Trends und Entwicklungen im globalen Agro-Food-Sektor

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Bevölkerungswachstum, steigende Einkommen und Urbanisierung treiben die Nachfrage nach Lebensmitteln in die Höhe. Damit wurde ein struktureller Wandel des globalen Agrar- und Ernährungssystems in Gang gesetzt, der durch den technologischen Fortschritt weiter verstärkt und durch eine auf Freihandel ausgerichtete Wirtschaftspolitik sowie ein exportorientiertes Entwicklungsmodell noch verstärkt wird. Die wachsende Nachfrage nach Fleisch und Treibstoffen hat zu einer Steigerung der Produktion von Soja und Mais sowie zu einem Ausbau der Anbauflächen geführt.
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Die wichtigsten landwirtschaftlichen Produktionsländer sind China, Indien, Brasilien und die USA. Für bestimmte Rohstoffe dominieren jedoch andere Länder und Regionen das Bild. Der Grossteil des Kakaos wird beispielsweise in den westafrikanischen Ländern Côte d‘Ivoire und Ghana produziert, während Ölpalmen überwiegend in Indonesien und Malaysia angebaut werden. Gemessen an der Gesamtanbaufläche (jeweils zwischen 120 und 220 Millionen Hektaren) sind Weizen, Mais, Reis und Soja die mit Abstand wichtigsten landwirtschaftlichen Nutzpflanzen. Die dominante Rolle von Mais und Soja erklärt sich auch aus ihrem "vielfältigen und austauschbaren Nutzung entweder als Lebensmittel, Futtermittel, Kraftstoff oder Industriematerial". Für solche Rohstoffe mit flexibler Nutzung, wie auch für Zuckerrohr und Palmöl, wurde der Begriff "Flex Crops" geprägt.

Da viele Agrarrohstoffe in den Anbauländern selbst verbraucht werden, macht der international gehandelte Anteil der wichtigsten Agrargüter nur einen Bruchteil ihrer globalen Produktion aus; oft weniger als 50%. In den letzten zwei Jahrzehnten blieben diese Handelsanteile bei den wichtigsten Agrargütern konstant, mit Ausnahme von Soja, dessen international gehandelter Anteil nach Angaben der OECD um 20% gestiegen ist.

Lesebeispiel: Während über drei Viertel des global angebauten Kaffees in den internationalen Handel kommt, ist es beim Reis gerade mal ein Zwanzigstel. Quellen: FAOSTAT, ausser für Zucker und Baumwolle (OECD STAT), Palmöl (USDA-FAS) und Orangensaft (USDA-FAS)

Die wichtigsten Agrarrohstoffe, die weltweit gehandelt werden, sind (in abnehmender Reihenfolge): Soja, Weizen, Palmöl, Mais, Reis, Kaffee, Zucker, Tabak, Baumwolle, Bananen, Kakao, Tee und Orangensaft. Im Jahr 2018 stammten 85% der Soja-Exporte aus den USA und Brasilien, während China allein 60% aller Exporte aufkaufte. Ebenso wurden über 80% des Palmöls von nur zwei Ländern, Indonesien und Malaysia, exportiert, wobei Indien und China fast 30% der Gesamtmenge importierten. Nach Berechnungen der Trade Map-Datenbank ist der Handel von Mais, Kakao, Baumwolle, Reis, Kaffee und Tee ebenfalls hochkonzentriert, wobei die Hälfte bis zwei Drittel aller weltweiten Exporte dieser Rohstoffe aus jeweils drei Ländern stammen.

Quellen: Berechnet auf Datenbasis von ITC Trade Map

So funktioniert der Handel mit Agrarrohstoffen

Der Handel mit Agrarrohstoffen findet in verschiedenen Marktformen statt. Auf den Derivatemärkten werden Rechte und Verpflichtungen für den zukünftigen Handel mit einer Ware ausgetauscht. An den Spotmärkten werden materielle Güter direkt gehandelt. In den USA befinden sich die weltweit grössten Handelsplätze für Agrarrohstoffe. Die Haupt-Rohstoffhandelsbörsen in Europa befinden sich in Amsterdam, London, Paris und Frankfurt. Zunehmend finden sich auch in den aufstrebenden Märkten und Schwellenländern wichtige Handelsplätze.

Derivatemärkte bieten den Händlern physischer Rohstoffe eine Preisfindungsfunktion, da die Preise an den Terminmärkten als Benchmark für Spotgeschäfte verwendet werden. Darüber hinaus können Spotmarktteilnehmer die Derivatemärkte nutzen, um sich gegen das Risiko von Preisschwankungen abzusichern. Rohstoffderivate werden ebenfalls ausssserbörslich gehandelt, wobei zwei Parteien Derivate zu individuellen Konditionen handeln.

Finanzinvestoren wie Banken, Pensionsfonds und Hedgefonds sind zunehmend in Derivatemärkten aktiv geworden. Sie interessieren sich jedoch nicht für die physischen Güter, sondern investieren lediglich in Rohstoffe als Anlage. In der Finanzwelt wird dieser starke Aufstieg der Finanzakteure, die nicht vorhaben, physische Rohstoffe zu kaufen, als "Finanzialisierung" der Rohstoffmärkte bezeichnet.

An den Rohstoff-Spotmärkten wechseln physische Waren zeitgleich mit Vertragsabschluss den Eigentümer, d.h. die Waren werden sofort oder mit kurzer Verzögerung geliefert. Da Rohstoffe voluminös und kostspielig zu transportieren sind, sind Spotmarktgeschäfte in der Regel geografisch verstreut. Es handelt sich oft um vertragliche Vereinbarungen zwischen zwei Akteuren, die miteinander Handel treiben, einschliesslich Produzenten, Verbraucher und Händler von physischen Agrarrohstoffen.

Source: Staritz, C., B. Tröster and K. Küblböck (2015). Commodity Prices, Financial Markets and Development.

Bezogen auf die globale Produktion ist der Anteil der landwirtschaftlichen Wertschöpfung am weltweiten Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgegangen. Die Bedeutung des Agrarsektors ist jedoch auf nationaler Ebene sehr unterschiedlich. Während die Landwirtschaft in den wirtschaftlich schwächsten Ländern noch durchschnittlich über 20% des BIP ausmacht, liegt dieser Wert laut Weltbank in den Ländern mit hohem Einkommen eher bei 1%.

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Eine ähnliche Entwicklung ist im Bereich der Beschäftigung zu beobachten. In Ländern mit niedrigem Einkommen arbeiten im Durchschnitt noch zwei von drei Erwerbstätigen in der Landwirtschaft, gegenüber drei von hundert in Ländern mit hohem Einkommen. Dementsprechend rechnet die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) damit, dass

die überwiegende Mehrheit der weltweit fast 900 Millionen Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten, in Ländern mit niedrigem Einkommen lebt.