Schweizer Banken im Öl-Schlamassel

Das goldene Jahr der Rohstoffhändler wird für die Schweizer Banken zum annus horribilis. Die Credit Suisse, die UBS sowie die Kantonalbanken Genf und Waadt riskieren durch den Konkurs einer Handelsfirma aus Dubai einen Verlust von insgesamt rund 270 Millionen US-Dollar. Erneut stehen die unzureichenden Compliance-Massnahmen der Banken in der Kritik, während sich die grossen Handelskonzerne allmählich zu Financiers mausern.

2020 war ein segensreiches Jahr für die grossen Rohstoffhandelsfirmen: Während die gesamte Weltwirtschaft im Pandemiejahr stagnierte und die Ölpreise sich dem statistischen Tiefpunkt näherten (oder ihn sogar unterschritten), schöpften die Händler ihre Lagerkapazitäten aus, um zum richtigen Zeitpunkt und zum besten Preis zu verkaufen. Schade, dass die Schweizer Banken, die sie finanzierten, nicht eben so viel Weitsicht an den Tag legten.

Aus einem Gerichtsdokument, in das Public Eye Einsicht hatte, wird deutlich, dass die grössten Schweizer Banken bei der Restrukturierung des Erdölhändlers GP Global aus Dubai und dessen Genfer Tochtergesellschaft GP Global Suisse SA bis zu 273,1 Millionen US-Dollar verlieren könnten.

Auch wenn sich das eigentliche Geschäft rund 6000 Kilometer von Genf entfernt abspielte – ein beachtlicher Teil der Kredite wurde in der Stadt am Genfersee vergeben. Dort befinden sich viele der Finanzinstitute, die zu den 20 exponiertesten Geldgebern gehören, wie aus einer eidesstattlichen Erklärung (Affidavit) von GP Globals «Chief Restructuring Officer» vom 8. Februar 2021 hervorgeht.

Der Konkurs von GP Global hinterlässt eine Lücke von mehr als einer Milliarde Dollar. Die Gläubiger - die grössten Banken der Welt - kämpfen darum, einen Bruchteil ihrer Investitionen zurückzubekommen.

Forderungen auf der Abschussrampe

Ganz oben befinden sich die Credit Suisse und die UBS, mit mehr als der Hälfte der ausstehenden Forderungen. Auch die öffentlich-rechtlichen Kantonalbanken der Kantone Waadt (Rang 5) und Genf (Rang 13) sind exponiert. Die diskrete Genfer Banque de Commerce et de Placements (34,3 Millionen), die nach dem Bankrott des Singapurer Händlers ZenRock mit ausstehenden Forderungen von 19,2 Millionen US-Dollar bereits schlecht positioniert ist, befindet sich ebenfalls auf der Liste. Genauso wie die Schweizer Tochtergesellschaften von internationalen Konzernen wie der russischen Gazprom, der französischen CA Indosuez oder der jordanischen Arab Bank.

Insgesamt geht es um 273,1 Millionen US-Dollar, die «unsecured», wie es im Fachjargon heisst – also ohne jegliche Sicherheit – gewährt wurden.

Die Gläubiger im Ranking machten sich also bei der Kreditvergabe nicht die Mühe, Sicherheiten zu stellen und damit die Ware zu verpfänden, deren Tauschgeschäfte sie finanzierten. Für einen hiesigen «Compliance Officer» ist das unglaublich: «Ich habe GP Global nie vertraut. Sein Ruf lässt zu wünschen übrig, seine geografische Lage ist ungünstig, und es bestehen weiterhin Zweifel an den Geschäften mit iranischem Öl, das mit Sanktionen belegt ist.»

Insider aus dem Bereich Handelsfinanzierung sehen diese Forderungen als Überbleibsel aus einem im Jahr 2018 lancierten Geschäft mit revolvierenden Krediten RCF (Revolving Credit Facility – Kredite, die Kreditnehmer bis zur maximalen Höhe einer Kreditlinie bei Bedarf in Anspruch nehmen können). Unseren Informationen zufolge gab es noch im Februar 2020 Schwierigkeiten, für diese RCF Partnerbanken zu finden. Internen Quellen von GP Global zufolge ist das Vorhaben aber nie zustande gekommen. Vielmehr stünden die Forderungen in Zusammenhang mit «offenen Rechnungen», die mit gefälschten Dokumenten versehen sind – also Warenlieferungen ohne Bankgarantie (Akkreditiv oder Dokumentenakkreditiv), mit der alleinigen Zusicherung, 30 Tage später bezahlt zu werden.

Vor allem widersprechen diese Praktiken dem vorherrschenden Diskurs, «Trade Finance» sei ein sicherer Sektor, da alles durch sogenannte «collaterals» gedeckt sei.

Noch Ende Februar 2020 verwarf der Bundesrat die Idee einer Regulierung in der Schweiz mit der Begründung, die Banken wüssten, was sie tun und würden die Aktivitäten ihrer Kunden, der Händler, «indirekt beaufsichtigen».

Unsere Reaktion Widersprüchlicher Rohstoffbericht: Keine Massnahmen trotz grossem Handlungsbedarf

Zweifelhafter Akteur

Die Risiken solcher Geschäfte sind für den Finanzplatz Schweiz besorgniserregend. Umso mehr, als die 1998 gegründete GP Global, früher bekannt als Golf Petroleum, nicht gerade über einen guten Ruf verfügte. Laut dem Tages-Anzeiger hat der letzte Fehltritt der Credit Suisse in diesem Sektor zu einer internen Untersuchung geführt, die keinerlei Hinweise auf Unregelmässigkeiten bei den an der Vergabe beteiligten Stellen ergeben haben soll.

Auch GP Global legte keine grosse Transparenz an den Tag, als es in finanziellen Schwierigkeiten steckte. Am 20. Juli 2020 gab der Konzern zu, er befinde sich in einer «angespannten Finanzlage», wie viele seiner «überlebenden Branchenkollegen im globalen Handelssektor». Der Konzern macht dafür die sinkenden Rohstoffpreise und den Mangel an «umfassender Unterstützung» vonseiten gewisser Finanzinstitute verantwortlich. «Gerüchte» über seine tatsächliche Finanzlage wies er zurück.

«Value creation for all stakeholders»: Titelseite und S. 47 aus dem «Sustainability Report 2019-2020»

De facto weigerten sich die Geldgeber, ihre Portemonnaies erneut zu öffnen, weil sie spürten, dass mit den Konten von GP Global etwas nicht stimmte.

Betrüger im Pyjama

Zehn Tage später ändert GP Global seine Taktik. In einem Schreiben an Kundinnen und Kunden, das Reuters zugespielt wurde, behauptet der Konzern, einen internen Betrug aufgedeckt zu haben und verspricht, seine abtrünnigen Mitarbeitenden vor Gericht zu bringen. Sie sollen vom Homeoffice profitiert haben, um «mit externen Stellen» gegen den Konzern und dessen Kundinnen und Kunden zu «konspirieren», so ein kurz zuvor von GP Global angeheuerter Anwalt.

Die Schlussfolgerungen des mit der Restrukturierung betrauten Unternehmens sind etwas komplexer. FTI Consulting hat ein ausgeklügeltes Betrugsschema dokumentiert, das innerhalb des Konzerns grassierte, mit zirkulären Transaktionen zur Aufblähung des Umsatzes, Mehrfachfinanzierungen einer selben Ladung und Schiffen, die in letzter Minute Kurs und Käufer wechselten. Die Tageszeitung Le Temps griff dies auf und veröffentlichte Anfang Dezember ein «Handbuch für Betrüger».

Too big to fail

Der Fall GP Global knüpft an die spektakulären Bankrotte der singapurischen Handelsfirmen Hin Leong, ZenRock und Phoenix Commodities im vergangenen Sommer an. In den ersten beiden Fällen brachte der fallende Ölpreis «höchst unlautere Transaktionen» zutage, wie es die Bank HSBC ausdrückte, die Hin Leong anprangerte – basierend auf Öl, das es nicht gibt. Oder welches es zumindest nicht schaffte, sich selbst zu vervielfältigen.

Dazu unser Beitrag Zwischen Singapur und der Schweiz gingen Millionen von Dollar flöten

Diese Fälle haben auch die Unzulänglichkeiten der Banken-Compliance aufgezeigt und einen Vorgeschmack auf den Dominoeffekt gegeben, der beim Fall eines grossen Händlers die gesamte Branche mitreissen könnte. Ein Beweis dafür war Hin Leong: Nachdem die Banken durch eine Reihe von Zahlungsausfällen anderer Ölhändler abgeschreckt worden waren, stürzten sie sich auf das Handelsunternehmen, um die Rückzahlung ihrer Kredite einzufordern. Ihre Befürchtungen wurden schliesslich bestätigt: Hin Leong gab zu, dass er in seiner Bilanz Verluste in der Höhe von 800 Millionen US-Dollar vertuscht hatte.

Den europäischen Banken ABN Amro, BNP Paribas und Rabobank war das zu viel. Die traditionell im Handel aktiven Banken beschlossen, sich ganz aus dem Sektor zurückzuziehen oder zumindest ihre Aktivitäten zurückzufahren, bevor es zu spät war. Doch kann man überhaupt noch auf die grossen Handelskonzerne verzichten, die je länger je mehr zu Financiers werden und Kredite an kleinere Akteure oder Entwicklungsländer vergeben?

Oder, wie eine Kollegin von Global Witness argumentierte: Aufgrund ihrer Grösse, ihrer Verflechtung mit den Finanzmärkten und ihrer zentralen Rolle in den Lieferketten stellen Handelskonzerne bereits ein Systemrisiko dar. Wie war das noch… too big to fail?

Unser thematischer Bericht zur Rohstofffinanzierung: Trade Finance Demystified

«Als ich im Junior-Team spielte, sagte mein Trainer immer: 'Wenn Du das Spiel gewinnen willst, musst Du Deinen Kopf dahin stecken, wohin andere nicht einmal den Fuss setzen würden.' Vielleicht hatte er Recht.»

Adrià Budry Carbó ist Mitglied des Rechercheteams von Public Eye, spezialisiert auf den Rohstoffhandel und dessen Finanzierung. Davor war er Journalist bei der Tageszeitung Le Temps sowie der Tamedia-Gruppe. In einem anderen Leben arbeitete er ebenfalls am Nuevo Diario in Nicaragua.

Kontakt: adria.budrycarbo@publiceye.ch
Twitter: @AdriaBudry

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