Justitia spricht

Was geschieht, wenn Justitia im Gerichtssaal auf die Konsumgüterindustrie trifft und über deren Wirtschaftsweise befinden muss? Ein Dialog.

Justitia: Ich fasse den Sachverhalt kurz zusammen: Per 29. Juli 2019 haben Sie sämtliche natürlichen Ressourcen bereits aufgebraucht, die global in diesem Jahr verfügbar waren. Seither leben Sie auf Pump. Sie sind bereits hochverschuldet, denn es ist nicht das erste Jahr, in dem Sie Ihre Mittel schlecht einteilen, weswegen Nutzerinnen und Nutzer weltweit sehr ungleichen Zugang zu Ressourcen haben. Warnrufe haben Sie ignoriert, und Sie haben ein ausgeklügeltes System der Abwehr geschaffen, um die Öffentlichkeit zu blenden und zu verwirren.

Angeklagte: Naja, ich finde das legen Sie jetzt sehr negativ aus…

Justitia: Es geht um den Straftatbestand der Misswirtschaft. Misswirtschaft ist ein Vorsatzdelikt, es genügt dabei auch der Eventualvorsatz. Strafrechtlich verfolgt wird, wer durch nachlässiges Verhalten bei den unternehmerischen Sorgfaltspflichten eine Überschuldung in Kauf nimmt. Misswirtschaft heisst, dass Sie durch gewagte Spekulationen oder arge Nachlässigkeit in der Berufsausübung Ihre Überschuldung herbeigeführt und im Bewusstsein Ihrer Zahlungsunfähigkeit die Lage verschlimmert haben.

Angeklagte: Also ich bitte Sie, fragen Sie mal Amancio Ortega, den Besitzer von Zara. Oder die Familie Brenninkmeijer, denen C&A gehört und die Familie Kamprad, Besitzer von Ikea, das sind erfolgreiche Leute, die sind weltweit in den Top-Listen der Milliardäre, und die haben sogar Vermögen steuergünstig in der Schweiz angelegt. Da können Sie doch nicht von Misswirtschaft reden!

Justitia: Es geht nicht darum was Einzelne verdienen, sondern wie sich ihre Wirtschaftsweise auf die Bevölkerung und die Umwelt auswirkt!

Angeklagte: Aber ja, die Bevölkerung…. die profitiert doch auch. Denken Sie zum Beispiel an all die philanthropischen Projekte der Konzerne, da bekommen etwa Fabrikarbeiterinnen in Kambodscha gratis energiereiche Frühstücksriegel, damit sie frisch gestärkt in den Arbeitstag starten können!

Justitia: Ich wiederhole es gerne nochmals, weil mir scheint, dass Sie das Problem verharmlosen: Es geht um einen Straftatbestand; darum, dass Sie wissentlich die Überschuldung und den Kollaps in Kauf genommen haben. Es geht immerhin um das Ökosystem eines gesamten Planeten und um fast acht Milliarden Menschen. Wenn Sie globale Geschäfte machen wollen, müssen Sie schon auch globale Verantwortung übernehmen.

Angeklagte: Ja, genau, wir sind global unterwegs, da haben Sie schon recht, denn die konsumstarke Mittel- und Oberschicht ist quer über den Globus verteilt. Die Menschen wollen konsumieren, wir reagieren ja nur auf die Nachfrage.

Justitia: Aber es geht um das Mass und die Art und Weise. Sie als Konsumgüterindustrie können doch nicht weiterhin schädliche Auswirkungen negieren, wenn Sie die Konsequenzen wie die Verschmutzung ganzer Landabschnitte, die Vergiftung von Flüssen, die Versteppung übernutzter Landwirtschaftsflächen, die verarmten Bäuerinnen und Bauern oder die als Folge von schlechten Arbeitsbedingungen gesundheitlich schwer angeschlagenen Menschen täglich vor Augen haben?

Angeklagte: Also wir als Industrie sind für unsern Teil nun wirklich engagiert in der Problembekämpfung: Wir investieren in Innovation, Technologien, Effizienz, Kommunikation…. wir machen schon was möglich ist.

Justitia: Können Sie etwas genauer erklären, was Sie damit meinen?

Angeklagte: Zum Beispiel bekämpfen wir den Plastik- und Verpackungsmüll und setzen auf Recycling. Nestlé etwa will bis 2025 den Anteil an recyceltem PET in den Plastik-Wasserflaschen auf 35 Prozent steigern. Und Novartis hat kürzlich transparent in den Medien angekündet, PET-Flaschen aus den Bürogebäuden und Personalrestaurants in Basel verbannen zu wollen. Oder H&M: Der Konzern will bis 2022 den Wasserverbrauch in der Produktion um 25% reduzieren. Wissen Sie, die Textilindustrie verbraucht und verschmutzt extrem viel Wasser, da machen 25% weniger richtig etwas aus.

Justitia: Sie haben jetzt drei Beispiele genannt. Ich habe dazu drei Fragen:

  1. Sie anerkennen, dass PET und Plastik ein Problem sind, bringen aber das Vorzeigebeispiel von Flaschenwasser, obwohl dieses Geschäftsfeld den PET-Flaschen-Verbrauch massiv erhöht. Wieso?
  2. Sie wissen, dass Konzerne hauptsächlich in ihren internationalen Produktionsketten Mensch und Umwelt belasten, nicht am Konzern-Hauptsitz. Dennoch heben Sie nur vorbildliches Verhalten am Hauptsitz hervor. Wieso?
  3. Sie sind sich bewusst, dass Wasser weltweit knapp ist und wir bereits mitten in der Wasserkrise stecken, unter anderem auch weil Überproduktion und Überkonsum das Problem anheizen. Trotzdem fokussieren Sie lediglich auf eine Reduktion des Verbrauchs statt auf die Ursachen des Problems: Das nicht nachhaltige Geschäftsmodell, zum Beispiel von Fast Fashion. Wieso?

Angeklagte: Wieso, wieso, wieso. Das sind halt komplexe Probleme. Wir haben eben einen prozessorientierten Ansatz - Schritt für Schritt - und wir haben Erfolg damit: Die Shareholder verdienen gut, die Produktion- und Konsum-Menge wächst. Was wollen Sie mehr?

Justitia: Ich halte fest: Die Angeklagte benutzt diverse Strategien, um die Öffentlichkeit gezielt im Glauben zu lassen, dass es mit der Funktionsweise der Konsumgüterindustrie keine Probleme gibt. Sie versuchen die Verantwortung auf die Konsumierenden abzuwälzen und setzen auf Scheinlösungen wie Effizienzsteigerung und Substitution durch bessere Technologien. Das Ganze verpacken Sie in aufwändig gestaltete Nachhaltigkeitsberichte mit unverbindlichen Absichten für die Zukunft und verheissen Glück und Erfolg für alle, die viel konsumieren. Dass es aber grundlegende Probleme mit dem Geschäftsmodell der Konsumgüterindustrie gibt, das blenden Sie völlig aus.

Die Tatbestände der Misswirtschaft treffen zu: Natürliche Ressourcen werden für kurzfristige Profitmaximierung schamlos übernutzt, Menschen als Arbeitskräfte ausgebeutet, Umwelt- und Sozialkosten in Produktionsländer ausgelagert. Das ist keine Privatsache mehr – gut dass der Staat endlich eingreift!

Im Namen des Gesetzes: ich verurteile Sie wegen Misswirtschaft.

„Systemische Probleme brauchen systemische Lösungen, keine Pflästerlipolitik.“

Christa Luginbühl arbeitet seit über 10 Jahren bei Public Eye und ist Mitglied der Geschäftsleitung. Ihr thematischer Schwerpunkt sind Menschen-, Frauen- und Arbeitsrechte in internationalen Lieferketten, insbesondere in der Pharmaindustrie, Landwirtschaft, im Konsum und Agrarohstoffhandel.

Kontakt: christa.luginbuehl@publiceye.ch
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