotel Baur au Lac in Zürich verhaftet. Blatter selbst war nicht darunter, doch er musste dem Druck nachgeben und trat zurück. Ein junger Fussballfunktionär (aus dem Wallis wie sein Vorgänger) trat an, den korrupten Weltfussballverband zu reformieren: Gianni Infantino.
Schnell erlahmter Reformeifer
Die Schweiz als Sitzstaat der FIFA sah sich derweil heftiger Kritik aus dem Ausland ausgesetzt. Das Parlament schuf eilig eine Gesetzesrevision und nannte sie «Lex FIFA»: Regeln gegen Korruption wurden verschärft, hohe Sportfunktionär*innen unter das Geldwäschereigesetz gestellt.
Ansonsten setzte die Schweiz weiter fröhlich darauf, dass sich die FIFA selbst reguliert. Dummerweise hielt Infantinos Reformeifer nicht lange an. Bereits wenige Monate nach Amtsübernahme begann er, die internen Kontrollgremien zu schleifen, darunter auch die Ethikkommission, u.a. dafür zuständig, den Präsidenten zu kontrollieren. Der Menschenrechtsbeirat wurde, nachdem er Missstände aufgedeckt und eine menschenrechtskonforme Führung der FIFA gefordert hatte, nur vier Jahre nach seiner Gründung wieder aufgelöst. Hans-Joachim Eckert – der von Infantino abgesetzte, ehemalige Co-Leiter der Ethikkommission - kommentierte die Entwicklung mit den Worten: «Gianni Infantino ist angetreten mit dem Versprechen, die Korruption aus der Fifa zu verbannen. Verbannt hat er diese besonders aus den internen Richtlinien.»
Von internen Aufsichtsinstanzen unbehelligt trimmte der selbst ernannte Hoffnungsträger die FIFA auf maximalen Profit, koste es, was es wolle. Ungeachtet der Verpflichtung zur politischen Neutralität biederte er sich hemmungslos den grossen (Möchtegern-)Autokraten dieser Welt an.
Die FIFA, ein «Verein mit nicht-kommerziellem Zweck»
Menschenrechtsverletzungen im Rahmen von WM-Austragungen machten schon unter Blatter Schlagzeilen. Infantino zeigte keinerlei Ehrgeiz, daran etwas zu ändern. Im Gegenteil: Gemäss einer Recherche der britischen Zeitung the Guardian sind auf Baustellen in Katar zwischen der Vergabe 2010 und der Austragung der WM 2022 in Katar rund 6500 Arbeitsmigrant*innen auf Baustellen gestorben. Der grösste Teil der Fälle blieb unaufgeklärt, die FIFA weigert sich bis heute, die Opferfamilien zu entschädigen.
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Valentin Flauraud / Keystone
Auch in Saudi-Arabien existiert das «Kafala» genannte, brutale System der Ausbeutung von Arbeitsmigrant*innen. Die FIFA unter Infantino stufte das Risiko von Menschenrechtsverletzungen dessen ungeachtet als «mittel» ein und vergab die WM 2034 ohne Auflagen an den Golfstaat.
Und was tut die Schweiz, wo die Fifa, weitgehend steuerbefreit, als «Verein mit nicht-kommerziellem Zweck» eingetragen ist? Parlamentarier*innen von links bis Mitte machten in Vorstössen immer wieder darauf aufmerksam, dass die FIFA doch eher einem multinationalen Konzern gleiche als einem Kaninchenzüchterverein – und entsprechend reguliert und kontrolliert werden sollte.
Der Bundesrat sah keinen Handlungsbedarf. Auch National- und Ständerat hatten kein Gehör für Forderungen nach strengerer Regulierung. Nicht einmal einen Bericht, der aufzeigt, welche Vor- und Nachteile eine einheitliche rechtliche Aufsicht der internationalen Sportverbände hätte erachteten Bundesrat und Parlament als notwendig. In seinen Begründungen verwies der Bundesrat immer wieder stolz darauf, dass die Schweiz in engem Austausch mit der FIFA stehe oder Gründungsmitglied des Zentrums für Sport und Menschenrechte sei, wo Dialoge und Schulungen zum Thema stattfänden.
Die ironische Pointe der Geschichte: Am 21. September erkannte man im Bundeshaus doch Handlungsbedarf. Der Ständerat beauftragte den Bundesrat, einen Bericht zur Fifa und den anderen rund 70 internationalen Sportverbänden im Land zu erstellen. Späte Einsicht angesichts der aufgeflammten Kritik an Infantino und der FIFA? Weit gefehlt. Der Auftrag lautet, die Vorteile aufzuzeigen, welche die Präsenz der FIFA und anderer Sportverbände «insbesondere auf das Image der Schweiz» hätten und Massnahmen zu eruieren, «um diese Vorteile zu wahren und zu festigen».
Es bleibt zu hoffen, dass sich der Bundesrat – der den Antrag zur Annahme empfohlen hatte – an den Sommer 2015 erinnert und beim Verfassen des Berichts auch ein paar Nachteile und Risiken erkennt, welche die FIFA für das Land mit sich bringt – und sich an seine damit verbundene Verantwortung erinnert. Es ist höchste Zeit.
«Geld schiesst keine Tore» (alte Fussballweisheit)
Florian Blumer arbeitet seit drei Jahren als Reporter und Rechercheur bei Public Eye.
Kontakt: florian.blumer@publiceye.ch
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