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Marktkonzentration

Die Weltbevölkerung und ihr Nahrungsmittelkonsum wachsen – und die Anzahl der im Nahrungsmittelbereich tätigen Firmen schrumpft. Immer weniger Konzerne haben immer mehr Macht über Preise, Geschäftsbedingungen – und gar politische Rahmenbedingungen.

In den letzten 20 Jahren hat sich die Lebensmittelindustrie grundlegend gewandelt. Wie in kaum einer anderen Industrie haben die grossen Konzerne den Regeln der freien Marktwirtschaft gehorchend auf Wachstum gesetzt. Kleinere Firmen wurden geschluckt und grössere haben sich zu noch mächtigeren Riesen fusioniert. So kontrollieren die drei grössten Saatgutproduzenten heute die Hälfte des globalen Saatgutmarktes. Noch 1996 lag ihr Marktanteil unter 30%. Dieses Oligopol ist das Resultat von unzähligen Übernahmen und Fusionen. Bei Zuckerrüben beträgt der Marktanteil der drei grössten Saatgutproduzenten 90%, bei Mais 57% und 55% bei Sojabohnen.

Der Schweizer Agrobusiness-Riese Syngenta hat sich durch unzählige Übernahmen zur Nummer drei der Saatgutindustrie entwickelt. Konkret stammt zum Beispiel eine von sieben Tomaten von Syngenta. Durch die auf immer mehr Bereiche ausgedehnte Tätigkeit der Marktführer entstehen lukrative Synergien -- beispielsweise zwischen Saatgut und chemischen Pflanzenschutzmitteln. 

Dokumentation "Agropoly", Public Eye

Bildlegende: Beteiligungen (gestrichelt), respektive Übernahmen (Pfeil mit durchgezogener Linie) Syngentas von anderen Saatgutfirmen (grün). Syngenta entstand durch die Fusion der Agrosparten der Pharma- und Chemiekonzerne Novartis und Astra-Zeneca (weiss).

Wer beherrscht unser Essen?

Wer beherrscht unser Essen?
Sektoren der Wertschöpfungskette

 

 

Horizontale Integration

Horizontale Integration

Wächst eine Firma in ihrem Stammmarkt immer weiter und schluckt Konkurrenten, so bezeichnet man dies als horizontales Wachstum. Das Beispiel des Kaffeemarktes zeigt besonders eindrücklich, wie die Kaffee verarbeitenden und handelnden Firmen horizontal gewachsen sind und somit die Marktkonzentration auf dem Kaffeemarkt gestiegen ist. Heute produzieren etwa 25 Millionen Bauern Kaffeebohnen. Aber bloss fünf Unternehmen handeln mit 55% des global produzierten Kaffees und gar nur drei Firmen rösten 40% der globalen Kaffeeernte, die jedoch 500 Millionen KaffeetrinkerInnen konsumieren.

Vertikale Integration

Vertikale Integration

Nebst dem horizontalen Wachstum ist in der Lebensmittelindustrie auch eine immer stärkere vertikale Integration zu beobachten. Hierbei versuchen Marktführer wie beispielsweise Cargill, weltgrösster Getreidehändler, ihre Geschäfte auf die gesamte Wertschöpfungskette auszudehnen. Cargill steigert also nicht nur die Marktanteil im Getreidehandel, sondern verarbeitet auch selber Getreide und Soja, liefert Saatgut und Düngemittel an die Bauern und schliesst mit diesen bindende Lieferverträge ab. Auch bei der Verbindung zum Endkunden hat Cargill über Lieferverträge mit Detailhändlern seine Finger im Spiel.

Was  früher also  im Sinne einer Kreislaufwirtschaft  auf  dem  Hof  produziert wurde – Saatgut, Jungtiere, Futtermittel, Dünger – ist heute eine industrialisierte und globalisierte «Wertschöpfungskette» für Nahrungsmittel und Agrotreibstoffe, die – im Extremfall – von einer einzigen Firma kontrolliert wird.

Probleme

Die grössere Marktmacht der Lebensmittel produzierenden Konzerne ist aus verschiedenen Gründen problematisch:

Totale Abhängigkeit durch vertikale Konzentration: Kontrolliert ein Konzern die gesamte Wertschöpfungskette, kontrolliert er sowohl Abnahmepreise bei Soja, Weizen oder Mais, als auch die Preise für Saatgut, Pestizide, Dünge- oder Futtermittel für die Bauern. Rekordnahrungsmittelpreise  wie 2008  führen  denn auch zu  höheren  Gewinnen  für die Konzerne  und  nicht  für die  Bauern,  die die Risiken sowie negative Preisschwankungen tragen müssen

Horizontale Konzentration führt zu Preisdruck: Auf einem Markt mit wenigen Playern sind Preisabsprachen einfach. Mächtige Konzerne einigen sich deshalb mit Konkurrenten gerne auf niedrige Abnahmepreise. Verlierer sind die Bauern.

Spekulieren statt weiterverkaufen:  85 % aller Nahrungsmittel werden lokal konsumiert. Auf die Preise hat der globale Handel dennoch massiven Einfluss. Im Börsenhandel wird mit einem  Mehrfachen  der  realen  Menge  spekuliert. Mais und Soja rangieren gleich nach dem Rohöl. Wer die gesamte Wertschöpfungskette kontrolliert, versucht die Lebensmittel auch dann auf den Markt zu werfen, wenn die Preise am höchsten sind. 

Lobby statt Wettbewerb: Der Einfluss der Nahrungsmittelkonzerne auf Politik und Öffentlichkeit  wächst. Tausende von Lobbyisten setzen sich für Konzerninteressen ein. Oft werden Konzernvertreter in staatlichen Einrichtungen platziert. Mit Erfolg: bei Nahrungsmittelstandards, Zulassungen von Pestiziden oder Gentechsaatgut, Handelsabkommen oder der Agenda der öffentlichen Forschung können sie ihre Interessen oft durchsetzen.