Mit Trafigura auf Abenteuerfahrt an der Börse

Nächsten Montag bringt der Genfer Rohstoffgigant 14 Supertanker in Oslo an die Börse. Weil er dafür vorab keinen Informationsprospekt publizieren und kaum Transparenz über diesen vorbelasteten Geschäftszweig schaffen muss, helfen wir potenziellen Anleger*innen hier ein wenig auf die Sprünge.

Rohstoffhändler überbieten sich ja gerne an waghalsigen Räubergeschichten. Falls Sie dafür ein Faible haben und auch (ein kleiner) Teil dieses Geschäfts werden wollen: Aufgepasst! Trafigura macht Ihnen dieser Tage ein einmaliges Angebot. Der Genfer Konzern bringt einen Teil seiner Hochseeflotte an die Börse und ermöglicht Kleinanleger*innen erstmals, eigenes Geld in diese ebenso rentable wie risikoreiche Firma zu stecken. Mit Ihrer Investition erhalten Sie einen klingenden, italienischen Namen (Volare Shipping) im Portfolio und lukrative Gewinnaussichten in krisenreichen Zeiten. Vor allem aber werden Sie Teil der höchst verwegenen Reedereigeschichte von Trafigura, wo hunderte Seeleute das Geschäft auf Kurs halten.

Auf der Suche nach immer höheren Margen schreibt Trafigura stets neue Kapitel seines Abenteuerromans, so zuletzt im Januar 2024. Damals hatten die Huthi-Rebellen die Durchfahrt im Roten Meer blockiert und zwangen die meisten Reedereien zur kostspieligen Umschiffung von ganz Afrika. Doch Trafigura stellte seine Matrosen der Gefahr und versuchte einen mit russischem Erdöl beladenen Tanker zum Suezkanal durchzuschleusen. Die Aktion misslang, das Schiff brannte nach einem Raketeneinschlag vor den Augen der Weltöffentlichkeit während Stunden lichterloh. Die Besatzung blieb zufälliger- und glücklicherweise schadlos und erhielt für ihren «ausserordentlichen Mut» später einen leider undotierten Orden der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation.

Der Tanker Marlin Luanda brennt nach Raketeneinschlag im Roten Meer.

Spektakuläre Manöver wagt die Crew von Trafigura aber nicht nur auf hoher See. Bereits 2009/10 entdeckte der Händler das ungeahnte Potenzial der angolanischen Shipping-Branche: Mit nur neun Verträgen soll er damals einen Profit von 143 Millionen US-Dollar gemacht haben. Wie genau Trafigura auch Ihnen einen solchen Reibach bescheren könnte, bleibt reine Spekulation. Falls Sie es aber etwas genauer wissen wollen, können Sie die damaligen Vorgänge bei der Bundesanwaltschaft nachlesen. Diese hat Trafigura deshalb jedenfalls wegen mutmasslicher Korruption vor das Bundesstrafgericht gezogen und dort in erster Instanz gegen den Konzern gewonnen.

Schliesslich dürfte Trafigura auch an Bord seiner Schiffe versuchen, seine Profite zu optimieren, um die Marge Ihres Investments zu steigern. Als Anleger*in erwartet Sie auf Ihren 14 Supertankern hemmungsloser Pioniergeist. Dafür gibt es historische Evidenz. Wobei natürlich zu hoffen ist, dass sich der Skandal von 2006 nicht wiederholt. Damals mischte Trafigura an Bord eines Tankers billigen, weil extrem schwefelhaltigen Treibstoff für den afrikanischen Markt. Das Chemieexperiment misslang, den resultierenden Giftmüll deponierte Trafigura an mehreren Orten in der Elfenbeinküste. Weil 17 Menschen starben und über 100'000 weitere vergiftet wurden, sperrte das westafrikanische Land den Trafigura-Gründer während 5 Monaten hinter Gitter.

Ist Ihre finanzielle und moralische Abenteuerlust geweckt? Dann sind Sie bereit und gewappnet für ein Investment in der Räuberbranche der Rohstoffhändler. Denn selbst wenn einmal Schiffe oder zumindest deren Preis irgendwann wieder sinken: Die damit verbundenen Geschichten sind ein bleibender Wert. Willkommen an Bord!

Disclaimer: Dieser Blog ist keine Anlegeberatung oder gar -empfehlung. Wertschriften sind mit zahlreichen Risiken verbunden, von schlechtem Gewissen bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals.

Manuel Abebe koordiniert bei Public Eye die Handelspolitik und recherchiert zum Rohstoffhandel.

Kontakt: manuel.abebe@publiceye.ch
Twitter: @manuelabebe

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