10 Jahre Dirty Diesel: Die Erfolgskampagne ist eine politische Mahnung

© Mark Henley
2016 zeigte Public Eye, wie Schweizer Rohstoffkonzerne gezielt lasche afrikanische Umweltstandards ausnutzen, um dort stark gesundheitsgefährdende Treibstoffe zu verkaufen, die sie auch noch selbst produzieren. Es war eine unserer intensivsten Recherchen und innovativsten Kampagnen; sie befeuerte die Konzernverantwortungsinitiative und mit ihr kommunizierten wir unseren Namenswechsel. Dirty Diesel hatte massiven Impact, bislang jedoch primär im Ausland. Zeit für einen Blick zurück auf toxische Doppelstandards, eine coole Containeraktion und Schweizer Untätigkeit.

2016 deckte Public Eye im 160-seitigen «Dirty-Diesel»-Report auf, wie Schweizer Rohstoffhändler lasche Umweltstandards in westafrikanischen Ländern ausnutzten, um stark gesundheitsschädliche Treibstoffe zu verkaufen, die sie teilweise selbst herstellen. Die dreijährige Recherche knüpfte an den epochalen Probo-Koala-Skandal von 2006 an, bei dem der Giftmüll eines von Trafigura gecharterten Tankers mitten in Abidjan entsorgt wurde. Zehntausende Menschen erlitten damals Vergiftungen; ein UNO-Bericht sprach später von 17 Toten. Danach lautete die zentrale Frage: War dieser Super-GAU der Rohstoffbranche ein Einzelfall oder Teil eines toxischen Geschäftsmodells?

Public Eye zeigte, dass Konzerne wie Trafigura, Vitol sowie Addax & Oryx in Westafrika Diesel und Benzin mit überhöhtem Schwefelgehalt importierten, verkauften und durch sogenanntes «Blending» in der ARA-Zone (Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen) selbst produzierten. Diese Treibstoffe, in der Branche zynisch «African Quality» oder «Jungle Juice» genannt, wären in Europa illegal gewesen. Die Grenzwerte mancher Länder erlaubten bis zu 1000-mal mehr Schwefel als in der EU. Besonders perfide: Die Schweizer Firmen nutzten dazu schwefelarmes Rohöl aus den gleichen Förderländern, in die sie – nach der Verarbeitung in Europa – ihre minderwertigen Endprodukte zurück exportierten, oft noch unter Ausnutzung staatlicher Subventionen.

Ikonische Kampagne gegen skandalöse Schwefelwerte

Die gesundheitlichen Folgen sind gravierend: Der Schwefel und weitere Schadstoffe wie Benzol tragen in den urbanen Zentren Westafrikas massiv zur Luftverschmutzung bei und erhöhen das Risiko für Atemwegserkrankungen bis hin zu Lungenkrebs. Zur Beweisaufnahme ging Public Eye vor Ort und nahm in acht Ländern diverse Proben an Tankstellen, die den oben genannten Konzernen entweder mit gehörten oder von ihnen beliefert wurden. Die Analyse von 25 Dieselproben ergab bis zu 378-mal höhere Schwefelwerte als in der Schweiz erlaubt. Leitmedien wie SRF, RTS und der britische Guardian griffen die Recherche auf und machten den Skandal international bekannt.

Auf den erschreckenden Befunden baute eine Kampagne auf, die fast so aufwendig wie die Recherche war. Unter dem Motto «Return to Sender» brachte Public Eye gemeinsam mit Partnerorganisationen aus Westafrika einen Überseecontainer von Accra via Antwerpen bis an den Genfersee. Darin befanden sich mit Dreckluft gefüllte Kanister, gesammelt von Bewohner*innen der ghanaischen Hauptstadt.

In diesem Kampagnenvideo sieht man, wie die Einwohner*innen von Accra die DreckLuft «sammeln», um sie zurück zum Absender zu schicken.

Nach zweimonatiger Reise wurde der Container vor den Genfer Büros von Trafigura deponiert, begleitet von Aktivist*innen und einer Petition mit fast 20’000 Unterschriften. Diese forderte Trafigura auf, in Afrika nur noch Treibstoffe nach europäischen Standards zu verkaufen. Wichtiger Nebeneffekt der Kampagne: Mit ihr wurde auch der Namenswechsel von der Erklärung von Bern zu Public Eye kommuniziert. Effektvoll und überzeugend.

  • © Mark Henley/Panos Pictures
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Rohstoffriesen reagieren kaum, betroffene Länder mit Senkung der Grenzwerte 

Die kritisierten Konzerne reagierten, wenn überhaupt, dann äusserst ausweichend. Trafigura verwies auf die Legalität dieses Geschäfts und schob alle Verantwortung an afrikanische Regierungen ab; auch Vitol, Glencore, Addax & Oryx und Mercuria stellten ihren Profit weiter über die Gesundheit der Bevölkerung. Der Skandal verschärfte das ohnehin miese Image der Rohstoffbranche und zeigte ihr grosses Reputationsrisiko für die Schweiz auf. Zugleich half Dirty Diesel der ersten Konzernverantwortungsinitiative massgeblich dabei, den menschenrechtlich besonders problematischen Rohstoffsektor ins politische Scheinwerferlicht zu rücken. Als Reaktion begannen Teile der Branche, ihre Kommunikation zu professionalisieren, etwa durch Nachhaltigkeitsberichte, Lobbyverbände und Pseudo-Transparenzinitiativen. 

Auch in den betroffenen Ländern wirkte der öffentliche Druck: Ghana kündigte Ende 2016 eine drastische Senkung des Schwefelgehalts an; Nigeria, Benin, Togo und die Elfenbeinküste folgten. Der neue gesetzliche Maximalwert lag bei 50 ppm statt zuvor 3000 oder gar 10’000 ppm. Später beschlossen die Staaten der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas), die 50 ppm ab 2021 für alle importierten Treibstoffe einzuführen. Selbst in Europa kam endlich Bewegung auf: In den Niederlanden wurden 2023 Herstellung und Ausfuhr von besonders schwefelhaltigem Diesel und Benzin komplett untersagt. Belgien zog schon bald darauf nach. 

Doch leider gibt es Umgehungsmöglichkeiten. Recherchen von Source Material zeigten Ende 2024, dass sich Produktion und Export von Dirty Diesel nach den Benelux-Verboten in andere europäische Länder verlagerten – ein «regulativer Wasserbetteffekt» (Druck erzeugt Verschiebung). Neue Blending-Zentren entstanden etwa in Spanien oder Lettland. Das zeigt die Notwendigkeit eines EU-weiten Verbots. Auch in Westafrika hapert es mit der Umsetzung: So ergaben Untersuchungen in Nigeria, dass importierte Treibstoffe dort weiter deutlich über den neuen gesetzlichen Grenzwerten liegen. Die Gründe: mangelhafte Regulierung und noch mangelhaftere Kontrolle der Rohstoffhändler. Deren Geschäftsmodell bleibt trotz UNO-Kritik genauso virulent wie das dadurch verursachte Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung. 

© Fabian Biasio
In Accra, der Hauptstadt Ghanas, beeinträchtigt die starke Luftverschmutzung die Sicht entlang der Küste, wo die Menschen aus der Stadt gerne baden.

Schweiz schiebt politische Verantwortung ab 

Und die Schweiz? Die Wahlheimat von Trafigura & Co blieb trotz wiederholter parlamentarischer Vorstösse untätig. Der Bundesrat betont jeweils seine naive Erwartung, dass Schweizer Unternehmen verantwortungsvoll handeln und nationale Gesetze einhalten. Und verweist zugleich mantraartig auf fehlende Zuständigkeiten und Instrumente. Dabei hat unsere Regierung die Regulierungslücke längst selbst (an)erkannt, will sie aber partout nicht schliessen, etwa durch eine Rohstoffmarktaufsicht. Doch der internationale Druck wächst: Zuletzt protestierten niederländische Behörden und sogar der Verband afrikanischer Autohändler, letztere weil toxische Treibstoffe nicht nur Menschen, sondern auch Motoren und Katalysatoren krank machen. 

Dirty Diesel ist also zugleich Erfolgsgeschichte und Mahnung. Dank innovativer Recherche und ikonischer Kampagne erreichte Public Eye internationale Aufmerksamkeit für ein wichtiges Thema, schärfere Grenzwerte in Westafrika und Exportverbote in europäischen Ländern. Zugleich bestehen aber weiter Schlupflöcher, hapert es vielerorts mit der Umsetzung und verzichtet die Schweiz wider besseres Wissen auf griffige Regeln für ihren Rohstoffplatz. Auch der aktuelle Gegenvorschlag des Bundesrats zur zweiten Konzernverantwortungsinitiative blendet diesen Hochrisikosektor schlicht aus. In der kürzlichen Vernehmlassung hat Public Eye deshalb einen konkreten Verbesserungsvorschlag eingebracht. Der «Jungle Juice» bleibt aber ein besonders übles Beispiel für lukrative Doppelstandards – und die Achillesferse des volkswirtschaftlich und geopolitisch immer wichtigeren Schweizer Rohstoffhandels.