Die Gesundheitsfolgen giftiger Pestizide in Brasilien

© Lunaé Parracho/Reuters
Missbildungen, hormonelle Störungen, Krebs, … Trotz beschränkter Forschungsmittel wächst die wissenschaftliche Evidenz zum Zusammenhang zwischen Pestiziden und schweren Krankheiten in Brasilien. Das tatsächliche Ausmass der Gesundheitsfolgen ist ungewiss.

Die brasilianische Krebsbehörde INCA hat sich 2015 mit klaren Worten gegen die vorherrschende Praxis beim Einsatz von Pestiziden im Land gewandt und vor deren gesundheitlichen Folgen gewarnt. Die chronische Belastung durch Pestizidrückstände in der Umwelt und in Lebensmitteln – meist in geringen Dosen – könne die ganze Bevölkerung betreffen und deren Gesundheit langfristig beeinträchtigen.

Unter den möglichen Folgen sieht das Institut «Unfruchtbarkeit, Impotenz, Fehlgeburten, Missbildungen, neurologische Probleme, Beeinträchtigungen des Hormonsystems und Krebs».

Gemäss INCA werden im Jahr 2019 600‘000 Menschen an Krebs erkranken, 75% mehr als im Jahr 2000. Das brasilianische Gesundheitsministerium warnt, zahlreiche Studien hätten «exzessive Krebsraten unter landwirtschaftlichen Arbeitern» aufgezeigt, die «möglicherweise mit ihrer beruflich bedingten Pestizidbelastung» zusammenhingen.

Bestimmte Krebsarten wie Brust-, Prostata- oder Darmkrebs sowie Krebs im Allgemeinen treten gemäss wissenschaftlichen Untersuchungen in Regionen mit hohem Pestizideinsatz auffällig häufig auf. Studien zeigen auch, dass Kinder, deren Eltern Pestiziden ausgesetzt waren, ein höheres Risiko haben, mit Geburtsfehlern zur Welt kommen.

Nur die Spitze des Eisbergs

«Doch was wir heute wissen, ist wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs», sagt Karen Friedrich von der Bundesstaatsanwaltschaft für Arbeitsrecht. «Die öffentlichen Mittel für die wissenschaftliche Forschung auf diesem Gebiet sind in Brasilien stark begrenzt.» Doch selbst in diesem «prekären Szenario» würde bereits eine «alarmierende Anzahl solider Studien» den Zusammenhang zwischen Pestizidbelastung und chronischen Krankheiten aufzeigen, sagt Friedrich.

Und die INCA warnt, dass die gesundheitlichen Folgen des rasch zunehmenden Pestizideinsatzes in Brasilien womöglich erst allmählich spürbar werden, da sich Krankheiten manchmal erst «viele Jahre nach dem Kontakt mit Pestiziden entwickeln».

Studien aus vier landwirtschaftsintensiven Regionen kommen zu beunruhigenden Schlüssen.

Weitere Informationen

  • Mato Grosso – Fehlbildungen und Krebserkrankungen bei Kindern

    Im Bundesstaat Mato Grosso, der «Kornkammer» des Landes, wiesen zwei Studien von 2013 und 2017 einen Zusammenhang zwischen dem Pestizidverbrauch und Krebs bei Kindern nach. Gemäss dem Arzt und Forscher Dr. Wanderlei Pignati, der die Studien leitete, erkrankten Kinder in Gemeinden mit hohem Pestizidverbrauch im Vergleich zum Durchschnitt vier bis sechs Mal häufiger an Krebs.

    Zwei Fallstudien in Spitälern der Hauptstadt Cuiabá zeigten ausserdem, dass Kinder von Eltern, die Pestiziden ausgesetzt waren, ein höheres Risiko haben, mit Fehlbildungen zur Welt zu kommen. 2014 fand eine Gruppe um Dr. Pignati heraus, dass Geburtsfehler bei Kindern, deren Mütter vor der Empfängnis Pestiziden ausgesetzt waren, doppelt so häufig vorkamen. Gemäss einer weiteren Studie desselben Forschungsteams von 2016 ist das Risiko für Geburtsdefekte bei Kindern in Mato Grosso sogar viermal höher, wenn beide Elternteile in der Vergangenheit Kontakt mit Pestiziden hatten.

  • Cascável, Paraná – mehr angeborene Herzfehler

    Während sich die Anbaufläche für industrielle Kornproduktion im Bundesstaat Paraná von 2000 bis 2014 um knapp 40 Prozent vergrössert hat, nahm der Pestizideinsatz im gleichen Zeitraum um 111 Prozent zu. Gleichzeitig wurden in Paraná von 2004 bis 2014 im Vergleich zu den zehn Jahren davor auch deutlich mehr Geburtsfehler registriert.

    Gemäss einer Studie des renommierten nationalen Forschungsinstituts für öffentliche Gesundheit Fiocruz aus dem Jahr 2017 korreliert die Zunahme bestimmter Geburtsfehler mit dem intensivierten Pestizideinsatz. So fanden die Autorin und der Autor etwa eine statistische Verbindung zwischen dem Pestizideinsatz und der Anzahl Kinder mit angeborenem Herzfehler. Verglichen mit 159 Fällen im Zeitraum von 1994 bis 2004 wurden zwischen 2004 und 2014 in Paraná 781 Babys mit Herzfehler geboren – also fast fünfmal so viele.

  • Limoeiro do Norte, Ceará – 
mit sechs Monaten in der Pubertät

    In Tomé, einer Siedlung mit rund 2500 Einwohnerinnen und Einwohnern im nordöstlichen Bundesstaat Ceará, wurden vor einigen Jahren auffällig viele Babys mit Geburtsdefekten und hormonellen Störungen geboren. Unter ihnen waren mehrere Mädchen, die bereits mit sechs Monaten weibliche Brüste entwickelten.

    «Während es während mehr als zehn Jahren keinen einzigen Fall gegeben hatte, wurden innerhalb von weniger als zwei Jahren fünf Kinder mit Geburtsfehlern geboren sowie drei Mädchen, die frühzeitig in die Pubertät kamen», erklärt Ada Aguiar, Ärztin und Forscherin an der Universität Ceará.

    Tomé befindet sich inmitten von gigantischen bewässerten Plantagen, auf denen seit den 2000er-Jahren unter grossem Pestizideinsatz Zitrusfrüchte, Melonen, Bananen und andere Früchte angebaut werden.

    Als ein Team um Aguiar 2013 die Fälle frühzeitiger Pubertät und Geburtsfehler untersuchte, fand es heraus, dass die Väter aller acht Kinder in der Landwirtschaft arbeiteten und engen Kontakt zu Pestiziden hatten. Auch viele Mütter berichteten, dass sie während der Schwangerschaft Pestiziden ausgesetzt gewesen waren.

    Die Forschenden fanden zudem Rückstände hochgefährlicher Pestizide im Blut einiger Kinder und Eltern sowie Spuren von Pyrethroid-Insektiziden im Urin – Substanzen, die nachweislich den Hormonhaushalt stören können.

    Auch wenn andere Faktoren eine Rolle gespielt haben könnten, besteht für Aguiar «kein Zweifel, dass diese Fälle von Missbildung und frühzeitiger Pubertät mit Pestiziden zusammenhängen».

    Tomé war 2013 in einer weiteren Studie der Universität Ceará aufgetaucht, die zeigte, dass in vier wichtigen landwirtschaftlichen Gemeinden der Region fast doppelt so viele Menschen wegen Krebs ins Krankenhaus eingeliefert wurden als in Kontrollgemeinden. Die Sterblichkeitsrate durch Krebs war 38 Prozent höher.

  • Ijuí, Rio Grande do Sul – auffallend viele Krebstote

    In keinem Bundesstaat Brasiliens ist die Sterblichkeitsrate durch Krebs so hoch wie in Rio Grande do Sul, dem drittgrössten Soja- und grössten Tabakproduzenten des Landes. In der Region um Ijuí, wo besonders viele Pestizide eingesetzt werden, sind die Krebssterblichkeitsraten gemäss einer Studie der staatlichen Universität von 2010 nochmals signifikant höher als im restlichen Bundesstaat. Die Studie zeigt eine Verbindung zwischen der Krebssterblichkeit und der bepflanzten Fläche, der Anzahl der Betriebe, die Pestizide verwenden und dem Anteil der in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung in den Gemeinden der Region auf.

    Der Onkologe Fábio Franke vom karitativen Krebsspital in Ijuí sagte gegenüber brasilianischen Medien, dass «auffällig viele landwirtschaftliche Arbeiter unter den Krebspatienten» seien. Für den Spezialisten ist klar, dass es einen «direkten Zusammenhang zwischen den Krebserkrankungen und den Pestiziden» gibt. Zwar seien weitere Untersuchungen nötig, um dies zu bestätigen, aber bereits das, was er im Alltag sehe, sei «alarmierend».