US-Deal der Schweizer Pharma: eine bittere Farce

Ende letzten Jahres kam es zum mit Spannung erwarteten «Deal» von Roche und Novartis mit dem Weissen Haus über Medikamentenpreise in den USA. Für Patient*innen dies- und jenseits des Atlantiks ist die Vereinbarung alles andere als ein Weihnachtsgeschenk.

Machen wir uns nichts vor: Die von Präsident Trump angedrohten Sanktionen (in Form von Strafzöllen) waren nie dazu gedacht, Big Pharma zur Senkung ihrer Medikamentenpreise zu zwingen. Am Ende werden die Konzerne weiterhin gehätschelt und erhalten gar neue Privilegien. 

Einzelheiten zu den «Deals», die kurz vor Weihnachten mit den beiden Schweizer Pharmafirmen geschlossen wurden, sind zwar vertraulich. Deren grober Inhalt wurde im Rahmen einer Trumpschen Polit-Show aber dennoch bekannt. Dabei geht es um scheinbar hohe Rabatte (70 bis 90 Prozent). Diese gelten aber lediglich für wenige Medikamente und eine begrenzte Zahl von Patient*innen. Die Auswirkungen für die Menschen werden, wenn überhaupt, dann sehr bescheiden ausfallen. Das Problem der massiv überhöhten Medikamentenpreise bleibt ungelöst. 

Reine Pseudo-Rabatte

Doch um welche Preise geht es überhaupt? Die Referenz- oder Listenpreise sind Höchstpreise, die real nie gezahlt werden und nur dem internationalen Vergleich dienen. Daneben gibt es die tatsächlichen Preise, welche die Gesundheitssysteme oder die Patient*innen selbst bezahlen. Beim US-Deal geht es natürlich um die fiktiven Listenpreise. Bei diesen schmälern selbst hohe Rabatte die Nettogewinnmargen der Pharmaunternehmen kaum. Es ist wie beim Ausverkauf im Laden: Die verlockenden Rabatte gründen auf künstlich überhöhten Preisen. 

Im Gegensatz zur Schweiz mit ihrer obligatorischen Grundversicherung gibt es in den USA verschiedene Systeme zur Übernahme von Medikamentenkosten. Diese haben grosse Kostenunterschiede, je nachdem, ob man über den Arbeitgeber versichert ist, dem staatlichen Programm Medicare (für Personen ab 65 Jahren) oder Medicaid (für Personen mit geringem Einkommen) angeschlossen ist, direkte Beihilfen erhält oder gar nicht versichert ist und alle Krankheitskosten aus der eigenen Tasche berappen muss. 

Das neue Abkommen verpflichtet die beiden Basler Pharmafirmen, dem Medicaid-Programm Preise zu verrechnen, die nicht höher sind als in acht (meist europäischen) Ländern, darunter der Schweiz. Dies entspricht Trumps Prinzip, dass der günstigste Preis, der einem Staat gewährt wird, auch für die USA gelten soll. Allerdings gewährt Medicaid schon bisher erhebliche Medikamentenrabatte: Die realen Preise sind jetzt schon nicht höher oder sogar tiefer, als was die Pharma nun zugesteht. Im Jahr 2021 schätzte ein offizieller Bericht des Kongresses die Rabatte auf durchschnittlich 77 Prozent des Listenpreises. 

Die mit grossem Tamtam angekündigten Vereinbarungen ändern also rein gar nichts an der Situation.

Grosse Worte, kleine Zugeständnisse

Die Schweizer Pharmaunternehmen haben sich zudem verpflichtet, einige ihrer Produkte über Plattformen direkt an die Bevölkerung zu verkaufen. Damit sollen Zwischenhändler ausgeschaltet werden, denen die Trump-Administration und die Pharmafirmen übertriebene Margen vorwerfen. Roche und Novartis betreiben bereits eigene Verkaufsplattformen. Gemäss den neuen Vereinbarungen soll diesen Monat eine neue der US-Regierung namens TrumpRx.gov hinzukommen. Einen Interessenskonflikt verneint die US-Administration natürlich. Über diese offizielle Plattform sollen aber nur drei Produkte von Novartis und ein einziges von Roche angeboten werden. Keines davon ist ein Bestseller.

Wie ein Plakat für einen schlechten Krimi: Platzhalter auf der Startseite der (zukünftigen) Direktverkaufswebsite trumprx.gov (Screenshot 21. Januar 2026).

Relevant ist der Direktverkauf sowieso nur für gut betuchte Personen, die Behandlungen aus eigener Tasche zahlen können und nicht versichert sind. Von Medicare, Medicaid und privaten Versicherungen werden die betreffenden Medikamente nämlich bereits übernommen.

Damit ist klar: Die vollmundigen «Zugeständnisse» machen für Versicherte keinerlei Unterschied, weder im Rahmen von Medicaid (80 Millionen Menschen) oder Medicare (70 Millionen) noch für Privatversicherte (165 Millionen) oder Menschen, die öffentliche Beihilfen beziehen (24 Millionen).

Kleine Rabatte, grosse Gegenleistungen

Trotz nur geringer Zugeständnisse heimsen die Pharmakonzerne grosse Gegenleistungen ein. So sichert ihnen dieser Deal eine mindestens dreijährige Zollbefreiung. Zudem werden die Zulassungsverfahren für bestimmte neue Behandlungen nochmals stark beschleunigt und sind keine Preisverhandlungen mit Medicare mehr nötig. 

Diese Privilegien haben einen realen Gegenwert von mehreren Milliarden Dollar und bringen weit mehr als die paar Prozent Rabatt, die auf Produkte zweiter Wahl gewährt werden. Deshalb haben die Finanzmärkte den Deal auch mit steigenden Pharma-Aktienkursen gefeiert

«America First»

Die Pseudo-Rabatte zeigen die Strategie des Trump-Lagers: 

Lieber den Big Pharma steuerfinanzierte Geschenke machen, anstatt endlich den Markt zu regulieren und die hohen Preise wirksam zu bekämpfen. 

Vielmehr dient diese Pharmapolitik primär dazu, EU-Länder wie auch die Schweiz zu zwingen, mehr für Medikamente zu bezahlen. Das passt perfekt zur langjährigen Branchenstrategie. Ein erstes Opfer ist bereits zu beklagen: Grossbritannien hat einer Erhöhung der Medikamentenpreise zugestimmt, mit drastischen Folgen für sein öffentliches Gesundheitssystem.

Die Schweiz darf sich von Roche & Co nicht unter Druck setzen lassen. Von den US-Deals geht keinerlei Gefahr für deren gigantische Profite aus: 12 Milliarden Dollar Nettogewinn für Novartis im Jahr 2024 (24% des Umsatzes), 16 Milliarden Franken (31%) für Roche. Was auf dem Spiel steht, ist die finanzielle Tragfähigkeit des Systems und die Gerechtigkeit im Gesundheitswesen. Denn schon heute machen Medikamente 25% der Kosten der obligatorischen Krankenversicherung aus.

«Ein Financier hat niemals Gewissensbisse. Nicht einmal Bedauern. Einfach nur Schiss.» (Michel Audiard)

Nach verschiedenen Erfahrungen in der humanitären Hilfe und einem Masterabschluss in Public Health ist Patrick Durisch seit 17 Jahren bei Public Eye im Bereich Pharma tätig – wo die Ungerechtigkeit nach wie vor eine unmöglich zu schluckende Pille ist. 

Kontakt: patrick.durisch@publiceye.ch 
Bluesky: @dbdurisch.bsky.social

Dieser Text ist eine Übersetzung des Original-Blogpost in Französisch.

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