Schweizer Trader im Kielwasser des US-Imperialismus
Robert Bachmann, 19. Januar 2026
Der US-Angriff auf Venezuela und die Entführung von Präsident Nicolás Maduro am 3. Januar 2026 stellen einen klaren Verstoss gegen das Völkerrecht dar, insbesondere gegen das Gewaltverbot sowie das Gebot der Achtung der territorialen Integrität gemäss UNO-Charta. Vier Tage später verurteilte die offizielle Schweiz das Vorgehen der Trump-Regierung: «Eine Rechtfertigung für diesen Angriff lag aus völkerrechtlicher Sicht nicht vor», heisst es in einer bemerkenswerten Stellungnahme des Aussendepartements.
Die Yale-Rechtsprofessorin Oona Hathaway sieht in der Aggression gegen Venezuela den bisher radikalsten Angriff der Trump-Regierung auf die internationale Rechtsordnung. Es sei der Versuch, eine Welt zu schaffen, in der nur mehr das Recht des Stärkeren gilt. Den neuen US-Imperialismus illustriert dieser Post, den das US-Aussenministerium auf der Plattform X abgesetzt hat.
Worum es Donald Trump aber auch geht, machte er am Tag nach dem Angriff deutlich: die Erdölreserven Venezuelas, die grössten der Welt. Er verkündete, die staatliche venezolanische Erdölgesellschaft PDVSA werde den USA in einem ersten Schritt bis zu 50 Millionen Barrel Rohöl-Reserven im Wert von 2,8 Milliarden US-Dollar überlassen. Weiter würden die USA respektive ihre grossen Öl-Firmen in die marode Erdöl-Infrastruktur des Landes investieren und so «viel Geld verdienen».
Ein rechtliches Minenfeld
Mit diesem Vorgehen befindet sich die Trump-Regierung auf rechtlich heiklem Territorium. Dass ihr das bewusst sein muss, zeigt ein Blick in die entsprechende Executive Order. Die Erträge aus dem Verkauf des venezolanischen Erdöls bleiben demnach «Eigentum der venezolanischen Regierung […]; die US-Regierung verwaltet diese nur treuhänderisch». Gleichzeitig verbietet die US-Regierung jede gerichtliche Überprüfung im Zusammenhang mit den Verkaufserlösen und droht, ein juristisches Vorgehen anderer Staaten wäre eine Einmischung in die Aussenpolitik der USA.
Fakt aber ist: Das Völkerrecht garantiert nicht nur das Recht von Staaten auf Selbstbestimmung, sondern nennt explizit auch die Souveränität über ihre natürlichen Ressourcen.
Schweizer Händler wittern das Geschäft
50 Millionen Barrel Erdöl und die Aussicht auf die weltgrössten Erdölvorkommen klingen im ersten Moment verlockend. Auf den zweiten Blick aber sind die aktuellen Reserven überschaubar, die Ölvorkommen schwer zugänglich und grösstenteils von minderer Qualität, und Investments in die marode Infrastruktur kostspielig und risikoreich. Entsprechend zurückhaltend bleiben die grossen US-Ölkonzerne.
Nicht so Ben Luckock. Der Global Head of Oil des Genfer Rohstoffhändlers Trafigura sagte bei Bloomberg, man sei mit der US-Regierung «im Gespräch» und helfe gerne, das venezolanische Erdöl zu verkaufen. Man werde aber sicherstellen, dabei nicht gegen die US-Sanktionen zu verstossen und auch sonstige Gesetze einzuhalten. Kein Wort davon, dass man sich damit zum kommerziellen Komplizen der US-Regierung und deren völkerrechtswidrigem Angriff auf Venezuela machen könnte. «Mit Politik haben wir nichts zu tun», so Luckock.
Diese kühne Behauptung gehört seit Marc Rich, dem kontroversen Gründer von Glencore, zum Repertoire jedes Rohstoffhändlers und ist heute so falsch wie zu Richs Zeiten. Denn Handelsfirmen unterstützen durch ihre Entscheide und Geschäfte, ob gewollt oder nicht, in politischen oder militärischen Auseinandersetzungen immer die eine oder andere Seite.
Marc Rich düpierte Ende der 1970er-Jahre die USA, als er nach der islamischen Revolution iranisches Erdöl handelte, während in Teheran 90 US-Geiseln festgehalten wurden. Auch als Glencore und der Genfer Erdölhändler Vitol ab 2001 im UN-Hilfsprogramm «Oil for Food» für den Irak begannen, Saddam Hussein einen geheimen Aufpreis zu zahlen, ergriffen sie politische Partei. Zum Verhängnis wurde den Schweizer Unternehmen in beiden Fällen, dass sie sich mit den USA anlegten.
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Heute nun wollen die USA, dass Schweizer Rohstoffhändler ihre Interessen in Venezuela aktiv unterstützen. Und zwar beim Transport der Erdölreserven auf den Weltmeeren und deren Verkauf auf dem Weltmarkt. Neben Trafigura tut das auch Vitol, dessen Trader John Addison Trumps Wiederwahl sogar mit 6 Millionen US-Dollar unterstützt hat.
Entsprechend wiegen sich Trafigura und Vitol in Sicherheit. Man operiere «in Konformität mit den Sanktionen und habe alle notwendigen Bewilligungen für diese Transaktionen», so ein Statement der beiden Genfer Händler. Ob die US-Aneignung des venezolanischen Erdöls und damit auch dessen Handel, überhaupt rechtens sind, scheint dabei keine Rolle zu spielen.
Showdown in Davos?
Das sehen unter anderem die Expertinnen und Sonderberichterstatter des UNO-Menschenrechtsrats anders. «Die riesigen natürlichen Ressourcen Venezuelas […] dürfen nicht unter fadenscheinigen Vorwänden zynisch ausgebeutet werden, um militärische Aggressionen […] zu legitimieren. […] Staaten und Unternehmen tragen eine grundlegende Verantwortung, sich nicht an imperialistischen Strategien zu beteiligen, die gegen die Menschenrechte und die Grundsätze der Nichteinmischung und Selbstbestimmung verstossen» heisst es in einem Communiqué.
Es liegt nicht im Schweizer Interesse, dass Donald Trump die geltende globale Rechtsordnung auflöst und durch das Recht des Stärkeren ersetzt. Die Stellungnahme des EDA macht dies deutlich. Entsprechend müsste sich der Bundesrat auch zur fragwürdigen Rolle der Schweizer Rohstoffhändler als Profiteure dieser imperialistischen Politik äussern. Das WEF, wo sie ja mit Sicherheit alle aufeinandertreffen werden, wäre das ideale Forum dafür, die CEOs von Trafigura und Vitol ins Gebet zu nehmen.
Robert Bachmann ist Finanz- und Rohstoffexperte bei Public Eye. Davor arbeitete er in der Korruptions- und Geldwäschereibekämpfung der Credit Suisse sowie für das EDA, unter anderem in der Ukraine und der Demokratischen Republik Kongo.
Kontakt: robert.bachmann@publiceye.ch
LinkedIn: @RobertBachmann
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