Welcome to Switzerland, Mr Moberg!

Lieber Jonas Moberg

Ich hoffe, es ist dir recht, wenn wir uns weiterhin duzen. Ich finde, das sollten wir uns nicht nehmen lassen, nur weil du nun Head of Corporate Affairs bei Trafigura bist. Wir bleiben schliesslich zwei Matrosen an Bord desselben Schiffes, das zielstrebig in die einzig mögliche Richtung navigiert: hin zu mehr Transparenz. Mögen die an Deck scheinenden Sonnenstrahlen noch die hintersten Winkel des undurchsichtigen Rohstoffsektors ausleuchten!

Deine Wahl ist konsequent. Nach deiner Zeit als Direktor der internationalen EITI, die durch Transparenz die branchenimmanente Korruption bekämpfen will, bist du nun das Sprachrohr einer veritablen Transparenz-Pionierin: Deine neuen Arbeitgeber haben nämlich entschieden, bestimmte Zahlungen an die Regierungen jener Länder, aus denen sie ihr Rohöl beziehen, offen zu legen. Natürlich ohne zu vergessen, diesen Schritt auch bei jeder Gelegenheit besonders zu betonen.

Le siège de Trafigura surplombe la rue Jargonnant, à Genève. © Meinrad Schade

Nun sitzt du also in Genf, in einem Büro an der Rue de Jargonnant das über den Glasfassaden der schmucken Geschäfte thront. Auf dem Flur triffst du auf Trader, die lukrative Deals abschliessen in Ländern mit schwacher bis inexistenter Rechtsstaatlichkeit. Falls dir mal langweilig werden sollte: Lege eine Weltkarte mit den Trafigura-Aktivitäten über eine mit dem Korruptionswahrnehmungs-Index. Sehr aufschlussreich!

Mit etwas Glück kommst du an der Kaffeemaschine vielleicht auch mal mit General Dino ins Gespräch, dem famosen Berater des angolanischen Ex-Präsidenten dos Santos. Dieser hatte es Trafigura ermöglicht, Angola fünf Jahre lang konkurrenzfrei mit Treibstoffen zu beliefern. Bitte achte darauf, Dino gemäss des firmeninternen Wordings stets als "Investor" (und ja nicht etwa als Verwandten des angolanischen Potentaten) anzusprechen. Denn Dino sollte man nicht verärgern. Schliesslich hat der die Verwaltung seiner Unternehmen damals dem Trafigura-Manager Mariano Marcondes Ferraz anvertraut – was diesem wiederum einen rasanten Aufstieg bis in die Geschäftsleitung deines neuen Arbeitgebers bescherte.

Ferraz war übrigens auch für Brasilien zuständig – zumindest bis zu seiner Verhaftung im Oktober 2016. Letzten März wurde er wegen Korruption verurteilt. Zum Glück habt ihr gegenüber den Medien umgehend klargestellt, dass seine Schwierigkeiten mit der Justiz rein gar nichts mit seiner Tätigkeit für Trafigura zu tun hatte.

© Geraldo Bubniak/Agencia

Dank eben diesem Ferraz hatten wir beide zum ersten Mal wieder miteinander zu tun, und zwar im Vorfeld einer letzten November veröffentlichten Recherche. Es ging um Verträge zwischen Trafigura und dem halbstaatlichen brasilianischen Konzern Petrobras. Ich muss sagen: Du hast die Gepflogenheiten deines neuen Umfelds wirklich rasch verinnerlicht. Als Antwort auf unsere 22 präzisen Fragen kam von dir nur eine sehr kurze und sehr allgemeine Erklärung. In dieser Hinsicht bist du ein Garant für Kontinuität, ist Trafigura doch seit jeher der unbestrittene Champion des "no comment" – all jener Hochglanzbroschüren zum Trotz, die eure Transparenz und soziale Verantwortung hervorstreichen.

Immerhin hast du dir die Zeit genommen, mir nochmals zu erklären, dass die Korruptionszahlungen von Ferraz nichts, aber auch gar nichts mit deinem Arbeitgeber zu tun habe. Das Timing dafür war allerdings etwas unglücklich: Im Dezember wurde nämlich bekannt, dass die brasilianische Justiz Ferraz verdächtigt, auch für Trafigura Bestechungsgelder bezahlt zu haben. Schlimmer noch: Ferraz handelte anscheinend mit Einverständnis des mittlerweile verstorbenen Big Boss Claude Dauphin und eurer derzeitigen Nummer drei, Mike Wainwright. Die Mär der "unbeteiligten Trafigura" ist nach zwei Jahren also Geschichte.

Hoffentlich waren die ausgestellten Haftbefehle und angeordneten Durchsuchungen deiner Besinnlichkeit während der Festtage nicht abträglich. Oder haben dich gar einen Moment an der neuen Richtung, die du deiner Karriere verpasst hast, zweifeln lassen.

Andreas Missbach (Public Eye, à gauche) remet symboliquement un bidon d'air pollué du Ghana au porte-parole de Trafigura Andrew Gowers (à droite). Novembre 2016, Genève. © Mark Henley

Dein Vorgänger Andrew Gowers hatte eine Lieblingsmetapher, wenn es darum ging, den Wert der Transparenz  zu betonen: "Sunlight is the best disinfectant". Mit diesen Worten plagiierte er einen Vertreter der amerikanischen Finanzaufsichtsbehörde (der seinerseits einen Richter des Obersten Gerichtshofs zitiert hatte, welcher sich wiederum bei einem englischen Botschafter hatte inspirieren lassen). Übersetzt heisst dieser Spruch schlicht: Der Rohstoffsektor ist verseucht. Aber ich bin sicher, dass du als ehemaliger Diplomat deinen eigenen, angemessenen Ton finden wirst, um Trafiguras hehre Absichten zu vermarkten.

Dein bis anhin beispielhafter Werdegang steht in ziemlichen Kontrast zu jenem deines Vorgängers. Gowers Aufgabe war es– als Journalist – lange gewesen, die Wahrheit zu suchen, und danach, Journalisten und andere Leute glauben zu machen, er wisse und sage die Wahrheit. Sein Seitenwechsel lief freilich nicht reibungslos: 2006 kam er zu Lehman Brothers, drei Tage vor dem Kollaps der US-Investmentbank trat er zurück. 2009 heuerte er bei BP an, nur um kurz darauf von der Ölwelle im Golf von Mexiko über Bord gespült zu werden.

Bei Trafigura lief es dann besser. Denn als er kam, war die Katastrophe ja schon vorüber, wie er Claude Dauphin damals bei der Rekrutierung sagte. Ein verschmitzter Hinweis auf die Probo Koala, ein 2006 von Trafigura gechartertes Schiff, dessen 528 Tonnen Giftmüll in den Strassen der ivorischen Hauptstadt Abidjan entsorgt worden waren. Die Folge: 17 Tote und fast 43‘000 Vergiftungen. Auch fast dreizehn Jahre später ignoriert Trafigura weiter seine Verantwortung dafür und gibt einem lokalen Subunternehmer die Schuld. Falls du also wert auf Faktentreue legst, zögere bitte nicht, die entsprechenden Beiträge auf eurer Website entsprechend zu aktualisieren.

Worum es wohl bei unserem nächsten freundschaftlichen Austausch gehen wird, Jonas? Ein Blick auf deine Weltkarten könnte dir einen Hinweis geben. Ich bin mir sicher: An Themen mangeln wird es uns nicht.

Keep in touch,

Marc

«Fakten, nichts als Fakten. Hier schreibe ich – mal sarkastisch, mal nicht ganz ernst gemeint – was mir der Anstand anderswo verbietet. Dafür möchte ich mich schon im Voraus entschuldigen.»

Marc Guéniat recherchiert seit 2013 für Public Eye in den trüben Gewässern des Rohstoffhandels. Ursprünglich Wirtschaftshistoriker, arbeitete er als Journalist bei der Tribune de Genève und schrieb regelmässig auch für le Monde, le Courrier und Bilan.

Kontakt: marc.gueniat@publiceye.ch 
Auf Twitter kommentieren: #PublicEyeStandpunkte