Congo Hold-Up Das Sparschwein des Kabila-Clans

In der Demokratischen Republik Kongo schöpft eine von Joseph Kabilas Clan kontrollierte Bank seit Jahren die Ressourcen des Landes ab und bereichert die engsten Vertrauten des ehemaligen Staatschefs. Als Teil eines Konsortiums internationaler Medien und NGOs erhielt Public Eye Zugang zu mehr als 3,5 Millionen Dokumenten, die die Korruptionsmechanismen rund um die kongolesische Tochtergesellschaft der BGFIBank aus Gabun, die von 2011 bis 2018 von Kabilas Adoptivbruder geleitet wurde, ausführlich darlegen. «Congo Hold-Up», das grösste Datenleck des afrikanischen Kontinents, legt auch die Rolle der Schweizer Finanzintermediäre und die Compliance-Versäumnisse der Banken – darunter der UBS – in dubiosen Finanz- und Immobiliengeschäften offen, mit denen Kongos Schätze veruntreut wurden.

Das Garagentor ist verrostet, wie so viele in der Millionenstadt Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. Die Besitzer haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, ihren Firmennamen oder ein Logo an den Mauern der Avenue Tombalbaye 43 anzubringen. Doch die Wächter zögern keine Sekunde: «Hier sind wir bei Kabila». Trotz fehlendem Messingschild: Von dieser Adresse aus geschäftet Sud Oil, ebenso wie weitere Unternehmen, die der Clan des kongolesischen Ex-Präsidenten kontrolliert.

Keine Angestellten, keine Steuernummer, keine Mehrwertsteuernummer: Sud Oil weist typische Merkmale einer Briefkastenfirma auf. Offiziell im Immobiliensektor tätig, hantiert sie mit riesigen Geldsummen und führt mysteriöse, kaum dokumentierte internationale Transaktionen durch, namentlich über Schweizer Banken. Via Sud Oil veruntreute die Familie von Joseph Kabila öffentliche Gelder in Millionenhöhe. Dies enthüllt «Congo Hold-Up», das bisher grösste Datenleck des afrikanischen Kontinents: Es umfasst über 3,5 Millionen interne Dokumente der kongolesischen BGFIBank RDC, einer Tochter der gabunischen BGFIBank, und Millionen von Transaktionen, die einen Zeitraum von rund zehn Jahren betreffen.

Ermittelt wurden diese Daten von der NGO PPLAAF, einer Plattform zum Schutz von Whistleblower*innen in Afrika, und dem französischen Onlineportal Mediapart; diese gaben sie weiter an das Recherchenetzwerk EIC (European Investigative Collaborations) sowie an Medien- und NGO-Partner, darunter Public Eye. Die einmalige Allianz hat sechs Monate lang recherchiert. Im Rahmen einer Artikelreihe mit der Überschrift «Congo Hold-Up» werden wir in den nächsten drei Wochen die korrupten Praktiken einer kongolesischen Elite aufdecken, die mit Hilfe von Bankern und Geschäftspartnern im Ausland – insbesondere in der Schweiz – agiert. Knotenpunkt und zugleich Sparschwein des Kabila-Clans ist die kongolesische BGFIBank RDC. Ihre üblen Geschäftspraktiken haben die Ausplünderung der Demokratischen Republik Kongo über viele Jahre hinweg begünstigt.

© De Standaard
Der Sitz der BGFIBank in Kinshasa.

Bei dieser Bank befanden sich die Konten von Sud Oil. Unsere Recherchen haben ergeben, dass die Briefkastenfirma de facto von Francis Selemani kontrolliert wurde – Joseph Kabilas Adoptivbruder und von 2011 bis 2018 Direktor der BGFIBank RDC. Über Sud Oil haben der Banker, seine Frau sowie Kabilas Gattin Millionen von US-Dollar veruntreut. Die vom Konsortium untersuchten Transaktionen belegen, dass die abgeschöpften öffentlichen Gelder direkt in ihre Taschen flossen.

Die erste dubiose Transaktion von Sud Oil ging in die Schweiz, genauer gesagt auf ein Bankkonto bei der UBS in Genf. Ende 2013 wurden darauf im Rahmen einer Immobilientransaktion 12 Millionen US-Dollar von, gelinde gesagt, problematischer Herkunft überwiesen. Mit diesem Geld konnte die Briefkastenfirma der Kabilas mithilfe der BGFIBank sowie eines komplexen und regelwidrigen Kreditmechanismus das Gebäude an der Avenue Tombalbaye 43 erwerben. Heute dienen ihr die Räumlichkeiten offiziell als Büro. Darauf kommen wir später zurück.

Das Sparschwein des Kabila-Clans

Die BGFIBank RDC hat die Aufmerksamkeit der Presse bereits mehrfach erregt. Im Herbst 2016 enthüllte einer ihrer leitenden Angestellten, Jean-Jacques Lumumba, Grossneffe des kongolesischen Unabhängigkeitshelden Patrice Lumumba, wie die Filiale zu einer Art Hausbank des Kabila-Clans geworden war. Nach dem gescheiterten Versuch, seinen Vorgesetzten zu alarmieren, musste Jean-Jacques Lumumba aus Angst um sein Leben im Juni aus dem Kongo fliehen. Einige Monate später veröffentlichte die belgische Zeitung «Le Soir» seine nunmehr als Lumumba Papers bekannten Enthüllungen.

Finanzakrobatik, von der kongolesischen Zentralbank gewährte und nie zurückgezahlte Kredite, Geldwäscherei, Etikettenschwindel, rückdatierte Transaktionen: Aus den von uns eingesehenen Dokumenten geht hervor, wie die BGFI den Kabila Clan unglaublich einfallsreich dabei unterstützte, sich zu bereichern. Selbst der Leiter der kongolesischen Generalinspektion für Finanzen (IGF), Jules Alingete, bezeichnete die BGFI in einem Interview mit unseren Partnern Mediapart und Radio France Internationale als «mafiöse Bank».

Im Schatten dieser aussergewöhnlichen Bank konnte das Kabila-Imperium also florieren. Seit der Eröffnung der BGFIBank RDC im Jahr 2010 hält Gloria Mteyu, die jüngere Schwester des damaligen Präsidenten Kabila, einen Anteil von 40%. Ein Jahr später kam ein weiterer naher Angehöriger hinzu: der bereits erwähnte Francis Selemani, der einige Monate später vom Verwaltungsrat an die Spitze der Bank gewählt wurde. Nach dem Tod seiner Eltern im tansanischen Exil war er von der Familie Kabila adoptiert worden, als diese 1997 unter dem Patriarchen Laurent-Désiré in das Land zurückkehrte. Francis Selemani studierte und begann seine Bankkarriere in den USA. Gemäss seinem Lebenslauf arbeitete er von 2007 bis 2009 auch bei der Compagnie Benjamin de Rothschild, zunächst in Genf und dann als deren Vertreter im Kongo. Anschliessend wurde Joseph Kabilas Adoptivbruder Direktor der noch jungen BGFIBank RDC, für die er diverse gute Dienste leistete, insbesondere, indem er die zwielichtigen Bankgeschäfte zahlreicher von der Familie Kabila kontrollierter Firmen förderte, ja sogar forcierte.

In den Fängen eines Clans

Die Demokratische Republik Kongo ist ein Paradebeispiel für den Rohstoff-Fluch. Das Land ist reich an Rohstoffen: Gold und Erdöl sind ebenso im Überfluss vorhanden wie Mineralien wie Kobalt, Lithium und Coltan, die für die Batterien von Elektroautos und Smartphones benötigt werden. Doch die meisten Kongolesinnen und Kongolesen haben nichts von diesem Segen. Fast drei Viertel der Bevölkerung lebt von weniger als 2 US-Dollar pro Tag. Zudem liegt das Land auf dem Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International auf dem wenig ruhmreichen Platz 170 von 180.

Joseph Kabila ist seit Dezember 2019 nicht mehr an der Macht, doch sein Schatten liegt noch immer über dem Kongo. Alle politischen Akteure sind gezwungen, sich in Bezug auf den Mann zu positionieren, der das Land achtzehn Jahre lang regierte. Und auch wenn man im Kongo Geschäfte machen will, geht das nicht ohne die Kabilas. Sie haben ein Netz gewoben, das sich in alle Richtungen ausdehnt.

In einer Recherche von 2016 identifizierte das Wirtschaftsnewsportal Bloomberg ein Netzwerk von mindestens 70 Unternehmen im Besitz der Familie. Vom Bergbau über Immobilien bis hin zu Banken und Hotels: Die Kabilas sind in allen Wirtschaftszweigen des Landes mit etwa 100 Millionen Einwohner*innen vertreten. Die NGO Congo Research Group schätzt zum Beispiel dass Joseph Kabila direkt oder über seine Kinder mehr als 71’000 Hektar Agrarland besitzt.

Die Kabilas haben sehr früh erkannt, dass es in ihrem Interesse liegt, ein oder mehrere Bankinstitute unter ihre Kontrolle zu bringen und so das kongolesische Finanzsystem zu durchdringen. Im Zentrum dieser Strategie befindet sich Kwanza Capital. Die Finanzgesellschaft, eine Tochter von Sud Oil, hat ihren Sitz ebenfalls an der Avenue Tombalbaye 43. Nach Angaben der US-amerikanischen Investigativ-NGO The Sentry wollte der Kabila-Klan Kwanza nutzen, um eine eigene Bank zu gründen, die Alliance Bank, die mehr als ein Viertel des kongolesischen Finanzsektors, nämlich rund 5 Milliarden US-Dollar, hätte für sich beanspruchen können. Das Projekt ist gescheitert. Aber Sud Oil ist immer noch aktiv… auch wenn es in der Avenue Tombalbaye nicht den Anschein hat.

© Public Eye/opak.cc

Veruntreuung in Millionenhöhe

Die Recherchen des Konsortiums, die sich auf Bankunterlagen der BGFIBank RDC stützen, zeigen, dass Sud Oil und ihre Tochtergesellschaften wie Kwanza Capital zwischen 2013 und 2018 aus der kongolesischen Staatskasse 94 Millionen US-Dollar erhielten. Die öffentlichen Gelder stammten von kongolesischen Institutionen, darunter – in absteigender Reihenfolge – die kongolesische Zentralbank (mehr als die Hälfte der Gelder), die staatliche Bergbaugesellschaft Gécamines, der nationale Fonds für Strasseninstandhaltung (Foner), die ständige Mission der DR Kongo, die Handelsgesellschaft für Transport und Häfen (SCTP), die Wahlkommission Ceni und die Nationalversammlung.

Das Konglomerat um Sud Oil scheint wie ein riesiger Geldautomat zu funktionieren. Insgesamt wurden bei der BGFIBank RDC 80,7 Millionen US-Dollar in bar von den Konten der verschiedenen Sud-Oil-Unternehmen abgehoben. Der Spitzenreiter dieses bizarren Rankings ist der Tansanier David Ezequiel, Direktor von Sud Oil von 2013 bis (mindestens) 2018: Ganze 52,9 Millionen US-Dollar liess er sich auszahlen. Es folgen Überweisungen, ebenfalls in Millionenhöhe, an den Direktor der BGFIBank RDC höchstpersönlich sowie ihm nahestehende Personen. Die Gelder flossen über deren eigene Bankkonten oder die Konten der von ihnen kontrollierten Unternehmen. Auch Pascal Kinduelo, Gründer und Direktor von Sud Oil vor Ezequiel, profitierte.

Sud Oil gelangte sogar an 6,8 Millionen US-Dollar, die von Vereinten Nationen überwiesen worden waren, um die an der Friedensmission in der Zentralafrikanischen Republik beteiligten kongolesischen Friedenstruppen zu entlöhnen, wie die Recherchen unserer Kolleginnen von Mediapart ergeben haben.

Mit 26 Jahren Grossaktionärin einer Bank

Die 2009 gegründete Sud Oil hat eigentlich zwei Leben. Das erste beginnt mit ihrem Gründer Pascal Kinduelo, einem den Kabilas nahestehenden kongolesischen Geschäftsmann und von 2015 bis 2018 Verwaltungsratsvorsitzender der BGFIBank RDC. Anfänglich ist die Firma auf die Erschliessung und Förderung von Erdöl sowie auf den Vertrieb von Treibstoffen über ihr Tankstellennetz spezialisiert. Sud Oil sagt von sich, sie habe «ausgezeichnete Geschäftsbeziehung[en] mit den auf dem europäischen und afrikanischen Markt führenden Lieferanten wie Glencore, Trafigura, Orion Oil und AD[D]AX» aufgebaut. So steht es im Kundenblatt der BGFI, die sich mit ihren Verträgen mit den grossen Handelshäusern brüstet. Wir konnten der Spur von 15 Zahlungen folgen, die 2011 an den Zuger Konzern Glencore getätigt worden sind. Sie belaufen sich auf 1,16 Millionen US-Dollar, was auf eine solide Tätigkeit im Ölgeschäft hindeutet. Doch 2012 verkauft Sud Oil seinen Ölvertriebszweig an das kongolesische Unternehmen Cobil, um sich auf die Verwaltung und den Erwerb von Immobilien zu konzentrieren.

Damit beginnt Sud Oils zweites Leben. Nach monatelanger Inaktivität konstituiert sich die Firma diskret neu und fällt in die Hände von zwei Frauen aus dem Kabila-Clan: Die neuen Aktionärinnen sind die Schwester des ehemaligen Präsidenten, Gloria Mteyu (die damals 40% der Aktien der BGFI RDC hält), und seine Schwägerin Aneth Lutale, die Ehefrau von BGFI-RDC-Direktor Francis Selemani. Wie aus dem Protokoll der ausserordentlichen Generalversammlung von Sud Oil vom 4. Oktober 2013 hervorgeht, das Public Eye einsehen konnte, hält erstere nun 20% und letztere 80% des Kapitals von Sud Oil.

© PPLAAF/Mediapart

Beide spielen die Rolle der Strohfrau perfekt… schliesslich hat Gloria Mteyu, als sie mit 26 Jahren urplötzlich zur Grossaktionärin der BGFIBank RDC wird, immerhin die Organisation der Kinshasa Fashion Week auf ihrem Lebenslauf stehen. Ein Umstand, welcher der maltesischen FIMBank, die im Auftrag der BGFIBank RDC internationale Devisentransfers durchführt, nicht behagt. Sie möchte wissen, woher das Vermögen der Modefachfrau stammt. Auf kongolesischer Seite sorgen diese Fragen für gewisse Aufregung. Der stellvertretende Generaldirektor der BGFIBank RDC, Abdel Kader Diop, fordert die Compliance-Abteilung auf, eine Lösung zu finden. Dabei lässt sich ein Compliance-Mitarbeiter zur untenstehenden Aussage verleiten, die wir einsehen konnten. Sie zeigt, dass es die kongolesische Bank mit der Wahrheit nicht immer ganz so genau nimmt:

«Besten Dank für Ihre Mail. Ich schlage vor, ein paar persönliche Nachforschungen anzustellen, damit unsere Antwort nicht im Widerspruch zu den verfügbaren Informationen steht, zum Beispiel im Internet. In diesem Zusammenhang bin ich auf einen Artikel der Alliance France Presse (AFP) gestossen, der einen Teil des Interviews mit der Aktionärin wiedergibt: Sie wird als Stylistin beschrieben, weshalb sie eine "Fashion week" in Kinshasa organisiert. Meine Herangehensweise ist es, die gleiche Logik wie in unserer bisherigen Kommunikation beizubehalten und sie als Managerin des Unternehmens zu bezeichnen.»

«Ich bin kürzlich in den Kongo zurückgekehrt... nicht nur für die Kinshasa Fashion Week, sondern auch um einen Beitrag zur Entwicklung meines Landes zu leisten, was meiner Meinung nach auch zur Entwicklung Afrikas beiträgt... der Zukunft der Welt.» sagte die Schwester des Ex-Präsidenten Kabila im Interview.

Die Verlegenheit ist nachvollziehbar. Wie die Recherchen von «Congo Hold-Up» zeigen, hat Gloria Mteyu im schützenden Schatten ihres mächtigen Bruders ihren 40%igen Aktienanteil nie bezahlt, bis er 2018 zurück an die BGFIBank geht.

Das Geld aus dem Kongo landet in der Schweiz

Die ersten Spuren von Sud Oils neuen Tätigkeiten führen in die Schweiz. Das erste Geschäft ist der Erwerb der Avenue Tombalbaye 43 für 12 Millionen US-Dollar. Die Recherchen von «Congo Hold-Up» offenbaren: Um die Immobilie zu kaufen, hat Sud Oil mehrere Millionen an den belgischen Geschäftsmann Philippe de Moerloose überwiesen, und zwar auf dessen Privatkonto bei der UBS in Genf. Das Geld für den Kauf stammte aus der kongolesischen Staatskasse, und es gelangte offenbar problemlos in die Schweiz.

Das war aber nur möglich, weil die Compliance-Abteilung der UBS nicht genau hinschaute: Denn bereits im November 2013 verpflichtete das Geldwäschereigesetz Finanzintermediäre dazu, den wirtschaftlichen Hintergrund und den Zweck einer Transaktion oder Geschäftsbeziehung zu klären.

© PPLAAF/Mediapart

De Moerloose gehört in der DR Kongo zum engsten Kreis von Joseph Kabila, der ihn 2006 zu seiner Hochzeit einlädt. Die Karriere dieses belgischen Unternehmers, der 1967 in Belgien geboren wurde, ist untrennbar mit seiner Kindheit verbunden, die er in Katanga (Ostkongo) an der Seite eines Vaters verbrachte, der als Buchhalter für einen Textilkonzern tätig war. Bevor Philippe de Moerloose nach Belgien zurückkehrte, um dort Management zu studieren, lernte er Swahili und knüpfte Kontakte, die ihm in seinem Berufsleben wahrscheinlich von Nutzen sein werden.

Philippe de Moerloose räumt «höfliche berufliche Beziehungen zu Präsident Kabila und seiner Frau» ein, die er seit dessen Amtsantritt im Jahr 2001 mehrmals getroffen habe. Er wendet sich jedoch «kategorisch gegen alle Behauptungen über persönliche Verbindungen zu ihnen, illegitime Einflussnahme und jede andere Form von ungesunden Praktiken». Joseph Kabila und Philippe de Moerloose verkehren miteinander, auch wenn der Belgier diese Beziehung stets heruntergespielt hat. 

Wie die meisten grossen Unternehmer mag Philippe de Moerloose Ausdauersport und vergleicht seine eigenen sportlichen Leistungen mit denen seiner Holdinggesellschaft SDA, Société de Distribution Africaine. Und obwohl er nicht in der Schweiz tätig ist, besitzt der Belgier direkt oder über seine Firmen mehrere Bankkonten.

Wenn sich der kongolesische Präsidentenclan an ihn wendet, um das Gebäude an der Avenue Tombalbaye zu kaufen, geht es also um ein Geschäft unter Freunden. Der belgische Geschäftsmann hatte die Liegenschaft zwei Jahre zuvor erworben… und zwar von einer seiner eigenen Firmen, der im Fahrzeug- und Ersatzteilvertrieb tätigen Auto Transport Company (ATC), zu einem von Philippe de Moerloose nicht näher ausgewiesenen Betrag. Kauf und Verkauf dürften ihm einen hübschen Gewinn beschert haben.

Der uns vorliegende Kaufvertrag sieht vor, dass Sud Oil dem belgischen Geschäftsmann 5 Millionen US-Dollar auf sein Genfer UBS-Konto überweist. Die Zahlung soll in zwei Raten von 3 und 2 Millionen US-Dollar erfolgen. Die übrigen 7 Millionen sind in zwölf monatlichen Raten von je 583'333 US-Dollar zu zahlen, «zu beziehen bei der BGFIBank [RDC] Sarl». Der Vertrag wird als Folge mehrerer Mails zwischen einem Vertrauensmann des Belgiers und Francis Selemani mehrfach angepasst. Der E-Mail-Verkehr mit dem Betreff «Tombalbaye» gibt Hinweise darauf, dass Selemani sich persönlich damit auseinandergesetzt und jede Klausel des Kaufvertrags geprüft und kommentiert hat, obschon er bei Sud Oil offiziell keine Funktion hat. Sud Oil erhält also einen Kredit von der BGFIBank, um die letzte Rate von 7 Millionen zu zahlen. Und um die zahlreichen Interessenkonflikte von Kabilas Adoptivbruder noch um einen weiteren zu ergänzen, gewährt die BGFIBank RDC dem Unternehmen Sud Oil ausserdem eine direkt von der kongolesischen Zentralbank gestellte Bankgarantie. Der Kredit wird per 15. November 2013 zu einem Provisionssatz von 1% und einer Bearbeitungsgebühr von 3000 US-Dollar bestätigt.

Philippe de Moerloose, der den Antrag gestellt hat, reagiert dankbar. Am 14. Oktober schickt er Francis Selemani folgende unmissverständliche Nachricht:

«Bitte stellen Sie sicher, dass wir dieses Geschäft abschliessen können und dass ich kein Problem habe, nur weil ich Ihnen vertraue.

Dies ist das Wichtigste.»

Der weitere Verlauf dieser Operation ist nicht weniger dubios. Als der Vertrag über den Verkauf des Gebäudes am 25. November unterzeichnet wird, ist Sud Oil mit einem Guthaben von 139’200 US-Dollar ziemlich knapp bei Kasse. Der Betrag war erst eineinhalb Monate zuvor bar eingegangen. Doch noch am selben Tag erhält die Briefkastenfirma von der kongolesischen Zentralbank eine mysteriöse Überweisung von 5,5 Millionen US-Dollar mit dem Vermerk «Einzahlung Konto gemäss Anweisung Dobama vom 07.08.2013». Allerdings ist «Dobama», die Direktion für Bankgeschäfte und Märkte der obersten kongolesischen Bank, nicht für die Finanzierung privater Unternehmen zuständig. Ausserdem hätte sie ihre Anweisungen lange vor der Transaktion erteilt. Dank dieses massiven Kapitalzuflusses konnte Sud Oil noch am selben Tag wie geplant die Zahlung von 5 Millionen US-Dollar in zwei Tranchen an de Moerloose in der Schweiz auslösen.

Die erste Überweisung von 3 Millionen US-Dollar wird jedoch am 26. November zunächst blockiert:  von einem leitenden Angestellten der BGFI Paris, die als Korrespondenzbank fungiert. Unter Verweis auf interne Leitlinien hält die französische Geschäftsstelle den Betrag für zu hoch, um ihn an eine Einzelperson zu zahlen. Daraufhin schlägt die Compliance-Abteilung der BGFI RDC vor, das Hindernis zu umgehen und die Transaktion über die deutsche Commerzbank abzuwickeln. Gemäss unseren Recherchen war der Weg über Deutschland zielführend: Die 5 Millionen kamen bei der UBS in Genf an.

Sud Oil zahlt dann die monatlichen Raten in Höhe von 583’333 US-Dollar, um die Schulden bei der BGFIBank zu begleichen. Diesmal sind es mysteriöse, jeweils kurz vor Fälligkeitstermin getätigte Bareinlagen, die die Transaktionen ermöglichen.

Doch die europäische Filiale der BGFIBank in Paris lässt nicht locker: Am 12. Dezember 2013 meldet sich der Direktor auf schriftlichem Weg bei Francis Selemani, seinem Geschäftspartner und mehreren Pariser Kollegen mit dem Wunsch, das Dossier «Sud Oil, zu dem wir keinerlei rechtliche Informationen haben (Gründungsdatum, Aktionäre, rccm [Anm. d. Red.: Handels- und Mobiliarkreditregister] …)» zu besprechen. «Dies ist wichtig, weil wir das Geschäft nicht durchführen können, das würde uns gegenüber unserem Kunden in eine Zwickmühle bringen.» Wir wissen nicht, ob Francis Selemani sich die Mühe gemacht hat, seinem Kollegen in Paris Auskunft zu geben. Zweifelsohne wäre er dafür der Richtige gewesen.

Auf Anfrage von Public Eye bestätigt Philippe de Moerloose die Transaktion für ein «Industrie- und Bürogebäude an der Avenue Tombalbaye» und dass er die 12 Millionen in mehreren Raten auf sein UBS-Konto erhalten hat. Er gibt an, er habe eine Kopie des Aktienregisters von Sud Oil verlangt, und verteidigt sich: «Darin wurde kein Mitglied der Familie Kabila als Aktionär dieser Gesellschaft genannt – auch nicht Herr Selemani, dessen Adoptivverhältnis zu Herrn Kabila mir nicht bekannt war». Für ihn «betraf der Austausch mit Herrn Selemani ausschliesslich die Bezahlung des Gebäudes und nicht die Immobilientransaktion, bei der er nie interveniert hat». Der Geschäftsmann erklärt ausserdem, er habe keine «Kenntnis von Problemen im Zusammenhang mit dieser Transaktion, weder mit der BGFI-Bank noch mit der Commerzbank oder der UBS. Keiner der genannten Beträge wurde auf irgendeine Art und Weise aus Compliance-Gründen gesperrt».

Die UBS weist darauf hin, dass sie nicht befugt ist, sich zu ihren Geschäftsbeziehungen zu äussern, und antwortet lediglich, dass sie «strenge Regeln der Sorgfaltspflicht sowie der Geldwäschereibekämpfung anwendet». Sie erklärt ausserdem, jährlich eine «signifikante vierstellige Zahl» an Verdachtsmeldungen an die Meldestelle für Geldwäscherein zu übermitteln.

Die Art der Immobilientransaktion und die Herkunft der Gelder, die von der kongolesischen Zentralbank stammen, scheinen die Compliance-Abteilungen der UBS, wo Philippe de Moerloose seine Konten unterhält, obwohl er offiziell keine Niederlassung in der Schweiz hat, nicht alarmiert zu haben. Ebenso wenig wie der Betrag von 12 Millionen US-Dollar für ein Gebäude im Kongo, das heute hauptsächlich als Garage genutzt wird.

BGFI, Bank und Stammkundin

Im Juni 2018 bewertet ein interner Auditbericht der BGFIBank ihre Tochtergesellschaft BGFIBank RDC als «inakzeptabel» und weist auf eine «Problematik einer mangelhaften wirtschaftlichen Rechtfertigung gemäss regulatorischen Bestimmungen und internationalen Standards der FATF (Anm. d. Red: Financial Action Task Force on Money Laundering)» hin. Dabei geht es um das Vorlegen von Verträgen, um Rechnungen oder die Bezeichnung von Transaktionen. Im Bericht wird auch der «Mangel an Integrität und Transparenz bei der Angabe von Interessenkonflikten» kritisiert. Sud Oil wird als eine Firma mit beträchtlichen nationalen und internationalen Geldströmen bezeichnet, deren «Geschäfte nicht ausreichend begründet sind». Auf der Liste der möglichen Interessenkonflikte fehlt allerdings jede Spur von Francis Selemani.

Dies ist nur das erste einer langen Reihe von Geschäften, bei denen der Kabila-Clan Gelder von der kongolesischen Zentralbank abzweigt. Insgesamt erhält das Sud-Oil-Konglomerat, zu dem auch angegliederte Unternehmen wie Kwanza Capital gehören, 51,5 Millionen US-Dollar von der Zentralbank des Landes. Wie auch immer diese Transaktionen begründet waren: Sie scheinen illegal zu sein, fällt die Finanzierung privater Unternehmen doch nicht in den Zuständigkeitsbereich dieser öffentlichen Institution.

Paradoxerweise erstellt die BGFIBank am 10. April 2014, wenige Monate nach dem Erwerb des Gebäudes durch Sud Oil, einen Vertragsentwurf, um einen Teil der Garage (357m2), die der Firma der Kabilas als Geschäftssitz dient, an die Bank als Untermieterin zu vermieten.

Angaben über den Mietpreis oder die Mietdauer haben wir keine gefunden. Im internen Audit vom Juni 2018 wird Sud Oil als Kundin und Lieferantin der Bank bezeichnet, und zwar unter dem Punkt «Wohnungsmiete und Archivraum». Draussen haben die Wächter des Gebäudes noch nie einen einzigen Mitarbeiter der BGFIBank vorbeigehen sehen, aber sie scheinen das Wichtigste verstanden zu haben:

«Hier sind wir bei Kabila».