Die Schweiz als Zentrum des globalen Agrarrohstoffhandels

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Die Ursprünge des Rohstoffhandels in der Schweiz reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück und alles begann mit landwirtschaftlichen Produkten. Obwohl die meisten der ursprünglichen Handelshäuser inzwischen verschwunden sind, hat sich die Schweiz zu einem weltweit bedeutenden Handelsplatz entwickelt. Da Rohstoffhändler hier mit offenen Armen empfangen werden, ist es nicht verwunderlich, dass die meisten wichtigen Agrarrohstoffhändler über bedeutende Niederlassungen in der Schweiz verfügen.

Der Rohstoffhandel in der Schweiz hat eine lange Geschichte, wie es das Buch Rohstoff, das gefährlichste Geschäft der Schweiz“ (2012) von Public Eye dokumentiert. Im Jahr 1851 gründeten die Gebrüder Volkart in Winterthur eine Handelsgesellschaft, die hauptsächlich mit Baumwolle aus Indien handelte. Um die Jahrhundertwende war Volkart zu einem der grössten Händler für indische Baumwolle und einem der grössten Kaffeehändler der Welt aufgestiegen. In der Westschweiz entwickelte sich André & Cie, ein 1877 gegründetes Unternehmen mit Sitz in Lausanne, schnell zu einem der weltweit führenden Getreidehändler. Das dritte historisch bedeutende Handelsunternehmen war die Basler Missionsgesellschaft mit ihrer auf den Kakaohandel spezialisierten United Trading Company, die sich bald zu einem der führenden Kakaohändler weltweit entwickelte.

Es waren jedoch nicht diese traditionellen Schweizer Handelshäuser, die das Land zur globalen Handelsdrehscheibe gemacht haben, die es heute ist. Die meisten traditionellen Unternehmen sind vor der Konkurrenz untergegangen. Lediglich Volkart existiert noch teilweise: zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Unternehmen von der Familie Reinhart übernommen. Die Paul Reinhart AG (Reinhart) ist im Baumwollhandel tätig und verkaufte 1989 ihre Kaffeeabteilung. Die ehemalige Kaffeehandelsniederlassung von Volkart - Volcafé - hat heute noch ihren Hauptsitz in der Schweiz, befindet sich aber im Besitz des britischen Handelshauses ED&F Man Holdings.

In den 1950er Jahren begannen sich internationale Unternehmen am Genfersee und in der Zentralschweiz niederzulassen. Massgeschneiderte Steuervergünstigungen motivierten Cargill 1956, seinen europäischen Sitz in Genf anzusiedeln. Die Steuerbehörden stimmten einer Pauschalzahlung von 50'000 Franken pro Jahr zu, mit der Möglichkeit, das Abkommen neu zu verhandeln, wenn sich die Aktivitäten weiterentwickeln sollten. Und sie haben sich in der Tat weiterentwickelt: Inzwischen ist Cargill zum grössten Agrarrohstoffhändler der Welt avanciert. Ebenfalls 1956 siedelte sich in Zug das Unternehmen Philipp Brothers an, damals das bedeutendste Handelsunternehmen für Erze und Metalle.

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Niedrige Steuern und begrenzte Regulierung

Das schweizerische Steuersystem war für Handelsunternehmen schon immer äusserst attraktiv. Aber es war nicht der einzige Grund warum sich Unternehmen hier niederliessen: Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Schweiz eines der wenigen Länder, in denen die Ein- und Ausfuhr von Kapital keinen Beschränkungen und keinen staatlichen Kontrollen unterlag. Die Präsenz wichtiger Dienstleister war für viele Unternehmen ein weiterer entscheidender Faktor für die Ansiedlung im Land. Banken, spezialisierte Versicherungen, Inspektionsfirmen sowie Logistik- und Güterverkehrsunternehmen standen ihnen zur Verfügung. Zahlreiche Unternehmen belieferten zudem die schnell wachsende Fertigungsindustrie, allen voran das Lebensmittelunternehmen Nestlé mit Sitz in Vevey sowie verschiedene andere Schokoladehersteller.

Dazu kommt die Tatsache, dass die Schweiz bis 2002 nicht Mitglied der Vereinten Nationen (UNO) war. Dies bot den in der Schweiz ansässigen Händlern vor diesem Zeitpunkt lukrative Geschäftsmöglichkeiten. So konnte André & Cie. beispielsweise das UNO-Handelsembargo gegen das ehemalige Rhodesien (heute Simbabwe) oder den Getreideboykott der US-Regierung gegen die Sowjetunion umgehen. Marc Rich, ein Trader bei Philipp Brothers und Gründer des Schweizer Handelsunternehmens Marc Rich &Co. (später umbenannt in Glencore) gab seinem Biographen gegenüber zu, dass er seine "wichtigsten und profitabelsten" Geschäfte gemacht hatte, indem er internationale Embargos durchbrach, wie beispielsweise mit dem Apartheidstaat Südafrika. Er handelte auch mit Kuba, Angola und Nicaragua, als diese Länder einem Embargo ausgesetzt waren. Rich wurde später von einem bundesstaatlichen Geschworenengericht in den Vereinigten Staaten wegen Steuerhinterziehung sowie wegen Ölhandels mit dem Iran während der Geiselkrise angeklagt.

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Auch heute noch werden Händler in der Schweiz mit offenen Armen empfangen. So unterzeichnete der Kanton Genf im Mai 2017 ein „Memorandum of Understanding“ mit COFCO International, dem internationalen Handelszweig des chinesischen öffentlichen Konglomerats „China National Cereals, Oils and Foodstuffs Corporation“ (COFCO Group). Unterzeichnet vom Staatsrat Pierre Maudet in Anwesenheit der damaligen Bundespräsidentin Doris Leuthard, gewährt das Abkommen COFCO International die volle Unterstützung des Kantons für die Expansion seiner Geschäftstätigkeiten. Der Kanton verpflichtet sich ebenfalls, dem Unternehmen ein wirtschaftsfreundliches Geschäftsumfeld zu bieten.