Gefährliche Markt­kon­zen­tration

© Laurent Gillieron/Keystone
In den letzten zwanzig Jahren hat sich der Trend zur Konzentration im Saatgutmarkt deutlich verstärkt. So sehr, dass heute eine Handvoll multinationaler Unternehmen die Kontrolle über den Weltmarkt haben. Diese Situation hat nicht nur Auswirkungen auf die Saatgutpreise, sondern auch auf das Sorten-Angebot, das auf die industrialisierte und chemikalienintensive Landwirtschaft zugeschnitten ist.

Der globale Saatgutmarkt wird inzwischen von drei Agrochemie-Riesen dominiert: Bayer (der 2018 Monsanto übernommen hat), DowDupont und Syngenta. Allein diese drei Unternehmen kontrollieren mehr als 50% des auf 45 bis 50 Milliarden geschätzten Weltmarktes. Im Jahr 2017 erzielte Syngenta einen Umsatz von fast 3 Milliarden Franken.

Dieses Oligopol ist das Ergebnis zahlreicher Übernahmen und Fusionen. In den 1980er Jahren lag der Marktanteil der 10 größten Unternehmen noch unter 15%. Auf dem Saatgutmarkt war noch eine Vielzahl von kleinen und mittleren Unternehmen tätig. Heute kontrollieren die 10 größten Unternehmen 70% des Marktes.

Der europäische Markt

Ein Bericht, von der Fraktion der Grünen im Europäischen Parlament im Jahr 2014 in Auftrag gegeben, zeigt, dass in der EU die fünf größten Unternehmen 95% des Gemüsesaatgutmarktes kontrollieren. Monsanto (2018 von Bayer übernommen) kontrolliert allein 25% des Gemüsesaatgutmarktes in der EU. Bei Mais werden 75% der Marktanteile von den fünf größten Unternehmen gehalten.

Im Juni 2012 ergab eine Studie von Public Eye und zehn weiteren Nichtregierungs­organisationen, dass der US-Multi Monsanto (2018 von Bayer übernommen) und der Basler Agroriese Syngenta mehr als die Hälfte des europäischen Saatgutmarktes für bestimmte Gemüsesorten halten: 56% der Paprikasorten, 62% der Tomatensorten und sogar 71% der Blumenkohlsorten.

Schweizer Saatgutmarkt: Fehlende Transparenz

Es liegen keine Daten über die in der Schweiz angebauten und verkauften Gemüsesorten vor. Ohne Transparenz über Sorten und ihre Herkunft sind Händler und ihre Kunden nicht in der Lage, fundierte Entscheidungen zu treffen. Darüber hinaus kann die Wettbewerbskommission (WEKO) ohne diese Zahlen den Saatgutmarkt nicht wirksam überwachen.

© Mark Henley

Die Gefahren der Konzentration

Laut dem UN-Bericht über globale Landwirtschaft (International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development, IAAST) schafft die Konzentration auf dem Saatgutmarkt folgende Probleme:

  • Eine begrenzte Anzahl von Lieferanten führt zu einer Konzentration in der Forschung und zur Entwicklung einer stark begrenzten Anzahl von Saatgutsorten.
  • Die Konzentration erschwert den Markteintritt neuer Unternehmen.
  • Der Zusammenschluss hat wettbewerbswidrige Auswirkungen, die zu einem massiven Anstieg der Saatgutpreise führen können. So hat sich beispielsweise der Preis für Baumwollsamen seit der Einführung der gentechnisch veränderten Baumwolle in den USA verdreifacht oder sogar vervierfacht, und die Preise in den Ländern des globalen Südens sind deutlich gestiegen.

Experten schlagen Alarm

In ihrem Bericht "Too Big to Feed" vom Oktober 2017, betont die Internationale Expertengruppe für nachhaltige Lebensmittelsysteme (IPES-Food), dass die Konsolidierung der Saatgutindustrie die Bäuerinnen und Bauern zunehmend von einer Handvoll Lieferanten abhängig gemacht hat und ihre Fähigkeit untergraben hat, selber entscheiden zu können, was, wie und für wen sie anbauen wollen.

In einem 2016 veröffentlichten Bericht wies das gleiche Panel bereits darauf hin, dass die Konzentration auf dem Saatgutmarkt "zum Verschwinden der meisten kleinen und mittleren Saatgutunternehmen und zu einer Verengung des Sortiments an entwickelten Sorten geführt hat".

Diese Konzentration verstärkt auch die Tendenz der Industrie, die Forschung auf eine begrenzte Anzahl kommerziell rentabler Arten und Sorten zu beschränken. Derzeit konzentrieren sich beispielsweise 40 % der Forschungsmittel des privaten Sektors auf eine einzige Art: Mais.

Eine Bedrohung für die Biodiversität

Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen wurde die landwirtschaftliche Biodiversität zwischen 1900 und 2000 um 75% reduziert. Drei Viertel unserer Nahrung beziehen wir von nur 12 Pflanzenarten und fünf Tierarten. Und innerhalb dieser Arten ist die Vielfalt extrem gering. Die landwirtschaftliche Biodiversität ist jedoch die Grundlage für die Ernährungssicherheit.

Politik unter dem Einfluss von Privatunternehmen

Aufgrund ihrer enormen Wirtschaftskraft haben Privatunternehmen einen zunehmenden Einfluss auf politische Prozesse. Ihr grosser Einfluss auf die Rahmenbedingungen (z.B. im Bereich der Regulierung oder geistiges Eigentum) ist mitverantwortlich dafür, dass das Phänomen der Marktkonzentration zunimmt.

In ihrem Bericht von 2016 hat die IPES-Food die Machtkonzentration in den Händen einiger großer multinationaler Unternehmen als eines der Haupthindernisse für den Übergang zu nachhaltigeren Ernährungssystemen bezeichnet:

"Die Machtkonzentration in Lebensmittelsystemen ist ein besonderes Hindernis, weil sie alle anderen bisher untersuchten Hindernisse noch verstärkt.“

Agropoly: Wer kontrolliert was wir essen?

Paradoxerweise nimmt die Zahl der im Lebensmittel­sektor tätigen Unternehmen ab, obwohl die Welt­bevölkerung sowie der Nahrungsmittelkonsum weiter wachsen. Public Eye (ehemals „Erklärung von Bern“) hat diesem Thema eine Sonderausgabe ihres Magazins gewidmet: In einer aktualisierten Ausgabe im Jahr 2014 zeigen wir, wie eine immer kleiner werdende Anzahl an Unternehmen heute in der Lage ist, Preise zu diktieren und die Handelsbeziehungen zu steuern, insbesondere durch einen zunehmenden Einfluss auf die öffentliche Politik.

Saatgut von Pestizidherstellern produziert

Besorgniserregend ist auch, dass die drei größten Saatgutunternehmen (Bayer/Monsanto, DowDupont und Syngenta) gleichzeitig auch die drei größten Anbieter von Pestiziden auf der Welt sind. Und wenn die Agrochemie-Firmen das Saatgut entwickeln, dann ist es eindeutig in ihrem Interesse, dass der Anbau ihres Saatguts den Einsatz von Pestiziden erfordert.

Das Ergebnis: ein extrem begrenztes Angebot an Saatgut, das auf eine industrialisierte und chemikalien­intensive Landwirtschaft zugeschnitten ist.

Wer profitiert von der Forschung?

Parallel zur Konsolidierung des Privatsektors ist die öffentliche Forschung zusammengebrochen. Das kombinierte Forschungs- und Entwicklungsbudget der sechs größten Saatgutunternehmen ist sechsmal höher als das Budget des US-Landwirtschaftsministeriums für die Agrarforschung - und zwanzigmal höher als das Budget der Internationalen Agrarforschungszentren.

In der Europäischen Union werden die finanziellen Mittel, die der Privatsektor in die Entwicklung neuer Sorten investiert, auf 800 bis 900 Millionen Euro pro Jahr geschätzt. Der öffentliche Sektor gibt nur 40 Millionen Euro für die Entwicklung neuer Sorten aus.

© Fabio Erdos/Panos
Die drei grössten Saatgutunternehmen sind gleichzeitig auch die grössten Hersteller von Pestiziden. Dies führt zu einem limitierten Angebot an Saatgut, das optimiert ist für eine industrialisierte und chemikalienintensive Landwirtschaft.

Die Rechte der Bäuerinnen und Bauern wahren

Die Industrie hat alles in ihrer Macht Stehende getan, um die Landwirte zu ermutigen, keine neuen Sorten mehr zu züchten. Zuerst mit Hybridsaatgut, dann mit Patenten auf Saatgut, die sie daran hindern, ihr landwirtschaftlich gewonnenes Saatgut wiederzuverwenden und auszutauschen. Dabei sind es die Bäuerinnen und Bauern, die durch diese Praktiken und über die Jahrtausende hinweg die landwirtschaftliche Biodiversität entwickelt haben.

Patente per se erhöhen die Konzentration im Saatgutmarkt. Kleine und mittlere Unternehmen, die sich keine Patente leisten können, werden unter Druck gesetzt, der Wettbewerb wird eingeschränkt und die Innovation gebremst, was letztlich zu höheren Preisen und einem geringeren Angebot auf dem Gemüsemarkt führt.