Grenzenlose Syngenta

Der Chef von Syngenta Schweiz warf Public Eye jüngst implizit Kolonialismus vor. Eine steile These. Insbesondere, wenn sie vom Vertreter eines Konzerns kommt, der wenig unversucht lässt, um Gesetze in die gewünschte Richtung zu lenken – wenn er nicht gerade damit kokettiert, einen eigenen Staat gründen zu wollen.

Mitte Juni in Bern: Die Zeit für das von Public Eye organisierte Podiumsgespräch zu hochgefährlichen Pestiziden war um, eine allerletzte Frage, sagte die Moderatorin, liege aber noch drin. Wieso stets über die Verantwortung von Konzernen wie Syngenta diskutiert werde, wollte ein Mann aus dem Publikum wissen. In erster Linie sei es doch die Pflicht der Staaten, ihre Bürgerinnen und Bürger vor den schädlichen Auswirkungen hochgefährlicher Pestizide zu schützen. Der Hintergrund: Im April hatten wir in einem Recherchebericht aufgezeigt, in welchem Ausmass Syngenta von schwachen Regulierungen in Ländern wie Brasilien oder Argentinien profitiert, um dort weiterhin Pestizide zu verkaufen, die in der Schweiz längst nicht mehr zugelassen sind. Und in dem wir unter anderem forderten, dass die Schweiz den Export von hierzulande verbotenen Pestiziden untersagt.  

Klar, antwortete unser Landwirtschaftsexperte Laurent Gaberell dem Mann, es sei offensichtlich, dass manche Staaten diese Verantwortung zu wenig ernst nähmen. Aber es sei nicht die Aufgabe von Public Eye, Forderungen an ausländische Regierungen zu stellen. «Das wäre ziemlich kolonialistisch, nach Brasilien zu gehen und ihnen zu sagen, was sie zu tun haben.» Aufgabe von Public Eye sei es, auf die Verantwortung der Schweizer Politik und Unternehmen hinzuweisen. Das amüsierte Roman Mazzotta, Länderpräsident von Syngenta Schweiz, sichtlich. «Der mit dem Kolonialismus ist spannend», sagte er. «Warum zwingt ihr denn Brasilien Schweizer Vorschriften auf»? Er verstehe nicht, warum wir davon ausgingen, dass die brasilianische Regierung sich nicht um ihre Bürgerinnen und Bürger kümmere. Public Eye sage, so Mazzotta: «Wir sind keine Kolonialisten, aber macht, was wir von euch verlangen, denn ihr wisst es nicht besser.» 

Roman Mazzotta, Länderpräsident von Syngenta Schweiz, am Podium von Public Eye im Juni 2019 (3. von links).

Lieber etwas Einfluss nehmen 

Syngenta, der Konzern, der nicht nur die Welt ernährt, sondern sich auch noch nach Kräften für die Selbstbestimmung jener einsetzt, die von kolonialistischen NGOs gegen ihren Willen westlichen Normen unterworfen werden sollen? Das ist – ganz abgesehen davon, dass ein Exportverbot keine Vorschrift an Brasilien darstellte – ein doch eher gewagtes Narrativ. Schon allein deshalb, weil sich Syngenta nicht eben den Ruf erarbeitet hat, Regierungen vollkommen unabhängig Regeln aufstellen zu lassen und diese dann selbstredend zu akzeptieren. Man nimmt doch lieber etwas Einfluss. Wenn es darum geht, im US-Kongress die Zulassung einer genveränderten Maissorte zu erreichen etwa. Oder darum, Einschränkungen beim Einsatz von bienenschädlichen Insektiziden in der EU zu verhindern. Oder eben dann, wenn es gilt, sich eine möglichst starke Position auf dem weltweit grössten Pestizidmarkt zu sichern: in Brasilien. 

Umschmeichelte Giftkönigin 

Dort steht seit dem Amtsantritt von Jair Bolsonaro die Anführerin der mächtigen Agrarlobby «Bancada Ruralista», Tereza Cristina, dem Landwirtschaftsministerium vor. Cristina, die in Brasilien auch «Musa do Veneno», Giftkönigin, genannt wird, hat seit Anfang Jahr 211 (!) neue Pestizidformulierungen zugelassen. Nein, Herr Mazzotta, das ist tatsächlich nicht das, was wir oder unsere brasilianischen Kolleginnen von der nationalen Kampagne gegen Agrargifte sich unter «um die Bürgerinnen und Bürger kümmern» vorstellen. Eher neigen wir dazu, dies als ein kleines Dankeschön für gewisse Zuneigungen zu interpretieren. Für ihren Kongresswahlkampf erhielt die heutige Ministerin gemäss Recherchen unserer Partner von Repórter Brasil massive Zuwendungen aus dem Agrarhandelssektor – unter anderem einen fünfstelligen Betrag vom Besitzer eines Saatgutunternehmens, das zusammen mit Syngenta Fungizide vertreibt. 

«Partner im Kreuzzug» 

Natürlich war auch Tereza Cristina zugegen, als Syngenta im Juni in Campinas 1100 Teilnehmende unter dem Titel «One Agro» am gemäss Eigenwerbung «grössten Agrarevent Brasiliens» versammelte. In der daraus hervorgegangenen Vereinbarung hielten die Teilnehmenden fest, dass «die Modernisierung des Regulierungsrahmens unerlässlich» sei, um Innovationen im Agrarmarkt zu fördern. Dass die brasilianische Produktivität «auf nachhaltige Weise erhöht werden» solle, um «die Bevölkerung der ganzen Welt» mit Nahrungsmittel zu versorgen – «genauso wie mit Ethanol, Biodiesel, Bioelektrizität und anderem.» Und schliesslich: Dass man «ein neues Narrativ» entwickeln wolle, um der Bevölkerung aufzuzeigen, «dass wir für Lösungen sorgen und nicht Probleme schaffen». Die Landwirtschaftsministerin haben Syngenta & Co damit schon mal im Boot. Tereza Cristina beteuerte in ihrer Eröffnungsrede: «Das Landwirtschaftsministerium ist ein Partner beim Kreuzzug zur Verbesserung des Images der Agrarwirtschaft in der brasilianischen Gesellschaft und in der ganzen Welt.» 

Original-Ausschnitt aus einem Zeitungsinserat von Syngenta aus dem Jahr 2003.

«Soja kennt keine Grenzen» 

Angesichts der begeisterten Unterstützung der brasilianischen Landwirtschaftsministerin kann Syngenta getrost darauf verzichten, das ambitionierte Vorhaben weiterzuverfolgen, mit dem der Konzern vor einiger Zeit kokettierte: Nichts weniger als die Gründung einer eigenen «Republik». 2003 erschienen in argentinischen Zeitungen Anzeigen, in denen Syngenta die «Vereinigte Soja-Republik» ausrief. Gebildet würde diese aus Teilen Argentiniens, Boliviens, und Brasiliens sowie von ganz Paraguay. Die Grenzen zwischen den Ursprungsländern sind verschwunden. Gar über eine eigene Flagge – eine Sojabohne auf grünem Grund – verfügt die Republik. Der Slogan daneben: «Soja kennt keine Grenzen». Man kann genauso sagen: Syngenta kennt keine Grenzen. Deshalb müssen sie dem Konzern gesetzt werden. Durch das Parlament, mit einem Exportverbot für hierzulande nicht zugelassene Pestizide. Und durch das Volk an der Urne, wenn voraussichtlich im kommenden Jahr über die Konzernverantwortungsinitiative abgestimmt wird. 

«Suche nach dem Allerbesten in jeder Situation» – Yogi Bhajan 

Timo Kollbrunner hat auf den Philippinen, in Indien und Brasilien zu den Auswirkungen des Einsatzes von hochgefährlichen Pestiziden recherchiert und bislang keine Hinweise darauf gefunden, dass die Ernährungssicherheit den Agrarmultis mehr am Herzen liegen würde als der Shareholder Value. Seit 2014 beschäftigt er sich als Redaktor von Public Eye mit den Geschäftsmodellen von Schweizer Konzernen. Wird ihm das zu viel, trinkt er Yogi-Tee. 

Kontakt: timo.kollbrunner@publiceye.ch
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