Greenwashing in weiss: Syngenta und der Posterboy auf Brettern

Am kommenden Wochenende könnte sich Marco Odermatt die grosse Kristallkugel für den Sieg im Ski-Gesamtweltcup sichern. In Basel werden das nicht alle gerne sehen. Denn der Agrochemiekonzern Syngenta hat ausgerechnet dessen letzten verbleibenden Konkurrenten, den Norweger Aleksander Aamodt Kilde, als globalen Botschafter eingespannt – und ihm ein grünes Mäntelchen über den Skidress gelegt. Mit vereinten Kräften wollen die ungleichen Partner «das Bewusstsein für den Erhalt der natürlichen Ressourcen und den Schutz der Umwelt schärfen». Analyse einer erstaunlichen Kampagne.

Unlängst sandte mir ein Freund einen Schnappschuss zu. Er zeigt Aleksander Aamodt Kilde, einen der derzeit schnellsten Skifahrer der Welt, auf einem monströsen Plakat an der Fassade des Skilifts Schaffürggli im Skigebiet Madrisia ob Klosters. Mit einer Hand befühlt der Posterboy das Blatt einer Pflanze, die er dabei aus leicht zusammengekniffenen Augen konzentriert betrachtet. Auf dem Plakat prangt gross das Logo der «Syngenta Group», zudem sind darauf ein paar Zahlen zur «fantastischen Vielfalt» der Schweiz aufgeführt: 71 Kartoffel-, 1152 Apfel- und über 1500 Tomatensorten soll es hier geben.

© Syngenta

Aber was nur soll das alles miteinander zu tun haben? Die Schweizer Tomatenvielfalt, ein Agrochemiemulti in chinesischem Besitz und ein norwegischer Skifahrer? Auf der Suche nach Antworten stosse ich auf eine von Syngenta eigens eingerichtete Kilde-Webseite. Dort erklärt mir der Norweger, dass «eine ausgewogene Ernährung und der Schutz der Umwelt» für ihn extrem wichtig seien. Nun wüssten wir aber alle, «dass die Bevölkerung rasch wächst und der Klimawandel weiter voranschreitet». Deshalb gebe es ihm «ein gutes Gefühl, zu wissen, dass sich die Leute der Syngenta-Group wirklich kümmern – um gesunde Lebensmittel, die sicher und umweltfreundlich angebaut werden».

Wow. Spricht dieser Mann vom gleichen Unternehmen, mit dem wir bei Public Eye uns regelmässig herumschlagen? Dem Konzern, der im Geschäftsjahr 2020 über 11 seiner gut 14 Milliarden Franken Gesamtumsatz mit Pestiziden erzielt hat und hierzulande verbotene Produkte – etwa Bienen tötende Nervengifte –  überallhin exportiert, wo dies noch möglich ist? Der als einer der drei grössten Player im globalen Saatgut-Markt 55% seines Saatgutumsatzes mit Mais und Soja erwirtschaftet? Und der in keinem Land mehr Geld verdient als in Brasilien, wo mancherorts statt Amazonaswäldern bald wohl gar nichts anderes mehr wächst als Genmais, Gensoja und Genbaumwolle – was natürlich weder punkto Vielfalt noch punkto Klimawandel eine besonders erbauliche Perspektive ist?

Ein Traum für Corporate Campaigner

Warum hat sich dieser Kilde ausgerechnet Syngenta als Partnerin ausgesucht, um sich «für einen grüneren, gesünderen und sichereren Planeten» einzusetzen? Wobei, wahrscheinlich hat eher Syngenta ihn ausgesucht. Und man muss sagen: Auch das ist mutig. Nicht wegen Kildes Werbeträgerqualitäten an und für sich, da gibt’s nichts zu mäkeln. Bodenständig und doch eloquent, auf dem Traktor ebenso apart wie auf den Ski, und auch sein Einsatz: vorbildlich! Welcher Markenbotschafter legt schon eigens einen Garten an, um mit den darin gewachsenen Gemüsen seine Freund*innen zu bekochen?

Und wie müssen die Augen der Corporate Campaigner in Basel erst geleuchtet haben, als bekannt wurde, dass sich Kilde und dessen Berufskollegin Mikaela Shiffrin ineinander verliebt haben? Ein Interview über das «Glamour-Paar im Weltcup» in einem «Leitmedium», inklusive eingebettetem Tweet zu Syngenta – besser geht’s kaum.

In ebendiesem Tweet stählt Kilde baren Oberkörpers seine beneidenswerten Muskeln und trinkt dann einen Schluck Wasser, bevor etwas umständlich auf ein paar Pflänzchen umgeschwenkt wird, die schliesslich auch Wasser benötigten. Ja, wir alle benötigen Wasser. Um es zu trinken, um Pflanzen zu giessen – oder aber auch, um daraus an abenteuerlichen Orten Schnee zu produzieren. Und damit sind wir beim Punkt, wieso ein Aushängeschild des globalen Skizirkus’ als Botschafter für einen gesünderen Planeten eine eher gewagte Wahl ist. Die Skirennen jüngst an den Olympischen Spielen fanden in Yanqing statt, einem steppenartigen Naturschutzgebiet nordwestlich von Peking, in dem im ersten Quartal 2021 gemäss Guardian weniger Schnee fiel als in Madrid. So waren gegen 190 Millionen Liter Wasser nötig, um renntaugliche Kunstschneepisten zu produzieren.

Auch abgesehen vom olympischen Widersinn befindet sich der Spitzenskisport bekanntermassen in der komplizierten Lage, dass er einerseits nur noch so lange existiert, wie es noch irgendwo Schnee gibt, und gleichzeitig fleissig seinen Beitrag dazu leistet, dass das nicht mehr allzu lange dauert. Und beim Versuch, das Vergnügen in Weiss grün erscheinen zu lassen, stellt sich der Weltskiverband FIS bislang auch nicht sehr glücklich an: Dessen jüngste Ankündigung, mithilfe eines Projekts im peruanischen Amazonas «klimapositiv» werden zu wollen, sorgte für geharnischte Kritik.

Das alles ist für Kilde noch ganz weit weg, als er sich am 14. Februar 2021 aufmacht, den vorläufigen emotionalen Olymp in der Partnerschaft mit Syngenta zu erklimmen. An diesem Tag wird in Norwegen neben dem Valentinstag gleich auch der Muttertag begangen, und so steht Kilde nun bei seiner Mutter in der Tür, mit einem Strauss markengeschützter Syngenta-Blumen (Typ: Primula Marli; Farbe: Deep Red) im Arm. Wenige Videosekunden später schiessen Mutter Kristin die Tränen in die Augen, als ihr Sohn sie in den Arm nimmt, ihr über den Rücken streicht und sagt: «Ohne dich wäre es schwierig gewesen».

Das stimmt natürlich nicht. Ohne Mutter Kristin wäre für Aleksander gar nichts schwierig, weil es ihn schlicht nicht gäbe.

Und Syngenta müsste sich eine andere Berühmtheit suchen. Mein Vorschlag: Formel-1-Fahrer Lewis Hamilton.

Klar, diese Disziplin scheint auch nicht eben prädestiniert für eine Poleposition im Kampf gegen den Klimawandel. Aber Obacht: Lewis Hamilton hat laut eigenem Bekunden den kompletten Fussabdruck seiner bisherigen Rennfahrerkarriere kompensiert und seine Ernährung auf rein pflanzliche Kost umgestellt. Und wenn er dann erst einmal vom Rennsport zurückgetreten ist, soll es erst richtig losgehen: Dann nämlich will er sich «voll und ganz darauf konzentrieren, die Welt zu heilen».

«Wenn die Wahrheit gesagt werden soll, ist es am besten, den Mund zu halten.»
Norwegisches Sprichwort (gemäss sprichworte-der-welt.de)

Timo Kollbrunner ist ein grosser Geniesser von Sportübertragungen und hat sich aufrichtig über den von Gut, Feuz & Co eingefahrenen olympischen Goldreigen gefreut – in vollem Wissen um all die guten Gründe, warum er das nicht tun sollte. Auf das unkritische Sich-einspannen-lassen sportlicher Ausnahmekönner*innen von zwielichtigen Konzernen reagiert er aber zunehmend allergisch.

Kontakt: [email protected]
Twitter: @tikollbrunner
 

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