Recherche Als Strohmann für Gunvor und Vitol im Einsatz

Ein Jahr nach der Verurteilung des Rohstoffkonzerns Gunvor wegen Korruption in Westafrika legt Public Eye mit einer neuen Recherche nach: Demnach hat der ebenfalls in Genf ansässige Konkurrent Vitol einige Millionen US-Dollar an ein undurchsichtiges Unternehmen mit Sitz in Hongkong gezahlt. Der wirtschaftlich Berechtigte ist ein Pariser Restaurantbesitzer, der früher in der Textilindustrie tätig war. In der Schweiz wurde der Mann im Zusammenhang mit dem Fall Gunvor wegen Urkundenfälschung verurteilt. Er sieht sich in der Rolle des Sündenbocks und bezeichnet sich als «Strohmann».

Ältere Damen der Nacht spazieren der Strasse entlang, eine Zigarette im Mundwinkel. Das kleine koschere Restaurant liegt in einer tristen Gegend des Pariser Stadtteils Strasbourg-Saint-Denis. Dabei verspricht seine Webseite «ausgezeichnete Gerichte» die «in fröhlicher Atmosphäre» serviert werden. Ein Hauslieferdienst gehört ebenfalls zum Angebot.

Die Motorräder der Kuriere kommen und gehen. Der Besitzer des Lokals kann kaum seine Speisekarte erläutern. Kein Wunder, schliesslich ist E.E. weder für sein Couscous noch für seine Pkaila bekannt. Er hat auch nicht wegen seiner Kochkünste fünfeinhalb Monate hinter Gittern verbracht, zunächst in Serbien und später dann in Bern.

«Wie haben Sie mich gefunden?», fragt der matte Mittfünfziger. E.E. sieht definitiv nicht so aus, wie man sich einen Player der globalisierten Finanzwelt vorstellt. In einem früheren Leben hat er Textilien und Möbeln verkauft. Heute betreibt der französisch-israelische Doppelbürger ein Schnellrestaurant und steht unfreiwillig im Zentrum der weitverzweigten Gunvor-Affäre. Der von Public Eye vor drei Jahren aufgedeckte Korruptionsskandal im Zusammenhang mit Erdölgeschäften in Kongo-Brazzaville und Côte d’Ivoire, führte im Oktober 2019 zu einer wegweisenden Verurteilung des Genfer Rohstoffhändlers wegen «Organisationsmängeln». Die fällige Geldstrafe belief sich, zusammen mit einer Ersatzforderung, auf satte 94 Millionen Franken.

Öl, Schmiergeld, Politik: Die Abenteuer einer Genfer Firma in Brazzaville. Eine Public Eye Recherche (2017)

Bereits im September 2019 wurde E.E. in der Schweiz verurteilt. In einem abgekürzten Verfahren hatte er gestanden, als Mittelsmann für Zilan HK LTD fungiert zu haben. Anno 2012 waren bei dieser Briefkastenfirma mit Konten bei der lettischen Bank Rietumu – nach mehreren Zwischenstationen – Zahlungen in Höhe von 300’000 Euro und 450’000 US-Dollar gelandet. Dabei handelte es sich um Provisionen, die Gunvor an kongolesische Amtsträger überwiesen hatte, um dafür Rohöllieferungen zu erhalten. Die Gelder flossen über den Schweizer Vermögensverwalter SEF (FINANCE) SA Suisse sowie über eine Hongkonger Firma unter der Leitung des Franzosen David Jonathan Benouaich. Dieser Geschäftspartner von E.E. befindet sich immer noch auf freiem Fuss, obwohl gegen ihn ein internationaler Haftbefehl vorliegt.

Textilien und falsche Papiere

E.E. behauptet, von ihm hinters Licht geführt worden zu sein. Er habe sich lediglich bereit erklärt, seinen Namen und seine Unterschrift auszuleihen und weiss auch nicht, wo sich der ehemalige Partner, den er 2007 kennengelernt hatte, heute aufhält. «Sie haben mein Leben ruiniert», kommentiert er bitter. Wen er damit genau meint, will er allerdings nicht sagen. «Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort», stellt er lapidar fest. Die Schweizer Justiz überzeugten diese Erklärungen nicht. Sie verurteilte den Mann wegen «Urkundenfälschung» zu 14 Monaten Gefängnis, neun davon auf Bewährung.

Zunächst ging die Bundesanwaltschaft von einer grossen Affäre aus und hielt E.E. und Benouaich für «Mitglieder eines Netzwerks professioneller Geldwäscher», die über diverse Offshore-Gesellschaften operieren.

Schweizer Ermittler fanden mindestens fünf verdächtige Firmen. Zwei von ihnen – Universal Trade Business LTD und Gollum West LTD – hatten ihre Konten in Genf bei der Bank of China (Schweiz), welche seither von der Bank Julius Bär übernommen wurde. Die Untersuchungen ergaben «eine Vielzahl von Zahlungseingängen und -ausgängen im Wert von mehreren Millionen US-Dollar», deren deklarierter Zweck der An- und Verkauf von Textilien war. Es handelt sich aber offensichtlich um verdächtige Transaktionen, bei denen ankommende Gelder, sofort auf weitere Konten verschoben werden.

© Carl De Keyzer/Magnum

E.E. hat gestanden, seine Genfer Bankiers getäuscht zu haben: Gemäss der Public Eye vorliegenden Anklageschrift bezeichnete er sich bezüglich dieser Gelder fälschlicherweise als wirtschaftlich Berechtigter. Am 20. September 2019 wurde er vom Bundesstrafgericht in Bellinzona dafür verurteilt.

Der Mittelsmann gab sich naiv und behauptete, von all diesen Zahlungen nichts gesehen und nichts verstanden zu haben. Er sagte lediglich, die Konten seien «Transitkonten für Geldüberweisungen an und von Dritten». Diese Dritten seien «sowohl natürliche als auch juristische Personen». Weiter gab er an, dass die entsprechenden Gelder «nicht mir gehörten». Die Bundesanwaltschaft konnte deren kriminelle Herkunft nicht nachweisen und musste den Vorwurf der Geldwäscherei fallenlassen.

E. E. kam mit einer geringen Strafe davon und der Fall war erledigt, ohne dass die Medien davon Notiz nahmen. Dies wohl zur grossen Erleichterung einiger Personen, welche die Affäre gehörig aufgeschreckt haben dürfte. Nach unseren Informationen ist Gunvor nämlich nicht der einzige Rohstoffkonzern, der die Dienste dieses Vermittlers in Anspruch genommen hat. Doch diese neue Wendung wurde noch nirgends erzählt.

© Karl de Keyzer/Magnum

Die nächste Runde

Unsere Recherche ergab, dass auch Vitol mit einem der Offshore-Unternehmen von E.E. im Geschäft war. Gemäss Bankunterlagen, die wir einsehen konnten, leistete der Rohstoffriese vom 3. Oktober 2014 bis zum 23. März 2015 elf Zahlungen an Samariti Shipping LTD (SSL), in der Höhe von insgesamt über 3,3 Millionen Euro (damals rund 3,5 Millionen Schweizer Franken). E.E. war zu diesem Zeitpunkt der einzige wirtschaftlich Berechtigte sowie Zeichnungsberechtigte dieser Firma mit Konten bei der Bank HSBC in Hongkong. Das Geld kam von JP Morgan in London. Zugleich war die Untersuchung des Falles Gunvor in der Schweiz in vollem Gange, und der Mittelsmann war bereits ins Visier der Ermittler geraten.

Die kleine SSL ist in Rohstoffhandelskreisen völlig unbekannt. Gegründet wurde sie im Februar 2013 in Hongkong, dank der Dienste eines französischen Anwalts der dort zeitweise als Frankreichs Aussenhandelsberater fungierte. SSL ist nach eigenen Angaben im Transport von Textilien, Sofas und Lampen per See- und Binnenschifffahrt in China, Europa, Frankreich sowie Afrika und insbesondere Angola tätig. Der deklarierte Umsatz beläuft sich auf 5 Millionen Euro.

Das Bankkonto der Firma weist sehr schnelle Zahlungseingänge und -ausgänge auf, als wäre es lediglich eine Zwischenstation. Vitol AG zahlte über 3,3 Millionen Euro an SSL. Dabei fällt auf, dass jeweils am selben oder in den darauffolgenden Tagen insgesamt mindestens 1,9 Millionen an diverse chinesische Staatsbürger überwiesen wurden, die Konten bei der Bank of China in Hongkong hatten.

Dieser Modus Operandi erinnert an die Vorgehensweise im Fall Gunvor: Bei der Bank Rietumu in Riga gingen Zahlungen von 300’000 Euro und 450’000 US-Dollar für die Firma Zilan HK LTD ein, deren alleiniger Zeichnungsberechtigter E. E. war. Anschliessend wurden die Gelder «hauptsächlich an chinesische Staatsangehörige und an Unternehmen überwiesen, insbesondere über in China ansässige Bankinstitute, was auf Kompensationsgeschäfte hindeutet», wie die Bundesanwaltschaft in der Anklageschrift feststellt. Die Schweizer Justiz geht davon aus, dass diese Kompensationsgeschäfte zur Bezahlung einer Person aus dem Umfeld der Familie Sassou-Nguesso dienten. Dem Clan, der seit 1979 die Geschicke der Republik Kongo lenkt (abgesehen vom demokratischen Intermezzo 1992 bis 1997).

Wie solche Geschäfte ablaufen können, dokumentiert ein heimlich aufgenommenes Video aus dem Jahr 2014, das Public Eye öffentlich machte: Die Aufnahme zeigt einen ehemaligen Gunvor-Kadermann bei der Erläuterung der Finanzkonstrukte, mit denen Bestechungsgelder an kongolesische Beamte fliessen können.

«Damit es keine, aber absolut keine Scheissereien gibt, wird es keinerlei Verbindung geben zu der Gesellschaft, welche die Öllieferungen lädt.» Ausschnitt aus dem belastenden Originalvideo.

Begehrte, aber hochriskante Geschäfte

Die Beziehungen der Rohstoffkonzerne mit Kongo-Brazzaville sind verschlungen. Geschäfte mit dem Land sind wegen der Qualität des kongolesischen Rohöls und wegen der Rabatte seitens der Société Nationale des Pétroles du Congo (SNPC) begehrt. Bezüglich Compliance, also der Einhaltung gesetzlicher Vorschriften, sind die Deals aber hochriskant.

Der Staatlichen Erdölgesellschaft SNPC steht das Wasser regelmässig bis zum Hals: Sie hat Mühe mit der Rückzahlung der Vorfinanzierungen, die sie von Rohstoffhändlern bezieht (Kredite, die mit künftigen Öllieferungen gesichert sind). Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds führen bei der SNPC immer wieder Audits durch. Bereits 2017 bemerkte ein Gesprächspartner gegenüber Public Eye: «Damit möglichst nichts auffällt, gewährt die SNPC allen Rohstoffhändlern ungefähr den gleichen Rabatt. Deshalb ist das kongolesische Rohöl so begehrt. Es ist eine wahre Geldmaschine!»

«Das kongolesische Rohöl ist eine wahre Geldmaschine!»

  • Building of the National Petroleum Company of the Congo, SNPC © M. Torres/iStock
  • © Vincent Fournier/Jeune Afrique
  • © Pascal Deloche/Godong/Keystone
Gebäude der Staatlichen Erdölgesellschaft SNPC, Präsident Denis Sassou Nguesso und sein Sohn Denis-Christel, Elendsviertel in Brazzaville, eine Hauptstadt mit eklatanten Ungleichheiten zwischen den Ärmsten und der Elite.

Als «stellvertretender Direktor» bei der SNPC fungiert Denis Christel Sassou-Nguesso, Sohn des Präsidenten. Er wird von der amerikanischen Justiz verdächtigt, zwischen 2011 und 2014 mehrere Millionen US-Dollar veruntreut zu haben. Nach Angaben der US-Bundesanwälte nahm er über 1,5 Millionen US-Dollar an Schmiergeldern von Rohstoffunternehmen an. Sein Name taucht auch im französischen Verfahren zu den «biens mal acquis» (unrechtmässig erworbene Vermögenswerten) auf. Dabei soll festgestellt werden, ob die französischen Luxusimmobilien im Besitz von Familien afrikanischer Machthaber, und insbesondere des Clans der Sassou-Nguesso, mit veruntreuten öffentlichen Geldern erworben wurden.

Vitol ist über ihre Tochtergesellschaft Raffia Oil mindestens seit 2005 in der Republik Kongo aktiv, und zwar durch Beteiligungen an zwei Offshore-Ölblöcken im Kongobecken: an Marine XIV mit 21,55%, und an Marine XI mit 26,11%. Der Weiterverkauf der Lizenz für Marine XI führte übrigens zu einem Streit zwischen Vitol und der Africa Oil and Gas Corporation (AOGC), wie Global Witness im Oktober 2019 im Bericht «The Spotlight Sharpens» aufdeckte. Nach einer Auseinandersetzung vor der britischen Justiz fordert Vitol nach wie vor die volle Kompensation ihrer Vermögenswerte.

Waren die 3,3 Millionen US-Dollar, die Vitol an Samariti Shipping LTD zahlte, Teil eines Erdölgeschäfts oder einer Transaktion in Kongo-Brazzaville? Beweisen lässt sich das derzeit nicht.

Zwei Mittelsmänner im Dienst der kongolesischen Elite

Public Eye gelangte zwei Mal an Vitol mit der Bitte um Aufklärung zu den Beziehungen des Unternehmens mit der kleinen Hongkonger Firma. Vitol verweigert jedoch die Auskunft über «jegliche Transaktionen, die wir mit Samariti Shipping LTD (SSL) allenfalls getätigt haben, denn diese unterliegen der Vertraulichkeit».

Der Rohstoffhändler hält zudem fest, «im fraglichen Zeitraum, d.h. 2014/2015, keinerlei Geschäfte mit staatlichen Stellen in Kongo-Brazzaville (einschliesslich der SNPC)» getätigt zu haben. Keine Aussage macht der Konzern zu möglichen Geschäften mit privaten Unternehmen wie den kleinen Handelsfirmen im Umfeld der Familie Sassou-Nguesso. Die meisten «Geschäftsbeziehungen unterliegen der Vertraulichkeit», schreibt das Genfer Handelshaus. Und weiter: «Vitols Geschäftsvolumen mit Kongo-Brazzaville war sehr niedrig». Eingeräumt wird immerhin, dass tatsächlich Geschäfte stattfanden. Vitol behauptet aber, das Unternehmen habe «in Kongo-B (oder in anderen Hoheitsgebieten) keinerlei Tätigkeit unter Vermittlung durch SSL oder Herrn [E.E.] ausgeübt».

Es gibt dennoch zahlreiche Hinweise darauf, dass das E.E./Benouaich-Duo beste Beziehungen zur kongolesischen Elite unterhielt. Davon zeugt etwa das Geständnis eines ehemaligen Gunvor-Mitarbeiters, der im August 2018 wegen Korruption verurteilt wurde. Nach seinen Aussagen hat sich Cédric Okiorina, Marketingdirektor der staatlichen Erdölgesellschaft SNPC und enger Berater von Denis Christel Sassou-Nguesso, mit ihm 2011 in einem Pariser Hotel verabredet, «um ihm die Person vorzustellen, die die Gelder in seinem [d.h. Okiorinas] Namen entgegennehmen würde, nämlich David Jonathan BENOUAICH, Inhaber der Firma ATIS HK LTD».

Ein weiterer Insider bringt es auf den Punkt: «Für Gunvor war klar, dass Benouaich und damit E.E. mit den Tradern in Kongo-Brazzaville unter einer Decke steckten. Ihre Aufgabe war es, Firmen zu gründen, Geld in Empfang zu nehmen und dann weiterzureichen. Die Kongolesen vertrauten ihnen vollkommen, und deshalb waren sie sehr einflussreich.».

«Für Gunvor war klar, dass Benouaich und damit E.E. mit den Tradern in Kongo-Brazzaville unter einer Decke steckten.»

Heute hingegen scheint E.E. ganz in seiner Tätigkeit als kleiner Restaurantbesitzer aufzugehen. Vitol will er nur vage «aus den Medien» kennen. In Kongo-Brazzaville sei er nie gewesen und habe auch nie jemanden von der staatlichen Ölgesellschaft SNPC kennengelernt.

Gunvors Sitz in Genf.

Gegenüberstellung vor der Bundesanwaltschaft

Seltsam ist, dass Vitol nichts über den zweifelhaften Ruf des französisch-israelischen Vermittlers gewusst haben soll. Im April 2014 wurde nämlich ein Vitol-Mitarbeiter, der als «Business Developer» für die Afrika-Abteilung eingestellt worden war, im Rahmen des Gunvor-Verfahrens von der Bundesanwaltschaft als «Auskunftsperson» verhört. Die Ermittler forderten den Mann auf, ein Kompensationsgeschäft zu erklären, das er im Januar 2011 mit der bereits kurz erwähnten Gollum West LTD durchgeführt hatte.

Dieses Unternehmen mit Sitz auf den Britischen Jungferninseln wurde von David Jonathan Benouaich gesteuert, auch wenn der wirtschaftlich Berechtigte offiziell E.E. hiess. Der spätere Vitol-Mitarbeiter war damals freiberuflich als Erdölspezialist und Berater für Petrochina und Socar Trading tätig. An eine Kontaktperson in Paris überreichte er 100’000 Euro in bar, und erhielt im Gegenzug einige Tage später den gleichen Betrag auf sein Genfer Bankkonto bei Lombard Odier gutgeschrieben. Die Überweisung kam von Gollum West LTD. Auf der entsprechenden Rechnung lautete der Zahlungszweck «Kommissionsgebühren für Frachtlieferung im Jahr 2010». Wegen dieser Überweisung wurde ihm im Rahmen des Gunvor-Verfahrens vorübergehend das Konto gesperrt.

Obwohl die Bundesanwaltschaft die Hintergründe dieser verdächtigen Transaktion nicht eruieren konnte, liessen es die Ermittler nicht damit bewenden. Im Mai 2015 kam es zu einer Gegenüberstellung zwischen dem Vitol-Mitarbeiter und E.E., der gerade von Belgrad ausgeliefert worden war. Die beiden Männer behaupteten, einander nicht zu kennen. Diese Episode ist nicht ohne Situationskomik, denn Vitol hatte eben die letzte Zahlung – über 483’600 Euro – an Samariti Shipping LTD geleistet, deren wirtschaftlich Berechtigter jener französisch-israelische Vermittler war, der nun dem Vitol-Angestellten gegenüberstand. Zu diesem Zeitpunkt wusste die Schweizer Justiz aber noch nichts von diesen Zahlungen.

Von Public Eye zu diesem Punkt befragt, hält Vitol fest: «Es ist falsch, zu behaupten, dass [unser Mitarbeiter] als Vermittler zwischen dem Netzwerk von Herrn E.E. und Vitol fungierte». Und: «Es ist daher falsch, zu behaupten, anzudeuten oder abzuleiten, dass dies der Fall ist».

Vitol und der Textilhändler

Vieles an diesem Fall mutet seltsam an. Zunächst einmal der zeitliche Ablauf: Die Zahlungen von Vitol begannen am 3. Oktober 2014, obschon gegen den wirtschaftlich Berechtigten von Samariti Shipping LTD seit dem 24. Juli 2014 ein internationaler Haftbefehl vorlag. Diese Information hatte das Handelshaus offensichtlich nicht erreicht. Oder sie wurde geflissentlich ignoriert, denn die Zahlungen gingen bis 23. März 2015 regelmässig weiter.

Dann endet das Abenteuer mit einem Paukenschlag: Drei Tage später, am 26. März 2015, wird E.E. in Belgrad festgenommen, wo er Möbel einkaufen wollte. Im Mai 2015 wird er von Serbien an die Schweiz ausgeliefert. Nach zwei Monaten in Schweizer Haft einigt er sich mit der Bundesanwaltschaft auf ein abgekürztes Verfahren.

Hätte das zweifelhafte Profil des französisch-israelischen Händlers in der Compliance-Abteilung nicht mehrere Alarmsignale («Red Flags») auslösen müssen? Vitol wollte dazu keine Stellung nehmen.

Le drapeau chinois et celui de Hong Kong hissés à l'extérieur du tribunal de dernière instance, devant les bâtiments de la Banque de Chine, de Cheung Kong et de HSBC, à Hong Kong. © Anthony Wallace/AFP/Getty Images
Die Flaggen von China und Hong Kong vor dem letztinstanzlichen Gericht, vor den Gebäuden der Bank of China und HSBC in Hong Kong.

Meldung in Hongkong

Die HSBC Hongkong reagierte schneller. Im Januar 2015 reichte die Compliance-Abteilung der Bank nach mehreren höchst auffälligen Bewegungen eine Meldung über verdächtige Transaktionen betreffend Samariti Shipping LTD ein. Die Meldung betrifft die Zahlungen von Vitol nicht. Die Bank hält jedoch den eigentümlichen Umstand fest, dass eine kleine Firma, die angeblich im Textil- und Möbelhandel tätig ist, Zahlungen über mehrere Millionen US-Dollar von Vitol AG erhält. Nach einer internen Untersuchung wird das Konto im Mai 2016 durch die Bank geschlossen.

E.E. behauptet, von diesen Verdachtsmomenten keine Kenntnis gehabt zu haben. Er habe die Kontounterlagen nie erhalten, obwohl sie auf seinen Namen lauteten. Von unseren Fragen in Verlegenheit gebracht, organisiert er schliesslich ein Telefongespräch mit seiner Pariser Anwältin.

Diese sagt, dass ihr die Zahlungen von Vitol AG völlig unbekannt seien. Sie beschreibt ihren Klienten als «nicht sehr vorsichtig» bei der Verwendung seines Namens oder seiner Unterschrift. «Es wurden Risiken eingegangen, das ist das Problem. David Jonathan Benouaich hat ihm gesagt, er solle die Konten eröffnen und sich ansonsten keine Sorgen machen. Aber die Konten hat er gar nicht selbst verwaltet! Er war der perfekte Strohmann.»

Die Advokatin zeigt sich «schockiert» über die Handhabung des Falls in der Schweiz. Finanzinstitute scheinen grundsätzlich straflos auszugehen, meint sie. «Die Bank of China akzeptierte die Kontoeröffnung ohne nachzufragen. Sie hat alle Transaktionen mit Zahlungszweck gesehen. Und nun will sie sich als Opfer darstellen?!»

Auf der Terrasse seines Pariser Restaurants wartet E.E. darauf, dass der Wind die schlechten Erinnerungen an die Schweiz verweht. Sein ehemaliger Geschäftspartner David Jonathan Benouaich, der viel über die Tricks der Rohstoffhändler wissen dürfte, ist weiterhin auf der Flucht.

Haftungsausschluss: Diese Version ist eine Übersetzung der französischen Originalfassung und deshalb nicht rechtsverbindlich. Im Falle von Abweichungen ist einzig das Original massgeblich. Für sprachliche Fehler, Ungenauigkeiten oder Missverständnisse übernimmt Public Eye keinerlei Haftung.

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