Minen-Rabatte kommen Glencore teuer zu stehen

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Die Sanktionen der US-Justiz hinderten eine Glencore-Tochtergesellschaft nicht daran, ihre Zahlungen an den dubiosen Geschäftsmann Dan Gertler fortzusetzen, wie eine afrikanische Whistleblowerplattform enthüllt. Der israelische Diamantenhändler, welcher der kongolesischen Regierung nahesteht, war von Glencore beauftragt worden, Konzessionen für Kupfer- und Kobaltminen auszuhandeln. Ende Juni bestätigte die Bundesanwaltschaft die Eröffnung eines Strafverfahrens wegen Korruption gegen den Konzern mit Sitz in Zug und reagiert damit auf eine Anzeige von Public Eye.

Ob es ihm gefällt oder nicht, das Schicksal des Zuger Rohstoffriesen ist unwiderruflich mit demjenigen Dan Gertlers verknüpft. Der israelische Diamantenhändler, dessen Name regelmässig in Steueroasen-Leaks auftaucht, steht der Regierung der Demokratischen Republik Kongo nahe und soll ihr 2001 im Austausch gegen ein Monopol auf den Diamantenverkauf Waffen geliefert haben. Ende 2017 verhängte die USA Sanktionen gegen ihn und 18 seiner Unternehmen, um ihn an der Weiterführung seiner vermutlich kriminellen Aktivitäten im Kongo zu hindern. Dies ist peinlich für den Schweizer Multi Glencore, der zehn Jahre zuvor erstmals mit dem israelischen Geschäftsmann zusammengearbeitet hatte, um Konzessionen für Kupfer- und Kobaltminen zu erhalten.

Doch die Beobachtung durch die US-Justiz hinderte Dan Gertler nicht an der Weiterführung seiner kongolesischen Geschäfte. Dies enthüllt der am 2. Juli von der Platform to Protect Whistleblowers in Africa (PPLAAF) und der NGO Global Witness veröffentlichte Bericht Undermining Sanctions. Er zeigt, wie der israelische Geschäftsmann sein Netz aus Offshore-Konstruktionen neu organisierte, um weiterhin Zahlungen von Glencores Tochtergesellschaft Mutanda zu erhalten.

Sanktionen umgehen mithilfe des Euro

Bankunterlagen belegen die Zahlung von Lizenzgebühren in der Höhe von 13,3 Millionen Euro an eine von Gertler kontrollierte Einrichtung zwischen dem 27. und dem 30. Juli 2018. Weitere 4,6 Millionen Euro erhielt er am 22. Juni desselben Jahres (diese Zahlung bestätigte Glencore 2018).

Der von Marc Rich gegründete Konzern fand sich nach der Verhängung der Sanktionen in einem infernalen Dreieck wieder; zwischen dem Druck der USA, den eigenen Geschäftsinteressen im Kongo und einem Partner, der vor Ort ebenso unverzichtbar wie für die Finanzinstitute unerwünscht war.

Die Währung, in der Gertler bezahlt wurde, ist deshalb zentral, weil jeder, der auf der Sanktionsliste des US-Finanzministeriums steht, keine Transaktionen in Dollar mehr tätigen kann. In der DR Kongo werden Zahlungen jedoch in der Regel in Dollar abgewickelt.

Mit dem Entscheid, Dan Gertler weiterhin Lizenzgebühren zu überweisen, riskierte Glencore seinerseits Sanktionen der USA. Umso mehr, als das US-Finanzministerium am 15. Juni 2018 14 weitere mit Gertler verbundene Einrichtungen sanktionierte, darunter eine gewisse Ventora Development SASU. Einen Monat später musste Glencore bekannt geben, dass das US-Justizministerium wegen des Verdachts auf Korruption in der Demokratischen Republik Kongo, in Nigeria und Venezuela eine Untersuchung eingeleitet hatte.

Gertlers neues Netzwerk

Dabei hatte Gertler Vorkehrungen getroffen. Die Untersuchung von PPLAAF und Global Witness beschreibt die Manöver des Gertler-Clans nur eine Woche nach der ersten Sanktionsrunde Ende 2017. Gertlers auf den Britischen Jungferninseln ansässige Fleurette Mumi Holdings Limited wurde in die DR Kongo verlegt und in Ventora Development umbenannt. An sie gingen die Zahlungen der Glencore-Tochtergesellschaft. Dasselbe geschah mit der Caprikat Limite, sie wurde in Albertine DRC umgetauft.

Die von der PPLAAF analysierten vertraulichen Bankunterlagen decken auch ein neues Netzwerk von kongolesischen und europäischen Vehikeln mit direkter oder indirekter Verbindung zu Dan Gertler sowie Personen «mit Verbindung zu einer professionellen Geldwäscherei-Operation» in Europa und Israel auf. Mit diesen hochkomplexen Konstrukten sind der DR Kongo wohl Millionen von Dollar entgangen, ebenso wurden sie für Zahlungen an das staatliche Bergbauunternehmen Gécamines gebraucht. Die Recherche zeigt auch die dubiose Rolle der Afriland First Bank in der DR Kongo, die Zahlungen des Gertler-Clans einstrich, sowie potenzielle Verstösse gegen die Sorgfaltspflichten der beteiligten Banken.

In seiner Antwort an PPLAAF und Global Witness erklärt Glencore, es habe seine «rechtlichen und geschäftlichen Optionen im Rechtsstreit mit Ventora sorgfältig geprüft und festgestellt, die einzige tragfähige Option zur Vermeidung des Risikos einer Beschlagnahme seiner Vermögenswerte in der DR Kongo» bestehe in der Zahlung der «Lizenzgebühren in einer anderen Währung als dem US-Dollar, ohne amerikanische Personen einzubeziehen».

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Dan Gertler auf Besuch bei Katanga Mining, und der Sitz von Glencore in Baar (Zug).

Die Schweizer Bundesanwaltschaft ermittelt

Trotzdem zieht sich die Schlinge zu – für Glencore wird es eng. Am 19. Juni gab der Konzern mit Sitz in Zug nach dem wöchentlichen Börsenschluss in einer Pressemitteilung bekannt, er sei Gegenstand einer strafrechtlichen Untersuchung der Bundesanwaltschaft wegen mangelhafter Organisation im Zusammenhang mit mutmasslicher Korruption in der Demokratischen Republik Kongo. Derselbe Anklagepunkt also, unter dem der Genfer Händler Gunvor im vergangenen Herbst wegen illegaler Aktivitäten in Kongo-Brazzaville und der Elfenbeinküste zu einer Zahlung von 94 Millionen Franken verurteilt wurde.

Ende 2017 hatte Public Eye bei der Bundesanwaltschaft  gegen Glencores Geschäfte in der DR Kongo Strafanzeige eingereicht. Neue Unterlagen, die im Rahmen der Paradise Papers ans Licht gekommen waren, lieferten weitere Hinweise auf Veruntreuungen beim Erwerb von Minen. Dan Gertler vermittelte zwischen 2008 und 2009 in diesen Geschäften, gegen einen geheimen Kredit von 45 Millionen Dollar, bezahlbar mit Aktien der übernommenen Katanga Mining. Der Kredit war an den Erfolg der Verhandlungen mit der Regierung des ehemaligen, dem Israeli nahestehenden Präsidenten Kabila geknüpft. Dank «Gertlers Händchen» für erfolgreiche Geschäfte schrumpfte der für die Schürfrechte als eine Art «Zutrittsgeld» bezahlte Betrag von 585 auf 140 Millionen Dollar. Ein miserabler Deal für die DR Kongo, welcher damit umgerechnet ein Zehntel ihres Haushaltsbudgets entgangen ist.

Auch Glencore scheint die Geschichte teuer zu stehen zu kommen. Abgesehen von den Rechtsproblemen, die seinen Aktienkurs zum Einsturz brachten, musste der multinationale Konzern grosse Summen hinblättern, um Dan Gertlers Forderungen zu erfüllen. Die Übernahme der Mutanda-Mine kostete ihn 2017 insgesamt 922 Millionen Dollar. Der belgischen Organisation Resource Matters zufolge schuldete Glencore den mit Gertler verbundenen Firmen allein im Jahr 2018 110 Millionen Dollar Lizenzgebühren. Im Kongo können Minen-Rabatte viel kosten.

Glencore-Fälle weltweit

  • Juni 2020: Eröffnung einer Untersuchung durch die Bundesstaatsanwaltschaft wegen mangelhafter Organisation im Zusammenhang mit mutmasslichen Korruptionshandlungen in der Demokratischen Republik Kongo.
  • Dezember 2019: Untersuchung durch die britische Anti-Korruptionsbehörde Serious Fraud Office wegen Verdachts auf Korruption bei der Ausübung der Geschäfte.
  • April 2019: Eröffnung einer Untersuchung durch die Commodity Futures Trading Commission (US-Regulierungsbehörde für Termingeschäfte) wegen Verdachts auf Korruption im Zusammenhang mit Rohstoffgeschäften.
  • Dezember 2018: Ankündigung der Eröffnung einer Untersuchung durch die brasilianische Bundesstaatsanwaltschaft gegen Glencore und seine zwei Konkurrenten Vitol und Trafigura wegen Verdachts auf Zahlung von Bestechungsgeldern an Beamte der staatlichen Ölgesellschaft Petrobras.
  • Juli 2018: Einreichung einer Sammelklage beim Bezirksgericht von New Jersey durch eine Gruppe von US-Aktionärinnen und -aktionäre, die Glencore beschuldigen, in Bezug auf die Korruptionsvorwürfe gelogen zu haben, um seinen Aktienkurs nicht zu beeinträchtigen.
  • Seit Juli 2018: Untersuchung durch das US-Justizministerium wegen Verdachts auf Korruption und Geldwäscherei in Nigeria, der Demokratischen Republik Kongo und Venezuela seit 2007.

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