Seitenwechsel: Vom Seco in den Nestlé-Verwaltungsrat

Unter der Leitung von Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch trug das Seco Nestlés Anliegen in die Welthandelsorganisation. Nun wechselt die ehemalige Staatssekretärin weniger als neun Monate nach ihrem Abgang in den Verwaltungsrat des Konzerns. Der Seitenwechsel zeigt einmal mehr, wie gut die Drehtür zwischen Verwaltung und Weltkonzern geschmiert ist.

Ach, der Februar. Die grosse Saison der Jahresrechnungen. Jeden Morgen erscheinen in der Mailbox Meldungen über Umsatzrekorde oder exorbitante Konzerngewinne. So auch an diesem Donnerstagmorgen. In der Agenda ist dick eingetragen: Nestlé veröffentlicht heute die Ergebnisse.

Bing!

Um 7:17 Uhr kommt die Mail: In der Medienmitteilung gibt sich Konzernchef Ulf Mark Schneider staatsmännisch: «Die Inflation erreichte ein noch nie dagewesenes Niveau, die Lebenshaltungskosten machten vielen Menschen zu schaffen». Was er nicht erwähnt: Nestlés Umsatzsteigerung im letzten Jahr resultiert beinahe restlos aus Preissteigerungen zulasten der Konsument*innen.

Ein Umsatz von 94,4 Milliarden Franken, ein Reingewinn von 9,3 Milliarden: Nach den massiven Gewinnen im Vorjahr ist dies ein kleiner Dämpfer für den Konzern. Obwohl Konzernchef Schneider 2022 eingestehen musste, dass er sich bei einigen Geschäften verspekuliert hatte, verkündet Nestlé stolz die «28. Erhöhung der jährlichen Dividende in Folge». Beim grössten Lebensmittelkonzern der Welt scheint sich auch in wirtschaftlich «bescheideneren» Jahren wenig zu ändern.

Bing!

Ist jetzt doch noch was passiert?

Nur vier Minuten nach den Jahreszahlen erscheint um 7:21 eine zweite Nestlé-Mail im Postfach. Betreff: «Nestlé schlägt Rainer Blair und Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch als unabhängige Mitglieder des Verwaltungsrats vor».

«Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch ist Anwältin und verfügt über weitreichende Erfahrungen in den Bereichen globale Handelspolitik und internationale Organisationen», unterstreicht Nestlé. Das kann man wohl sagen: Ineichen-Fleisch war bis Ende letzten Juli Direktorin beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), dem Kompetenzzentrum des Bundes für alle Fragen der Wirtschaftspolitik.

© WEF / Wikimedia

Ein Beispiel für die weitreichende Erfahrung in der globalen Handelspolitik gefällig? Unter der damaligen Leitung der designierten Nestlé-Verwaltungsrätin intervenierte das Seco in der Welthandelsorganisation hartnäckig gegen ein Gesundheitsgesetz in Mexiko – entgegen der offiziellen Schweizer Position bei der Welternährungsorganisation und scheinbar ohne Konsultation anderer Verwaltungseinheiten.

Was also trieb das Seco an, in Eigenregie gegen die Gesundheitspolitik eines unabhängigen Landes vorzugehen? Nun ja, Nestlé hatte Ineichen-Fleischs Direktion um die Intervention gegen das umsatzgefährdende Gesetz gebeten – und ihr dazu gleich die Argumente souffliert. Public Eye berichtete im letzten Sommer detailliert über die freundschaftlichen Dienste des Seco an Nestlé in diesem Fall.

Während elf Jahren an der Seco-Spitze stellte sich die Staatssekretärin stets schützend vor Konzerne – offenbar mit dem Ziel, jede noch so kleine Regulierungsforderung im Keim zu ersticken.

Nach diesem unermüdlichen Wehrdienst, so könnte man meinen, sei es für Nestlé Zeit geworden, sich erkenntlich zu zeigen.

Was erwartet Ineichen-Fleisch im neuen Arbeitsumfeld?

Zunächst zum Finanziellen: Nestlé vergütet seine Verwaltungsrät*innen mit 280'000 Franken jährlich, plus einem Sackgeld von 15'000 CHF für Spesen. Zudem haben aktuell alle VR-Mitglieder mindestens ein internes Kommissionsmandat inne, pro Posten sind nochmals zwischen 70'000 und 200’000 Franken drin. Bei der Bundesverwaltung kriegt man dagegen auch bei einem 100%-Job maximal 397'266 Franken.

Auch wenn Ineichen-Fleisch, wie unsere Recherche unterstrich, bereits bestens mit dem Konzern vertraut ist – es bleiben noch gute zwei Monate zur Vorbereitung auf das Verwaltungsratsmandat:

Bei den neuen Abläufen könnte vielleicht der erfahrene Nestlé-VR Patrick Aebischer als «Götti» zur Seite stehen. Er war vor seiner Zeit bei Nestlé lange Präsident der staatlichen Hochschule ETH Lausanne und kennt sich mit dem Wechsel zum Konzern bestens aus. Zuvor versuchte die Hochschule unter seiner Leitung vergeblich unter Verschluss zu halten, dass sie dem Konzern Mitsprache bei der Besetzung von Professuren zugesprochen hatte.

Zur Schnellbleiche würde sich auch ein Gespräch mit Christian Frutiger anbieten. Bis zu seiner Ernennung 2019 zum Vize-Direktor der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) durch Bundesrat Cassis war er Cheflobbyist bei Nestlé. Obwohl sein Portrait auf der Deza-Website die Zeit bei Nestlé heute mit keinem Wort erwähnt, scheint er die damals gewonnene Erfahrung bestens einsetzen zu können: Seine Abteilung gestaltet mitunter «nachhaltige Lösungen durch Normensetzung und Politikbeeinflussung».

Und inhaltlich? Ineichen-Fleisch dürfte da auch auf ihre Erfahrung in globaler Wirtschafts- und Handelspolitik zurückgreifen können. Bereits kurz nach Antritt wird es einiges zu tun geben, der Konzern tut sich in der neuen geopolitischen Realität schwer. Nach der russischen Invasion der Ukraine dauerte es einen Monat, bis sich Nestlé zu einer Änderung seiner Russland-Strategie durchringen konnte – und auch das erst nach scharfer Kritik des ukrainischen Präsidenten Selenskyj. Dennoch brummt Nestlés Russland-Geschäft bis heute, wie die NZZ Anfang Februar berichtete.

Ende April soll Nestlés Generalversammlung Ineichen-Fleischs Wahl vollziehen. Weniger als neun Monate nach ihrem Abgang als Staatssekretärin wird die ehemalige Spitzenbeamtin die gut geschmierte Drehtür zwischen Verwaltung und Nestlé durchschreiten.

«The planet was being destroyed by manufacturing processes, and what was being manufactured was lousy, by and large.» Kurt Vonnegut

Manuel Abebe recherchiert bei Public Eye über Themen in den Bereichen Landwirtschaft und Agrarrohstoffhandel. Er mag seine Pizza lieber napoletana als dal congelatore.

Kontakt: manuel.abebe@publiceye.ch
Twitter: @manuelabebe

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