Covid-19: Sieben Jahre nach Rana Plaza zahlen die Näherinnen immer noch den höchsten Preis

Vor sieben Jahren erlebte die Textilindustrie die grösste Tragödie in ihrer Geschichte. Beim Einsturz des riesigen Rana Plaza-Fabrikgebäudes in Bangladesch verloren 1138 Menschen das Leben und Tausende wurden verletzt. Trotz dieses Weckrufs wurde das unfaire Geschäftsmodell der Fast Fashion nicht grundsätzlich infrage gestellt. Und so sind die Näherinnen heute, wo sie mit voller Wucht von der Corona-Krise getroffen werden, verletzlicher denn je. Die Modefirmen müssen sie endlich respektieren – und schützen.

Am 24. April 2013 verfolgte ich entsetzt mit, wie die Trümmer des neunstöckigen Rana-Plaza-Gebäudes in einem Aussenbezirk der bangladeschischen Hauptstadt Dhaka die Körper, das Leben und die Hoffnungen tausender Textilarbeiterinnen und Textilarbeiter unter sich begruben. Wie heute war ich an jenem Tag, wenn auch aus ganz anderen Gründen, zuhause «quarantäniert» – mit meinem viermonatigen Jungen im Arm.

© GMB Akash / Panos

Vor dem Bildschirm starrte ich auf das wohl tiefste und schrecklichste Grauen überhaupt, in den Augen dieser Mütter und Väter, die ihre gross gewordenen Kinder anflehten, unversehrt aus diesem endlosen Trümmerhaufen hervorzukommen... und in ihre Arme zurückzukehren. Ich konnte meinen Blick nicht abwenden. Und das durften wir auch nicht.

Denn es schien klar: Nach dieser Tragödie, die sich schon lange abgezeichnet hatte, musste sich alles ändern.

Doch obwohl in Bezug auf die Sicherheit der Fabriken in Bangladesch mittlerweile Fortschritte erzielt worden sind – die zutiefst ungleichen Spielregeln in der globalisierten Textilindustrie sind bis heute nicht ins Wanken geraten.

Einen Tag vor dem Einsturz hatten sich die Arbeiterinnen und Arbeiter geweigert, im Gebäude zu bleiben, an dessen Wänden sich tiefe Risse abzeichneten. Doch eine andere Bedrohung, ausgesprochen von ihrem Arbeitgeber, zwang sie, sich wieder an die Nähmaschinen zu setzen: gefeuert zu werden! Und damit die einzige Einkommensquelle ihrer Familie zu verlieren – damals ungefähr 68 Franken im Monat. So wenig – und doch so viel.

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Sieben Jahre später sehen sich die Textilarbeiterinnen und -arbeiter in Bangladesch und anderen Produktionsländern erneut vor eine unmögliche Wahl gestellt; gefangen zwischen der Gefahr, sich mit dem Coronavirus anzustecken, und dem Risiko, schlicht ohne Einkommen dazustehen. Den Textilsektor trifft die Covid-19-Krise besonders hart, doch die gegenwärtige Ausnahmesituation zeigt über diesen Sektor hinaus die doppelte Last, die die Gefangenen einer entmenschlichten Globalisierung - welche die Welt mit ihrer Logik von Macht und Profit in Richtung Abgrund treibt - zu tragen haben. Auf dem Spiel stehen nicht nur Gesundheit und Existenz der Arbeiterinnen und Arbeiter, sondern auch die (kleinen) Erfolge eines jahrelangen Kampfes für Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein müssten: Existenzlöhne, Achtung von Gewerkschaftsrechten, Sicherheit am Arbeitsplatz.

Gleichzeitig verkaufen Modemultis jährlich Milliarden Kleidungsstücke, erzielen milliardenhohe Umsätze oder – die mächtigsten unter ihnen – gar milliardenhohe Gewinne. Um jene, die ihre Kleider nähen, kümmern sich die meisten von ihnen hingegen immer noch kaum. Wenn das durch eine Pandemie stillgelegte riesige Gebäude des Weltkonsums rissig wird und auf allen Ebenen ins Wanken gerät, sind es einmal mehr die im Kellergeschoss Zusammengepferchten, die erdrückt werden.

Ungleichheiten und Machtmissbrauch

Seit Februar wälzen die Modefirmen die Last der Krise recht schamlos auf ihre Lieferanten und damit durch einen unvermeidbaren Dominoeffekt auf die Arbeiterinnen und Arbeiter ab. Bestellungen werden storniert oder verschoben, es kommt zu Zahlungsverzögerungen und unverschämten Rabattverhandlungen. Zur Krönung des Ganzen weigern sich viele Firmen sogar, bereits erteilte oder laufende Aufträge zu bezahlen und berufen sich auf eine Klausel «höherer Gewalt», obwohl ihre Verträge offenbar keine Stornierung im Falle einer weltweiten Gesundheitskrise vorsehen.

Aber zum Teufel mit vertraglichen Vereinbarungen und hehren Prinzipien! Denn bereits bezahlte Materialien und Produktionskosten hin oder her – welcher Lieferant würde es wagen, sich seinen mächtigen Auftraggebern zu widersetzen, die er unter allen Umständen für bessere Zeiten halten muss? Sie vor Gericht bringen? Mit welchen Mitteln? Die unverantwortliche Haltung der meisten Marken hat bereits tausende Fabriken in den Ruin getrieben. Millionen von Arbeiterinnen und Arbeitern wurden nach Hause geschickt, oft ohne entlohnt und entschädigt zu werden, wie es gesetzlich vorgesehen wäre.

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Allein in Bangladesch, wo Kleidung 84 Prozent der Exporte ausmacht, haben die grossen Modekonzerne laut der Bangladesh Garment Manufacturers and Exporters Association Aufträge im Wert von mindestens 3,1 Milliarden Dollar annulliert oder zurückgestellt. Auch in anderen Produktionsländern wie Kambodscha, Myanmar oder Indien ist die Lage katastrophal. Als Reaktion auf die öffentliche Empörung und die Mobilisierung der Arbeiterinnen haben sich einige Marken wie das Zara-Mutterhaus Inditex, H&M oder Nike verpflichtet, bereits ausgeführte oder laufende Bestellungen zu bezahlen. Konkrete Versprechungen für die Zukunft haben sie nicht gemacht.

Vergessen wir niemals die Risse

Angesichts der Covid-19-Krise und der unzulänglichen Reaktionen der Firmen sind Millionen ArbeiterInnen der Textilindustrie in Gefahr. Sie haben weder Ersparnisse, um diese Situation zu bewältigen, noch ein echtes Netz sozialer Sicherheit – und laufen damit Gefahr, ganz ohne Einkommen dazustehen, wenn ihre Fabrik schliesst.

Doch solange die Fabriken offen sind und es ihr Arbeitgeber/ die Sicherung ihrer Existenz/ der Staat verlangen, sind sie gezwungen, arbeiten zu gehen – auch wenn die Hygieneanweisungen in den Fabriken oder auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht umgesetzt werden können.

Für sie und ihre Familien sind das Abgleiten in die totale Armut sowie das Risiko, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, so real wie einst für die Arbeiterinnen in Rana Plaza die Risse in der Mauer.

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Natürlich müssen die Regierungen der Produktionsländer ihren Teil der Verantwortung übernehmen und ihre Bevölkerung mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln bestmöglich schützen. Dies entbindet die Modefirmen jedoch nicht von ihrer Pflicht, die Menschenrechte zu achten. Umso mehr, als sie jahrzehntelang Druck auf Kaufpreise, Steuern und eh schon tiefe Löhne ausgeübt haben – während sie schöne, unverbindliche Versprechungen machten, die sie praktisch nie hielten! Sie haben damit eine zentrale Rolle dabei gespielt, die Näherinnen in einer schwachen und extrem unsicheren Position zu halten – wofür Letztere heute einen besonders hohen Preis zahlen.

Wenn sie zeigen wollen, dass sie der Krise gewachsen sind, müssen die Unternehmen die notwendigen Massnahmen ergreifen, um die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen für alle Beschäftigten in ihren Lieferketten einzudämmen. Und sie müssen endlich ihr Geschäftsmodell grundsätzlich infrage stellen.

Ich wünsche mir, am 24. April 2027 zurückblicken und mir sagen zu können, dass die Coronakrise den Aufbau eines wenigstens etwas solideren, nachhaltigeren und gerechteren Systems ermöglicht hat.

«Il y a des êtres qui nous touchent plus que d'autres, sans doute parce que, sans que nous le sachions nous-mêmes, ils portent en eux une partie de ce qui nous manque.» Wajdi Mouawad (Anima)

Géraldine Viret, spezialisiert auf vergleichende Literaturwissenschaft und Unternehmenskommunikation, arbeitet seit fast zehn Jahren als Medienverantwortliche und Redakteurin für Public Eye. Viel Geduld und ein gewisses Mass an Ironie sind unabdingbar, um sich auch bei starkem Gegenwind für eine gerechtere Welt einzusetzen.

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