#Wefooltheworld

Wie eine Recherche von Public Eye gezeigt hat, setzt Syngenta Milliarden von Dollar mit dem Verkauf von „hochgefährlichen“ Pestiziden um. Der Basler Multi ist aber auch an der Weltspitze, wenn es um „Greenwashing“ geht. Mit welchen Strategien poliert er sein Image auf?

Strategie 1: 

So tun, als würde man Befürchtungen der Gesellschaft ernst nehmen

Letzten April, inmitten der allerorts hitzig geführten Debatten rund um die Klimakrise, hat Syngenta eine neue Offensive zur Imagepolitur gestartet. Diesmal operierte der Basler Riese nicht wie so oft mit farbenprächtigen Bildern von vor Glück strahlenden Bauern in leuchtend grünen Feldern oder mit den genauso oft bemühten hohlen Schlagwörtern „Nachhaltigkeit“, „Verantwortung“ oder „Sicherheit“. Nein, diesmal ging es darum, zu zeigen: Wir hören euch zu! Man wolle den Landwirtinnen und Landwirten helfen, „Klimawandel, Bodenerosion und Verlust der biologischen Vielfalt“ zu „managen“ und sich an die „sich verändernde Sicht der Gesellschaft“ auf diese Herausforderungen anzupassen, teilte Syngenta mit. Als ob es erst Greta Thunberg und ihrer Millionen „Follower“ bedurft hätte, damit man zumindest so tut, als würde man sich für den Schutz von Mutter Erde interessieren.

Aber seien wir nicht so streng! Syngenta hat längst mit dem Zuhören begonnen: Über 150 „Listening Sessions“ habe man in den letzten beiden Jahren weltweit durchgeführt. Nur: Wie sehr der Konzern auch beteuert, ein offenes Ohr für die Anliegen der Bevölkerung zu haben – geht es um die sozialen und ökologischen Probleme, die sein Geschäftsmodell mit sich bringt, bleibt er taub. Er begnügt sich lieber damit, grüngefärbte Commitments abzugeben, die gerade genügend vage und unpräzis sind, um nicht zu lästig zu werden. Nachzulesen sind sie im „Good Growth Plan“. 

Es ist eine Taktik, die in keinem Kurs für verantwortungslose Manager fehlt: So tun, als würde man zuhören, etwas „Greenwashing“ betreiben, und schon werden die kritischen Stimmen leiser und das Image gewinnt an Glanz, ohne dass man irgendwas an seinen Geschäftspraktiken ändern müsste.  

© Fábio Erdos Goias / Panos Pictures
Ein Werbeplakat von Syngenta in Goiás, im Zentrum Brasiliens, wo jedes Jahr mehr als 42 Millionen Tonnen Pestizide ausgebracht werden.

Einige Beispiele

  1. Sie führen Thiamethoxam, ein Insektizid aus der Familie der Neonicotinoide, in ihrem Angebot, das das zentrale Nervensystem der Bienen angreift und insbesondere deren Orientierungssinn beeinträchtigt? Vermarkten Sie Ihre Produkte einfach unter einem unvergesslichen Namen - wie z.B. „Memory“ in Brasilien – und pflanzen Sie Blumen, damit die paar überlebenden Bienchen auch was zu essen haben! 
  2. Tausende Bauern in Indien oder auf den Philippinen vergiften sich mit Pestiziden wie Paraquat, die wegen ihrer hohen Toxizität in Europa längst verboten sind? Nur die Ruhe, Sie müssen diese Produkte keinesfalls gleich vom Markt nehmen. Organisieren Sie einfach Schulungen. Und sprechen sie davon! (Im Wissen, dass die meisten Bauern in armen Regionen nie die Möglichkeit haben werden, diese Produkte sicher anzuwenden).
  3. Und streichen Sie ihre „von der Natur geleiteten Innovationen“ hervor ­– auch wenn Sie seit dem Jahr 2000 gerade einmal acht neue Moleküle entwickelt haben und Ihre giftigen Blockbuster schon seit Jahrzehnten auf dem Markt sind. Atrazin zum Beispiel seit 1957, dem Jahr, als der erste Sputnik--Satellit der Sowjetunion die Erde verliess.  
  • Dass Sumesh Kanande diese Schutzausrüstung bei über 40 Grad Celsius tragen sollte, wirkt wie ein schlechter Witz. © Atul Loke / Panos Pictures
  • Giftiges Pestizid, nackte Füsse. «Schuhe tragen, das geht nicht», sagt der junge Mann namens Akash. © Atul Loke / Panos Pictures
  • Die leeren Behälter hochgefährlicher Pestizide bleiben im Gebrauch: um Trinkwasser zu transportieren oder für den täglichen Toilettengang. © Atul Loke / Panos Pictures
Im Distrikt Yavatmal in Zentralindien hatte keiner der von uns befragten Bauern genaue Informationen zur Gefährlichkeit der Pestizide erhalten, die sie auf den Baumwollfeldern einsetzen.

Strategie 2:

Sich lautstark über Propaganda beklagen

Ist die Presse mal schlecht, geht es darum, Ihre Kritikerinnen und Kritiker zu diskreditieren ­– insbesondere diese NGOs, die sich durch die Strategie 1 partout nicht um den Finger wickeln lassen. Public Eye zeigt auf, dass Syngenta im Jahr 2017 rund 3,9 Milliarden US-Dollar Umsatz mit Pestiziden erzielt hat, die vom Pesticide Action Network als „hochgefährlich“ eingestuft wurden? Verlieren Sie ja keine Zeit damit, diese mächtigen Zahlen zu kommentieren. Sondern diskreditieren Sie die Recherchen als politische Propaganda, die zum Ziel habe,

  1. „die Konzernverantwortungsinitiative voranzutreiben“,
  2. „technologische Lösungen in der Ladwirtschaft zu untergraben“ und
  3. „durch unbegründete und übertriebene Aussagen ungerechtfertigte Ängste zu schüren“.

Und vergessen Sie nicht, Ihr Communiqué mit einer guten Dosis dieser wohlklingenden Schlagwörter aufzupeppen. Mit ein bisschen Glück vermeiden Sie so jegliche weiteren Fragen.

Und falls sich eine Fernsehsendung wie „10vor10“ trotz allem als zu kritisch erweist, etwa in Bezug auf die Rolle Ihres Insektizids Polo in einer Vergiftungswelle in Indien, dann beklagen Sie sich laut über diesen parteilichen Journalismus und drohen Sie mit Vergeltungsmassnahmen! Auch wenn der Ombudsmann später zum Schluss kommen sollte, dass IHRE Kritik unbegründet ist.

Strategie 3:

Sich dialogbereit geben

Um Strategie 1 zu optimieren und Strategie 2 etwas abzuschwächen, ist es unerlässlich, sich offen zu zeigen für eine Gesprächsform, die gerade total en vogue ist: den Dialog. Für ein Unternehmen wie Syngenta lohnt es sich sehr, sich immerzu dialogbereit zu geben. Public Eye will Ihnen eine von fast 38‘000 Menschen unterzeichnete Petition übergeben, in der Sie aufgefordert werden, den Verkauf dieser „hochgefährlichen“ Pestizide einzustellen? Das ist der Moment, um diese Menschenrechtsverrückten zu einem Gespräch unter vier Augen einzuladen – auf „wissenschaftlicher Grundlage“ und im Hinblick auf die grossen Herausforderungen (etwa die Rettung der Menschheit, wir kommen darauf zurück).

Der Zweck dieses Vorschlags, den Sie zum richtigen Zeitpunkt auch der Presse stecken sollten: Berichterstattungen über das eigentliche Thema verhindern und die Gegenseite als weltfremde Propagandisten darstellen, die nicht daran interessiert seien, Lösungen zu finden (zurück zu Strategie 2).

Und wenn der Fisch, der diesen Köder gewöhnt ist, sich weigert, für einen vertraulichen Dialog auf die öffentliche Übergabe der Petition zu verzichten, erwarten Sie ihn vor Ihrem Hauptsitz in Basel, mit einem dialogbereiten Lächeln im Gesicht, Weisswein im Kühlschrank und einigen vorher „gebrieften“ Journalisten im Tross.

Public Eye remet près de 38'000 signatures au directeur de Syngenta Suisse, Roman Mazzotta, pour demander à la firme de mettre un terme à la production et à la vente de pesticides extrêmement dangereux. En arrière-plan, des portraits de militant-e-s brésilien-ne-s, peints à l’eau contaminée aux pesticides. © Sébastien Gerber
Public Eye übergibt 38'000 Unterschriften an den CEO von Syngenta Schweiz, Roman Mazzotta. Im Hintergrund: Portraits von brasilianischen Aktivistinnen und Aktivisten, gemalt mit Trinkwasser, das mit Pestiziden verschmutzt ist.

Stellen Sie sich diesen Turnaround vor: Public Eye weigert sich, mit Syngenta-Mitarbeitern einen Frühschoppen zu trinken! Was für eine Geschichte. Wer fragt da noch nach dem Umsatz, den Sie mit hochgefährlichen Pestiziden erzielen, nach dem durch einen Pestizidcocktail verunreinigten Trinkwasser in Brasilien – Ihrem grössten Markt - oder dem besorgniserregenden Anstieg der Krebsraten und anderen Kollateralschäden dort?   

Strategie Nummer 4:

Sich als Retter der Menschheit präsentieren

Wie andere Multis liebt es Syngenta, die Welt und die etwa 7‘637 Milliarden Einwohnerinnen und Einwohner darauf zu retten. Das Narrativ ist eingängig simpel: Mit seinen „Pflanzenschutzmitteln“, die übrigens zu den „am stärksten regulierten Produkten der Welt“ gehören, ermöglicht es uns dieser „Landwirtschaftsbetrieb“, nicht nur köstliche, sondern auch gesunde Lebensmittel auf den Teller zu bekommen.

#Wefeedtheworld !

Syngenta haut uns dieses Mantra derart um die Ohren, dass man fast vergessen könnte, dass das System, das dem Konzern fette Gewinne beschert, die Erde verseucht, Bäuerinnen vergiftet, autonome Gemeinschaften vertreibt. Oder dass Millionen von Menschen in ihrem Trinkwasser und in ihrer Nahrung jeden Tag Pestizidrückstände einnehmen – in Brasilien etwa, wie aufgezeigt.

Dort vermarktet, hier verboten – und wir sind aus dem Schneider? Nun, vergessen wir nicht, dass Produkte aus Brasilien auch bei uns landen – dank der ungebändigten Kräfte des globalen Marktes und insbesondere durch Handelsabkommen wie Mercosur, abgeschlossen von den und für die die Mächtigen dieser Welt.

Schlussfolgerung

Wenn Ihr Geschäftsmodell darin besteht, Brände zu legen, dann ändern Sie nichts oder kaum etwas daran. Verkleiden Sie sich einfach als Feuerwehrmann und giessen Sie ein paar Tropfen auf das Feuer, das Sie zu Ihrem eigenen Vergnügen (oder Gewinn) angefacht haben. Und vergessen Sie dabei nicht, ein offenes Ohr für die Anliegen der Leute zu haben, „Propaganda“ zu schreien, wenn es nötig ist, sich offen zu zeigen für den Dialog, die Welt zu ernähren und, wenn sich die Gelegenheit bietet, mit NGOs anzustossen. Prost!

„Mit zartem Herzen, aber spitzer Feder setze ich mir gerne eine Clownsnase auf und mime Hochstapler, um sie zu entlarven.“  

Géraldine Viret, spezialisiert auf vergleichende Literaturwissenschaft und Unternehmenskommunikation, arbeitet seit fast zehn Jahren als Medienverantwortliche und Redakteurin für Public Eye. Viel Geduld und ein gewisses Mass an Ironie sind unabdingbar, um sich auch bei starkem Gegenwind für eine gerechtere Welt einzusetzen.

Kontakt: geraldine.viret@publiceye.ch
Twitter: @GeraldineViret
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