Pionierstudie zeigt: Für den Preisdruck der Modekonzerne bezahlen deren Näher*innen

Ein heute von Public Eye und der Clean Clothes Campaign veröffentlichter Bericht legt erstmals die brutale Preispolitik der Modekonzerne offen. Demnach liegt der Fabrikpreis für ein Standard-Baumwoll-T-Shirt zumeist bei gerade mal 2 bis 3 Dollar. Und manchmal sogar bei weniger als 1 Dollar. Dieselben Unternehmen, deren Nachhaltigkeitsversprechen immer grösser werden, setzen ihre Zulieferer mit unhaltbar tiefen Einkaufspreisen unter Druck. Rechnet man die weltweite Inflation ein, kaufen Modegiganten T-Shirts heute für nur noch den halben Wert von vor 25 Jahren ein.

Am Beispiel eines Schlüsselprodukts, des Baumwoll-T-Shirts, zeigt die Studie «Squeezed Dry», wie Modemarken ihre Produktion systematisch in Länder verlagert haben, in denen die Herstellungskosten am tiefsten sind. 2025 stammten deshalb mehr als 60 Prozent solcher in die Europäische Union importierten Baumwoll-T-Shirts aus Bangladesch. Der durchschnittliche Importpreis lag laut Studie bei lediglich 2,36 Euro pro Stück. Für T-Shirts aus Bangladesch sank er sogar auf 1,83 Euro. 

Zur Lüftung eines der grössten Branchengeheimnisse wurde ein über mehr als zwei Jahrzehnte reichender Datensatz ausgewertet und Interviews mit zahlreichen Zulieferern und Vermittlern geführt. Das Fazit: strukturell zu tiefe Preise sind das Herzstück des Fast-Fashion-Geschäftsmodells. Die Markenfirmen wissen, dass ihre Produzenten in einer extrem schwachen Verhandlungsposition sind. Durch den hochkompetitiven Markt werden Zulieferer gezwungen, auch Bestellungen zu Preisen zu akzeptieren, welche die Kosten einer verantwortungsvollen Produktion nicht decken. Weil sie bei Rohstoffen oder Energie kaum Spielraum haben, sparen sie bei den Arbeitsbedingungen: bei der Sicherheit in den Fabriken, durch erzwungene Überstunden und mit Löhnen, die nicht zum Leben reichen. 

Die Handelsdaten der sechs grössten Abnehmer von Baumwoll-T-Shirts aus Bangladesch in den letzten fünf Jahren – darunter Inditex (Zara), Primark und H&M – zeigen, dass keiner dieser Konzerne seine Einkaufspreise an die weltweite Inflation angepasst hat. Selbst bei den Marken, die im Vergleich am meisten bezahlen, liegen diese kaum über 18 Dollar pro Kilo, also bei rund 3 Dollar pro T-Shirt. Discounter beschaffen sich ihre Ware oft für 10 Dollar pro Kilo oder noch weniger. Kalpona Akter, Präsidentin der Bangladesh Garment and Industrial Workers Federation, kritisiert diese Praxis scharf: «Modefirmen rühmen sich ihrer Menschenrechtspolitik und provozieren mit ihrem ständigen Preisdruck zugleich Armutslöhne. Höhere Preise sind zentral für existenzsichernde Einkommen, sichere Arbeitsplätze und eine nachhaltige Produktion.» 

Der Bericht fordert deshalb einen Systemwechsel in der Preispolitik. Das heutige Kostensenkungsmodell muss durch eine Orientierung an den realen Produktionskosten ersetzt werden. Zugleich gehören existenzsichernde Löhne sowie menschenwürdige Arbeitsbedingungen als nicht verhandelbare Anforderungen festgeschrieben. Weil sich die Modekonzerne weigern, ihrer Verantwortung nachzukommen, braucht es verbindliche Massnahmen, um die nötigen Veränderungen durchzusetzen. 

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David Hachfeld, Textilexperte und Studienautor, david.hachfeld@publiceye.ch