Im Notfall die Blockchain ziehen!

Die multinationalen Konzerne in der Lebensmittel-, Öl- und Luxusindustrie haben eine Leidenschaft für die Blockchain entwickelt, diese unentwirrbare digitale Rohrleitung, das dezentralisierte Buchungsregister, das als unfälschbar gilt. Für jedes beliebige Problem in der globalisierten Wertschöpfungskette nennen sie die «Blockchain» als Lösung, als würden diese zwei magischen Silben alle Übel der Welt ausmerzen können. Die Cloud-Ökonomie steckt tief im Blockchain-Washing drin.

Die Wege der Blockchain sind fälschungssicher. Das ist mehr oder weniger der Grundstein, auf dem die Religion Satoshi Nakamotos gebaut wurde, dem Erfinder dieses digitalen und dezentralen Buchungsregisters, das es erlaubt, Informationen zu speichern und zu übertragen, ohne dass sie nachträglich verändert werden können. Noch wissen wir nicht, wer hinter dem Pseudonym steckt, aber sein Blockchain-Evangelium hat in der kollektiven Vorstellungskraft sowie in den Marketingagenturen und Krisenabteilungen der globalisierten Unternehmen seinen Platz gefunden. Heute reichen das Schlagwort und sein Ruf der Fälschungssicherheit, um jegliche Diskussion über die Rückverfolgbarkeit von Konsumgütern, die genaue Herkunft von Konfliktmineralien oder das Thema Geldwäscherei im Keim zu ersticken:

«Alles wird besser werden, versprochen!».

Blockchain ist die 3-in-1-Rundumlösung der Cloud Economy geworden. Sie bietet eine digitale Lösung für materielle Probleme: Die Frage nach der Herkunft von Kobalt, die Authentifizierung von edlen Uhren oder Designer-Handtaschen oder den Erwerb seltener und ungewöhnlicher Güter wie (elektronische) Unterschriften von Sportlern in der Panini-Bildersammlung. Sogar die katholische Kirche erwägt angeblich die Blockchain, um religiöse Sakramente wie Taufen aufzuzeichnen oder um die Transparenz bei Spenden zu verbessern und so auf die Anschuldigungen von Geldwäscherei in der Vatikanbank zu reagieren. Block-chain: zwei Silben, die heutzutage in keiner Pressemitteilung fehlen dürfen, wenn man ernst genommen werden will.

Ein gewisser Hang zum Absurden

Da Journalist*innen Wesen mit einem gewissen Hang zum Zynismus und einer Vorliebe für absurde Situationen sind, will ich sicherstellen, dass die folgende Anekdote nicht in Vergessenheit gerät. Sie ereignete sich im Agrarstaat São Paulo (Brasilien), an einem spannenden Treffen mit den sieben Kommunikationsbeauftragten der Louis-Dreyfus Company (LDC). Das multinationale Unternehmen, das seine landwirtschaftlichen Aktivitäten von Genf aus steuert, weigert sich aus «strategischen» Gründen, die Liste seiner Orangenlieferanten zu veröffentlichen. Dennoch verweist sie mich neugierigen Reporter auf ein BBC-Video über die Transparenz-Bemühungen der Agrarindustrie, sowie die Anstrengungen, eine «Verbindung zwischen dem Landwirt und dem Verbraucher» zu schaffen.

Klicken Sie aufs Bild, um das Video zu starten.

Und los geht's mit 19:35 Minuten euphorischem PR-Journalismus mit der Flasche Orangensaft in der Hand, Drohnenaufnahmen und hohlklingenden Worten. Rückverfolgbarkeit, Transparenz, Nachhaltigkeit – der Orangensaft-Multi verspricht seinen niederländischen Konsument*innen sogar, dass sie durch einfaches Scannen eines QR-Codes eine Textnachricht oder ein Foto von sich an die Bauern schicken können, die den Inhalt ihrer Flasche produziert haben. Willkommen in der schönen Welt des Blockchain-Washings.

Doch vor Ort hat LDC nicht die geringste Lust, Informationen weiterzugeben oder den Zugang zu seinen Plantagen oder Orangenpflückern im Nordosten Brasiliens zu erleichtern, die in ständiger Angst vor Vergeltungsmassnahmen leben. Und die hochgelobte digitale Lösung ist eigentlich gar keine… zumindest nicht aus der Perspektive eines dezentralen Systems.

Was steckt tatsächlich hinter dem Schlagwort Blockchain?

Wie bei 98% der Unternehmen ist die «Blockchain» von Louis-Dreyfus in Wirklichkeit bloss eine Plattform, die auf der Blockchain-Technologie basiert. Solche privaten Initiativen, die gegenüber der Blockchain das sind, was Fanta verglichen mit Orangensaft ist, gibt es mittlerweile in allen Wirtschaftsbereichen. Sie ahmen zwar den Code der Originalversion nach, mit aneinander gereihten «Blöcken», welche den Schein erwecken, als würde es sich um von einer Instanz validierte Informationen handeln. Sie sind jedoch in keiner Weise dezentralisiert oder für die Öffentlichkeit zur Überprüfung zugänglich. Das System verlässt sich also voll und ganz auf die Glaubwürdigkeit derjenigen, die ihre eigenen Transaktionen verifizieren und sich selber validieren.

Wenn es nicht einmal danach aussieht, warum nennt man diese privaten Initiativen dann trotzdem weiterhin «Blockchain»? «Für mich ist die Idee völlig widersinnig. Wenn die Plattform nicht auditiert wird, hindert niemand Banken und multinationale Unternehmen daran, Transaktionen auf der Blockchain zu verändern oder zu stornieren», argumentiert Federico Paesano, ein Europol-Beamter, der auch das Kursprogramm «Cryptocurrencies and Anti-Money Laundering» am Basel Institute koordiniert. Kein Wunder nutzt die Wirtschaft lieber eigene digitale Plattformen als ihre Lieferketten wirklich offenzulegen.

Auch die Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität leidet unter diesen Unzulänglichkeiten.

«Private oder zentralisierte Blockchains ermöglichen es auch, Geld zu waschen oder andere Finanzverbrechen zu verbergen – im Gegensatz zu einer öffentlichen Blockchain, bei der die Informationen von der Community validiert werden und daher effektiv unveränderlich sind», betont Federico Paesano.

Ähnlich wie bei Etiketten auf Kartons

Die Quelle der Informationen ist das andere grosse Problem. Angenommen, unsere Daten sind fälschungssicher, nachdem sie von der Community oder einer Behörde validiert wurden. Doch was beweist mir, dass die Informationen nicht von Anfang an falsch waren? Mein ehemaliger Vorgesetzter vergleicht Blockchain gerne mit einem Produktetikett. Egal ob das Etikett aus Pappe, Plastik oder neuerdings digital ist, was zählt ist der Inhalt der Packung. Nehmen wir an wir tauschen zwei Lieferungen von Coltan (ein Konfliktmineral) untereinander aus: Eine stammt von einer Mine im Kivu (Demokratische Republik Kongo), die von einer bewaffneten Miliz kontrolliert wird, die andere kommt aus einer legalen Produktion. Dann vermitteln die Etiketten eine Information, die umso falscher ist, als sie unveränderlich ist und aus der angeblichen Unbestechlichkeit der Blockchain Legitimität zieht.

Sie glauben mir nicht? Der auf neue Technologien spezialisierte Blogger Terence Eden schaffte es 2018, sich mithilfe eines Blockchain-basierten Kunstzertifizierungssystems als Urheber des Mona-Lisa-Gemäldes zu authentifizieren.

<script> if (!document.getElementById('tweetscript')) { document.write('<scr' + 'ipt id="tweetscript" async src="https://platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></scr' + 'ipt>'); } </script>

Er legte in seinem Blog dar, dass er nicht das italienische Genie Leonardo da Vinci ist, der im frühen 16. Jahrhundert die Mona Lisa malte. Und dass es unmöglich ist, ein gesellschaftliches Problem wie Vertrauen mit Technik zu lösen. Egal, ob man an die Orangen- und Mineralienmultis denkt oder an die grossen Juweliere – es ist schwer, dem zu widersprechen.

«Als ich im Junior-Team spielte, sagte mein Trainer immer: 'Wenn Du das Spiel gewinnen willst, musst Du Deinen Kopf dahin stecken, wohin andere nicht einmal den Fuss setzen würden.' Vielleicht hatte er Recht.»

Adrià Budry Carbó ist Mitglied des Rechercheteams von Public Eye, spezialisiert auf den Rohstoffhandel und dessen Finanzierung. Davor war er Journalist bei der Tageszeitung Le Temps sowie der Tamedia-Gruppe. In einem anderen Leben arbeitete er ebenfalls am Nuevo Diario in Nicaragua.

Kontakt: adria.budrycarbo@publiceye.ch
Twitter: @AdriaBudry

Dieser Text ist eine Übersetzung des französischen Originaltextes.

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