10 Franken für ein Kilo T-Shirts
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2 bis 3 US-Dollar pro Stück. Das ist der Preis, zu dem heute viele international tätige Einkäufer von Textilien ein Standard-Baumwoll-T-Shirt ab Fabrik beschaffen. Es geht noch billiger: Einige bezahlen weniger als 1 US-Dollar pro Stück.
Im neuen Report «Squeezed Dry» (Ausgepresst) haben Public Eye und die von ihr mitgetragene Clean Clothes Campaign umfangreiches Datenmaterial aus mehr als zwei Jahrzehnten analysiert. Das Fazit: Die anhaltend niedrigen Einkaufspreise sind kein Marktversagen, sondern ein zentrales Organisationsprinzip der heutigen Bekleidungsindustrie. Und dieses trägt zur Zementierung von Hungerlöhnen und prekären Arbeitsbedingungen in der Branche bei.
Lesen Sie unseren Bericht «Squeezed Dry» (nur auf English)
Die tatsächlichen Einkaufspreise sinken
Die Preise bewegen sich seit langem auf sehr niedrigem Niveau, und 2025 lag der durchschnittliche EU-Importpreis für Standard-Baumwoll-T-Shirts bei lediglich 16 US-Dollar (Fr. 12.50) pro Kilogramm. Stammten die Shirts aus Bangladesch, waren sie mit rund 13 US-Dollar noch günstiger. Das sind lediglich 10 Franken für ein Kilo neue T-Shirts: ein Spottpreis.
Zum Vergleich: die tiefsten Preise für ein Basic-T-Shirt bewegen sich bei den grössten Modehändlern in der Schweiz zwischen 9 und 17 Franken. Für den Erlös aus dem Verkauf eines einzigen T-Shirts kaufen sich die grossen Marken ab Fabrik also gleich ein Kilo davon.
Zwischen 2001 und 2025 wuchs die Weltwirtschaft im Durchschnitt um rund 3% pro Jahr. Parallel führte die globale Inflation im gleichen Zeitraum dazu, dass sich die Lebenshaltungskosten der Haushalte mehr als verdoppelten. Ganz anders verlief die Preisentwicklung bei den T-Shirt-Importen der EU für denselben Zeitraum: Die nominellen Einkaufspreise legten um lediglich 0,9% pro Jahr zu. Bereinigt um die Teuerung der EU sanken die Preise sogar um 1,4% pro Jahr.
Anders gesagt: Auf dem Papier zahlen Marken aus der EU heute rund ein Viertel mehr für im Ausland bezogene Baumwoll-T-Shirts als vor 25 Jahren. Real sind es jedoch 30% weniger.
Bereinigt um die globale Inflation, erhöht sich der Rückgang der Beschaffungspreise sogar auf −3,1% pro Jahr, was für 2025 zu einer Halbierung der durchschnittlichen Beschaffungspreise führt. Dies ist keine statistische Anomalie. Es spiegelt eine bewusste Wettbewerbsstrategie wider, die auf extrem niedrige Preise im Massenmarkt für Bekleidung setzt.
Die Jagd nach der günstigsten Nadel
Die grossen Modemarken haben ihre Produktion zunehmend auf Standorte verlagert, die für Massenware die niedrigsten Preise bieten. In der EU – dem weltweit grössten Importmarkt für T-Shirts – wurde Bangladesch so zum dominierenden Herkunftsland: 2025 wurden 61% der in die EU importierten T-Shirts dort genäht. Die zunehmende Konzentration auf den billigsten Produktionsstandort verstärkt die Abhängigkeiten zwischen Verkäufer und Käufer.
Die Einkaufspraktiken der grossen Marken
Public Eye hatte auch Zugang zu unternehmensspezifischen Handelsdaten. Diese zeigen, dass sich die Einkaufspreise der grössten Modeunternehmen trotz deutlicher Unterschiede in ihrer Marktpositionierung innerhalb eines relativ begrenzten – und vor allem niedrigen – Korridors bewegen. Zu den Firmen mit den in der Stichprobe vergleichsweise eher höheren Ladenpreisen gehören der japanische Konzern Fast Retailing mit der dank Roger Federer auch in der Schweiz bekannten Hauptmarke Uniqlo oder die dänische Bestseller-Gruppe mit Jack & Jones oder Vero Moda. Selbst sie zahlen ihren Produzenten in Bangladesch im Durchschnitt nur selten über 18 US-Dollar pro Kilogramm (etwa 3 US-Dollar pro Stück). Am unteren Ende stehen Discounter wie Primark oder die polnische LPP-Gruppe mit Einkaufspreisen von rund 10 US-Dollar pro Kilogramm. Der Fast-Fashion-Konzern Inditex mit seiner Hauptmarke Zara und die schwedische H&M bewegen sich im Mittelfeld.
Public Eye hat die Konzerne mit den unternehmensspezifischen Preisdaten konfrontiert. Daraufhin stellten einige Konzerne die Zahlen in Frage und argumentierten, dass Durchschnittspreiskennzahlen wichtige Faktoren wie Produktmix, Effizienzsteigerungen und Kostentreiber ausser Acht liessen. Keines der Unternehmen legte jedoch eigene Preisdaten vor.
Antworten der grossen Unternehmen lesen (nur auf Englisch)
Bemerkenswert ist, worauf die Preise reagieren – und worauf nicht. Schnellt der Baumwollpreis in die Höhe, sieht man dies kurz danach auch bei den T-Shirt-Einkaufspreisen . Anders bei Lohnerhöhungen: Selbst erhebliche Anpassungen des Mindestlohns in Bangladesch haben keinen nachhaltigen Anstieg der Exportpreise herbeigeführt. Energieschocks hatten 2022 teilweise Auswirkungen, die jedoch mit der Normalisierung der Rohstofflage nachliessen.
Das Muster ist klar: Lieferanten können höhere Materialkosten manchmal weitergeben, und die Käufer sind bereit, diese zu tragen. Die Arbeitskosten haben jedoch kein vergleichbares Gewicht. Darüber hinaus können Lieferanten ein erhöhtes Preisniveau nicht über die Dauer des zugrunde liegenden Rohstoffanstiegs hinaus aufrechterhalten.
Der Machtpoker bei Preisverhandlungen
Interviews mit Verantwortlichen bei Produktionsbetrieben und Einkaufsagenturen in Bangladesch zeigen, wie in den Verhandlungen Preisdruck ausgeübt wird. Viele Befragte beschreiben einen Prozess, bei dem Einkäufer mit festen Zielpreisen in die Verhandlungen gehen und von den Lieferanten erwarten, dass sich diese daranhalten. Lieferanten berichten, ständig werde mit der landesweit günstigsten Option verglichen. Der Verhandlungsspielraum sei begrenzt und selbst wenn die Produktion bereits läuft, werde noch versucht, die Preise neu zu verhandeln.
Die Gewinnspannen bei einfachen T-Shirts werden als hauchdünn und zunehmend instabil beschrieben. Um stillstehende Produktionslinien zu vermeiden, Löhne der Mitarbeitenden zu zahlen und den Cashflow zu sichern, nehmen viele Fabriken sogar Aufträge zum Selbstkostenpreis oder darunter an – insbesondere in der Nebensaison.
Da die Nominalpreise stagnieren, während andere Kosten steigen, werden die Lieferanten systematisch dazu gedrängt, den einzigen verbleibenden «flexiblen» Hebel zu nutzen: die Arbeitskräfte. Dies führt zu einer Intensivierung der Arbeit, längeren Arbeitszeiten und anhaltendem Lohndruck. Extrem niedrige Preise zementieren somit Hungerlöhne, schwächen die Fähigkeit der Fabriken, Nachfrageschwankungen abzufedern, und sie verdrängen Investitionen in soziale und ökologische Verbesserungen.
Es braucht eine Preisgestaltung von unten nach oben
Zwei Jahrzehnte freiwilliger Standards, Verhaltenskodizes und Initiativen verschiedener Interessengruppen haben die Geringschätzung des Marktes für die Produktion von Bekleidung nicht beseitigt. Deshalb muss die Preisgestaltung aus Sicht von Public Eye zu einem zentralen Hebel für verantwortungsbewusste Beschaffung werden. Die Preise im Ankauf sollten auf den tatsächlichen Kosten einer regelkonformen, menschenrechtskonformen und umweltverträglichen Produktion basieren. Sie sollten nicht von den Verkaufspreiswünschen und hohen Margenerwartungen der Konzerne diktiert werden.
Auf dieser Grundlage untersucht der Bericht Mindestpreisziele sowohl als normative Leitlinie für Verhandlungen als auch als praktisches Instrument, um eine verantwortungsbewusste Beschaffung in der Unternehmenspraxis zu verankern. Ein Mindestpreisziel von 30 US-Dollar pro Kilogramm würde Raum für existenzsichernde Löhne, eine sichere und stressfreie Arbeitsorganisation sowie eine glaubwürdige Umweltbilanz schaffen. Das wären 5 US-Dollar für ein Standard-T-Shirt – ein Preis, der mehr als tragbar scheint.