«Die Bananenfrauen haben eine breite Bewegung in Gang gesetzt»

In den 1970er-Jahren haben die Bananenfrauen von Frauenfeld die Schweizer Öffentlichkeit für die Missstände im Bananenanbau sensibilisiert. Anne-Marie Holenstein hatte wenige Jahre zuvor das Sekretariat der Erklärung von Bern aufgebaut, der Vorläuferorganisation von Public Eye. Auf ihren Rat hatten die Bananenfrauen die Migros mit einer frechen Rabattaktion unter Druck gesetzt.

Interview: Robert Bachmann

© Jana Leu / volltoll.ch

Anne-Marie Holenstein, du hast im Jahr 1969 bei der Erklärung von Bern angefangen, der EvB. Wie kam es dazu und was motivierte dich?

Das hatte viel mit meiner Biografie zu tun. In den 50er-Jahren begann ich, mich für ökumenische Zusammenarbeit über konfessionelle Grenzen hinweg zu engagieren, und ich war sehr an Sozialethik interessiert. Marga Bührig, eine frühe Vorkämpferin für die Ökumene, kannte mich und schlug mich für diesen Posten vor.

Wie kam es zum Kontakt mit den Bananenfrauen?

Einige der Frauen kannten mich und wussten, dass ich im Umfeld der EvB viele Kontakte mit engagierten Gruppen hatte. Und so konnte ich sie darin unterstützen, ihre Kampagne mit Arbeitsgruppen zu vernetzen, die das Thema sehr gern aufnahmen.

Wer waren die Bananenfrauen?

Eine Gruppe von Frauen aus mittelständischen Familien in Frauenfeld, die sich regelmässig traf. Eines Tages zeigte Ursula Brunner, die Leiterin der Gruppe, den Dokumentarfilm «Bananera libertad» des Filmemachers Peter von Gunten. Danach fanden einige, man müsse nun handeln. Sie wollten für die Menschen in Lateinamerika kämpfen, die offenbar von grosser Ungerechtigkeit betroffen waren. Eine Frau schrieb einen Brief: «Wir sind ja Mütter, wir können Einfluss nehmen auf die nächste Generation, und wir sollten diese Möglichkeiten nutzen.»

© Staatsarchiv des Kantons Thurgau
Im Oktober 1973 verschenken Bananenfrauen in Frauenfeld Bananen an die Bevölkerung und weisen auf die Missstände im Anbau der exotischen Früchte hin.

Welche Ziele hatten die Bananenfrauen?

Sie wollten mehr Gerechtigkeit in dieser vor Ungerechtigkeit strotzenden Welt und bissen sich dafür am Thema Bananen fest, zehn Jahre lang. Sie forderten höhere Löhne für die Arbeiter*innen und weniger Umweltbelastung in den Plantagen.

Wie verschafften sich die Bananenfrauen Gehör?

Mit unkonventionellen Methoden und dem Mut, die mächtige Migros herauszufordern. Als der Grossverteiler den Preis für Bananen um 15 Rappen pro Kilo senken wollte, sagten sie: «Wir wollen gar keine billigeren Preise. Der Bananenpreis ist ohnehin zu tief, Bananen sind ja billiger als Äpfel. Wir wollen eher einen Aufpreis.» Und sie rechneten aus, dass man mit den 15 Rappen pro Kilo für alle Bananen, welche die Migros pro Jahr verkaufte, viel bewirken könnte, wenn man sie für Entwicklungsprojekte in Lateinamerika einsetzte.

Was war dein Beitrag?

Ich steckte den Frauen eine konkrete Idee, um die Migros herauszufordern: Wenn ihr bei der Migros ein Kilo Bananen kauft, nehmt einen Einzahlungsschein und zahlt auf irgendein Migros-Konto die 15 Rappen ein. Das taten sie dann auch, und viele taten es ihnen gleich – zum grossen Ärger der Migros, vor allem ihrer Buchhaltung. Danach durften die Frauen oft nach Zürich zu Gesprächen mit der Migros-Leitung reisen.

Was haben die Bananenfrauen erreicht?

Ihre Aktionen hatten zur Folge, dass sehr viele Menschen realisierten, dass mit dem Preis der Bananen etwas nicht stimmt: Wir konsumieren billige Produkte auf Kosten der Menschen auf den Plantagen. Sie druckten auch eine eigene Zeitung mit selbst recherchierten Informationen zu Bananen.

Was waren das für Aktionen?

An einem Samstag fuhren sie in Frauenfeld mit Handwagen herum, verteilten Bananen und die Zeitung. Wer eine Banane nahm, wurde gefragt, ob sie oder er bereit wäre, mehr für Bananen zu bezahlen. Mehr als 1000 Menschen stimmten dem mit ihrer Unterschrift zu. Diese Aktion, die für viel Aufsehen sorgte, brauchte grossen Mut, denn in der kleinen Stadt kannte man die Frauen, und als gute Mittelstandsfrau wollte man doch nicht auffallen. An diesem Tag brachten die Frauen mehr als eine Tonne Bananen unter die Leute. Mit einer Dokumentation machten die Frauen auch gute Pressearbeit; Journalist*innen griffen das Problem dann landauf, landab auf.

© Staatsarchiv des Kantons Thurgau
Der Unmut der Banane: Plakat des Schweizer Grafikers und Illustrators Celestino Piatti (1922–2007) im Auftrag der Bananenfrauen. Rechts: Ein Flyer der Bananenfrauen.

Was geschah danach?

Die erfolgreiche Aktion motivierte viele Leute, selbst kleine Aktionen zu starten. Zum Beispiel gingen Frauen in kleine Läden (damals gab es noch von Privaten geführte Usego-Läden) und fragten, ob die Läden bereit wären, Bananen zu einem Aufpreis zu verkaufen und diesen in eine Sammelkasse zu geben. Auch das sorgte wieder für Aufsehen. Und viele Leute waren bereit, diesen Aufpreis von 15 Rappen zu bezahlen. Es war unglaublich, was die Gruppe in kurzer Zeit gelernt hatte: über Bananen, über die Preise, aber auch darüber, wie Medienaufmerksamkeit und Bewusstseinsbildung funktionieren.

Und was haben die Bananenfrauen nicht erreicht?

Grundsätzliche Strukturveränderungen, vor allem in der Politik und auf Gesetzesebene in den Produktionsländern. Da sind sie mit ihren Möglichkeiten an Grenzen gestossen.

Die Bananenfrauen sind ein wichtiges Kapitel der Frauengeschichte. Weshalb?

In der Öffentlichkeit, der Politik und den Medien waren Frauen damals kaum präsent. Auch im Privaten waren ihre Rechte eingeschränkt: Wollten verheiratete Frauen arbeiten, ging das damals zum Beispiel nicht ohne Einverständnis ihres Mannes.

Und als ich einmal für die Erklärung von Bern ein Konto eröffnen wollte, sagte mir der Schalterbeamte: «Frau Holenstein, dazu brauchen Sie die Unterschrift Ihres Mannes.» Das konnte ich kaum fassen. Ich stelle mir auch vor, wie der eine oder andere Ehemann etwas verdutzt in den Tag schaute, wenn seine Frau erklärte, sie müsse dann morgen wieder zu Verhandlungen nach Zürich in die Migros. Sie habe für ihn eine Raviolibüchse bereitgestellt, er könne das Mittagessen ja selbst aufwärmen.

Was bleibt dir besonders stark in Erinnerung, wenn du an die Bananenfrauen zurückdenkst?

Wie mutig sie waren. Mit Kreativität, Intuition und viel Fantasie haben sie ihre begrenzten Möglichkeiten sehr gut genutzt und eine breite Bewegung in Gang gesetzt. Und sie hatten Ausdauer: Die Kerngruppe von sechs Frauen ist zehn Jahre lang miteinander an der Arbeit geblieben. Die Frauen waren übrigens nie aggressiv. Das war wichtig damals, das hätte die Öffentlichkeit damals nicht ertragen. Was diese Frauen geleistet haben, ist ausserordentlich. Und ihr Engagement wirkt nach, bis heute. Chapeau!

Was bleibt von den Frauen?

Mit ihrer Aktion und mit vielen anderen Gruppen haben sie das Terrain vorbereitet, auf dem in den 90er-Jahren das Max-Havelaar-Label mit Erfolg eingeführt werden konnte. Allerdings stossen wir damit heute an Grenzen: Im Fairtrade-Angebot von Grossverteilern bleiben grosse Lücken. Zum Beispiel bei Produkten, die von Kinderarbeit belastet sind, wie Kakao und Schokolade. Um die Misswirtschaft von Konzernen zu beheben, die Menschenrechte verletzen und die Umwelt zerstören, braucht es ein Gesetz. Ich denke da vor allem an die Konzernverantwortungsinitiative. Ich bin sicher, die Bananenfrauen würden sich heute dafür engagieren. 

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