Giftiges Arsen: Glencore in Kanada Wo Glencore den eigenen Gewinn über die Gesundheit von Kindern stellt

Seit Jahrzehnten leidet die Gesundheit der Kinder im kanadischen Rouyn-Noranda unter der Belastung durch Arsen, das die mitten in der Stadt gelegene Schmelzhütte von Glencore ausstösst. Angesichts der Drohungen des Zuger Konzerns, das Werk zu schliessen, spielten die Behörden die Kontamination herunter und erteilten der Schmelzhütte eine Ausnahmegenehmigung, die im Juni 2026 bis mindestens 2033 verlängert wurde. Um den Betrieb der Hütte zu sichern, wurden Glencore Arsenhöchstwerte bewilligt, welche die Norm in der Provinz Québec um das Fünffache überschreiten. Zudem soll das umliegende Stadtviertel zerstört werden, 200 Familien müssen umziehen.

In Rouyn-Noranda gab es lange keinen Anlass zur Sorge. Seit bald einem Jahrhundert ist das Schicksal der Kleinstadt in der Provinz Québec mit ihren aktuell 43'000 Einwohner*innen eng mit der Kupfergewinnung verbunden. Daran hängen viele Arbeitsplätze und gewichtige Steuereinnahmen. Die Stadt ist im Zuge des Bergbaubooms entstanden und entwickelte sich rund um die 1976 geschlossene Horne-Mine, die noch mit Pickel und Dynamit ausgehöhlt worden war. Die Schmelzhütte gleichen Namens, 2006 vom Schweizer Konzern Xstrata aufgekauft und 2013 im Rahmen der Fusion in Glencore integriert, ist als zentrales Glied der nordamerikanischen Kupferindustrie weiterhin vom Stadtviertel Notre-Dame aus tätig.  

Über Jahrzehnte sorgte eine Art lokaler Selbstverständlichkeit für Gleichgewicht: Die Schmelzhütte Horne hält die Stadt am Leben – und die Stadt lebt damit.

© Bibliothèque et Archives nationales du Québec
Der Ort Noranda und die Schmelzhütte auf einer Postkarte aus dem letzten Jahrhundert.

Im Herbst 2019 ändert sich alles. Die lokalen Gesundheitsbehörden veröffentlichen die Ergebnisse einer Biomonitoring-Studie, die ein Jahr zuvor anhand von Nagelproben bei Kleinkindern die körperliche Belastung durch Arsen gemessen hatte. Die Jüngsten im Stadtteil Notre-Dame am Fuss der Schmelzhütte weisen eine durchschnittlich viermal höhere Arsenkonzentration auf als diejenigen der 100 Kilometer entfernten Kontrollstadt. Die Kinder, die in unmittelbarer Nähe zum Industriegelände leben, sind noch stärker betroffen: Sie weisen, wie im Fall des kleinen Ethan, bis zu 60-mal höhere Werte auf. Ein Jahr später bestätigt eine zweite Studie mit Erwachsenen desselben Stadtteils die Ergebnisse.  

Hunde dürfen nicht ins Freie, Kinder schon 

Die Geschäftsleitung von Horne, der einzigen Kupferschmelzhütte Kanadas, und Generalsekretär*innen der Provinz Québec sollen sich vor der Veröffentlichung der ersten Studie abgesprochen haben, um die Studienergebnisse herunterzuspielen und die öffentliche Kommunikation in Grenzen zu halten. Dies geht aus Aussagen hervor, die der französische Journalist Grégoire Osoha in seinem Buch «Atome 33» (Editions Marchialy, 2025) zusammengetragen hat; 33 ist die Ordnungszahl von Arsen im Periodensystem. Die Behörden weisen die Vorwürfe zurück. Der Auftritt der Gesundheitsbehörden, die die Studienergebnisse Seite an Seite mit Vertreter*innen von Glencore vorstellen, mutet indes merkwürdig an. Die Bevölkerung erhält Tipps, um die Belastung mit dem giftigen Arsen in Grenzen zu halten: Böden und Haustiere regelmässig reinigen, den Aufenthalt der Tiere im Freien einschränken, bei Wind die Fenster geschlossen halten, Kinder vom Essen von Erde oder Sand abhalten, Sandkästen bei Nichtbenutzung bedecken. Empfehlungen, die normalerweise im Anschluss an eine grosse Umweltkatastrophe ausgesprochen werden.  

Arsen erhöht das Krebsrisiko  

Arsen, oft auch als Königin der Gifte bezeichnet, ist schon lange für seine hohe Toxizität bekannt. Es sammelt sich im Körper an, stört die Zellfunktionen und erhöht das Krebsrisiko. Bei Kindern wird eine längere Exposition auch mit neurologischen Entwicklungsstörungen in Verbindung gebracht. 

Die Ergebnisse der Studie kommen nicht von ungefähr. Seit den 1990er-Jahren, noch vor der Ankunft von Xstrata und Glencore in Rouyn-Noranda, verzeichnen Messstationen in der Nähe der Schmelzhütte eine deutlich höhere Arsenkonzentration in der Luft als anderswo. Zwischen 1991 und 2002, während sich die Schmelzhütte zunehmend auf das Recycling von Elektroschrott spezialisiert, steigen die Luftwerte der Arsenkonzentration in Fabriknähe von weniger als 200 auf fast 1000 Nanogramm pro Kubikmeter (ng/m3). In Städten wie Montréal oder Québec liegt die durchschnittliche Konzentration bei 1 bis 2 ng/m3.  

Angesichts dieser Abweichungen und zur Minimierung der Risiken empfehlen Gesundheitsfachleute der Provinz einen Jahreshöchstwert von 3 ng/m3, der in Québec inzwischen Gesetz wurde. Doch in der Stadt Rouyn-Noranda profitiert die Schmelzhütte noch immer von einem Ausnahmegrenzwert von 45 ng/m3, der gemäss einem Entscheid der Provinz vom Juni 2026 erst bis 2029/2030 auf 15 ng/m3 gesenkt werden soll. Diese Ausnahmeregelung soll dann bis mindestens 2033 Bestand haben. Den letzten Messungen vom 15. März 2026 zufolge liegt die durchschnittliche jährliche Arsenkonzentration in der Umgebung der Schmelzhütte bei 40,9 ng/m3 – ein leichter Anstieg im Vergleich zum Vorjahr. 

Auf Anfrage von Public Eye erklärt Glencore, die Konzentration würde «rasch sinken, je weiter man sich von der Schmelzhütte entfernt». Zudem würde eine Biomonitoring- Studie aus den Jahren 2005 und 2006 bestätigen, dass «die Bevölkerung selbst bei Konzentrationen von fast 400 ng/m3 keiner übermässigen Arsenbelastung ausgesetzt war». In einem Schreiben von 2013, das Public Eye eingesehen hat, vertrat der Gesundheitsdirektor tatsächlich die Ansicht, dass das Risiko, im betroffenen Quartier Notre-Dame an Lungenkrebs zu erkranken, «minimal» sei, selbst nach 70 Jahren einer solchen Exposition. In Rouyn-Noranda vermag diese Einschätzung die Besorgnis kaum zu zerstreuen.  

«Seit 40 Jahren bringt man uns ganz langsam um» 

«Der Schock war enorm», erinnert sich Nicole Desgagnés, die seit 1981 vor Ort lebt. «Uns wurde klar, dass etwas nicht stimmte, dass wir jahrelang einer Belastung ausgesetzt waren, ohne es zu wissen. Und vor allem, dass man unsere Kinder darin hat aufwachsen lassen.» Nach dem Schock macht sich bei der pensionierten Pflegefachfrau rasch Empörung breit: «Seit 40 Jahren bringt man uns ganz langsam um. Arsen, Blei, Kadmium: Das gesamte Periodensystem stürzt auf uns herein. Der Staat wusste davon, er erlaubte der Schmelzhütte jahrelang, die Grenzwerte zu überschreiten.»  

In dieser kleinen, ruhigen Ortschaft markiert die Veröffentlichung der Studienergebnisse nicht nur einen wissenschaftlichen Wendepunkt, sondern auch eine persönliche Zäsur. Für viele Eltern geht es nun nicht mehr nur um abstrakte Zahlen, sondern um eine einschneidende Veränderung in der Wahrnehmung ihrer eigenen Umgebung.  

Manche sprechen von Wut. Andere von Verrat. In Notre-Dame ist die Lebenserwartung bei Geburt gemäss offizieller Statistik fünf Jahre geringer als im restlichen Québec. Seit Jahrzehnten verzeichnet Rouyn-Noranda zudem 30% mehr Fälle von Lungenkrebs als der Durchschnitt in Québec, wobei bislang kein direkter Zusammenhang mit Emissionen aus der Industrie hergestellt werden konnte.  

Während die Daten immer weitere Kreise ziehen, weicht die Fassungslosigkeit nach und nach der Mobilisierung. In Notre-Dame schliessen sich Eltern zusammen und gründen ein Komitee namens Aret (Arrêt des rejets et émissions toxiques, Stopp den giftigen Emissionen), auch Nicole Desgagnés macht mit. Viele wollen nicht mehr bloss verstehen, sondern handeln: Rechenschaft einfordern, Garantien verlangen und eine Umweltverschmutzung sichtbar machen, die die Bewohner*innen lange zu ignorieren gelernt hatten.  

© The Canadian Press/Alamy Live News
Demonstration im März 2023 gegen den Plan, die in der Nähe der Schmelzhütte wohnende Bevölkerung umzusiedeln.

Als der Journalist Grégoire Osoha einige Jahre später nach Rouyn-Noranda kommt, ist die Mobilisierung bereits fest verankert. Im bereits erwähnten Buch «Atome 33», entstanden während mehrerer Monate an der Seite der lokalen Bevölkerung, beschreibt er eine Stadt in einem permanenten Spannungsfeld, in der gesundheitliche Aspekte und wirtschaftliche Interessen sich diametral gegenüberstehen, und Glencore-Angestellte berichten, sie würden manchmal als Kindermörder beschimpft.  

«Ein Teil der Bevölkerung hat ein wirtschaftliches Interesse am Erhalt der Schmelzhütte. Der andere leidet unter den gesundheitlichen Folgen», fasst es der ehemalige Kinderarzt Pierre Vincelette zusammen, der seit Anfang der 1970er-Jahre in Notre-Dame lebt. 

Glencore ist im Alltag der Menschen präsent  

Die Schmelzhütte spielt nach wie vor eine wichtige Rolle in der lokalen Wirtschaft: Sie bietet über 500 direkte Arbeitsplätze, die im Durchschnitt 23% besser bezahlt werden als in anderen Teilen Québecs. Dazu kommen Tausende von indirekten Arbeitsplätzen und, laut Glencore, ein Beitrag von über 8 Milliarden kanadischen Dollar (4,6 Milliarden Franken) an Kanadas Bruttoinlandprodukt. «Das ist der Hebel, der sich am einfachsten betätigen lässt: die Angst, dass die Region ohne ihre Schmelzhütte zugrunde geht», sagt Grégoire Osoha.  

Die zentrale wirtschaftliche Rolle wird durch eine gut sichtbare Präsenz im Alltag der Menschen verstärkt: Glencore sponsert kulturelle Veranstaltungen, Sportanlagen und Sportvereine und schafft sich so einen Platz im Bewusstsein der Bevölkerung – ganz wie einst die Bergbaugesellschaft. Dieses Mäzenatentum festigt eine althergebrachte Überzeugung: Die Schmelzhütte in Rouyn-Noranda ist nicht nur Industrie, sondern auch Herz und Seele der Stadt.  

Glencore beeinflusst die öffentliche Debatte  

Angesichts der wachsenden Besorgnis streitet der Konzern den Handlungsbedarf nicht ab. 2022 verspricht er Investitionen von über einer Milliarde kanadischen Dollar, 300 Millionen davon zur Reduzierung der Arsenemissionen. Der Rest soll insbesondere zur Steigerung der Verarbeitungskapazitäten für kritische Metalle verwendet werden. Laut Grégoire Osoha versucht Glencore auch, die Debatte unter Kontrolle zu halten. Der Konzern beauftragt eigene Expert*innen, zweifelt bestimmte Vorgehensweisen des öffentlichen Gesundheitswesens an und liefert seine eigenen Kennzahlen. «Sie suchen sich ihre Wissenschaftler*innen selbst aus, genau wie die Tabakindustrie vor ihnen», kritisiert Kinderarzt Vincelette, der sich seit 2019 in der Bürger*innenbewegung engagiert. In gewissen Fällen versucht Glencore gar, an personenbezogene Daten aus den Biomonitoring-Studien zu gelangen, insbesondere an diejenigen von Kindern – offiziell heisst es, man wolle die Analysen verfeinern.  

Statt das Problem zu leugnen, besteht die Strategie darin, es umzudeuten: Zweifel säen, Grenzwerte diskutieren, Zeit schinden. Der Jahresgrenzwert liegt gemäss den Vorgaben der Provinz bei 3 Nanogramm Arsen pro Kubikmeter Luft, doch Horne erhält von den Behörden schliesslich eine Ausnahmegenehmigung für 15 ng/m3, gemäss neuestem Entscheid der Provinz zu erreichen bis 2029/2030 – das entspricht dem Fünffachen des Normwerts.  

Grégoire Osoha beschreibt eine «Form kalter, symbolischer Gewalt». Willie Gagnon, ein Einwohner von Rouyn-Noranda, legte 6300 Kilometer zurück, um an der Generalversammlung 2023 von Glencore im Zuger Theater Casino die Besorgnis seiner Stadt vorzubringen, erzählt Osoha. Distanziert und ungerührt unterbricht der Verwaltungsratspräsident von Glencore ihn zunächst – der Konzern habe keine Wortmeldungen auf Französisch vorgesehen. Nach einigen Minuten der Verwirrung darf der aus Kanada Angereiste schliesslich seine Botschaft überbringen. Er erhält jedoch nur eine knappe Antwort, in der auf die fortwährenden Bemühungen von Glencore zur Reduzierung seiner Emissionen sowie auf verschiedene Vorschläge hingewiesen wird, die von der lokalen Regierung geprüft werden müssten.  

© Philippe Renaul
Ein Schornstein der Schmelzhütte Horne überragt die Stadt Rouyn-Noranda in der Provinz Québec.

Glencore setzt Investitionsprogramm aus  

Eine Lösung bahnt sich allmählich ihren Weg: die Schaffung einer Pufferzone zwischen Stadt und Schmelzwerk. Die Behörden wollen in Notre-Dame 82 Häuser abreissen. Davon hat Glencore bislang etwa 50 erwerben können. Offiziell geht es darum, die Exposition der nächsten Anlieger* innen zu verringern, 200 Familien sollen umziehen. Doch viele betrachten dieses Vorgehen als Vogel-Strauss- Taktik. «Man verlegt die Stadt, um Platz für das zu schaffen, was nicht verlegt werden kann», so Nicole Desgagnés. Seit die Arsen-Affäre bekannt wurde, haben die Liegenschaften an Wert verloren. Einige sind bereit zu gehen. Andere zögern, festgefahren in einer Situation, in der ein Verkauf es nicht mehr ermöglicht, auf einem angespannten Wohnungsmarkt eine neue Bleibe zu finden.  

Ende 2025 berichtet die Nachrichtenagentur Reuters, dass Glencore die Schliessung der Horne-Schmelzhütte vorbereite, da die Kosten für die Einhaltung der Umweltauflagen gestiegen seien. Anfang 2026 bestätigt der Zuger Konzern, dass das 2022 angekündigte Investitionsprogramm ausgesetzt wird.  

In seiner Antwort an Public Eye dementiert Glencore die Pläne zur Schliessung, weist jedoch darauf hin, dass die Konkurrenz Anlagen dieser Art in Kanada in den letzten zehn Jahren nach und nach geschlossen habe: «Während Asien diesen Industriezweig dominiert, ist der Sektor im Westen enormem Druck ausgesetzt. Diese Tatsache lässt sich weder ignorieren noch umgehen.» Das Tauziehen zwischen Rouyn-Noranda und seiner Schmelzhütte ist noch lange nicht vorbei. 

Neuste Entwicklung im Drama: Nachdem die Provinz die Ausnahmeregelung für das Glencore-Werk im Juni 2026 bis mindestens 2033 verlängert hat, teilt Glencore mit, das ausgesetzte Investitionsprogramm zur Reduktion der Schadstoffemissionen schrittweise wieder aufzunehmen. 

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