Chiquita erntet seine Profite in der Schweiz
21. April 2026
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Keystone / Laurent Gillieon
Chiquita, der weltbekannteste Bananenkonzern, geschäftet seit 2008 aus der Schweiz heraus. An seinem Hauptsitz in Etoy im Kanton Waadt dirigiert der Konzern seine weltumspannenden Geschäfte.
Um die Banane mit dem blauen Aufkleber in knapp 50 Länder zu bringen, setzt Chiquita auf seine vollständig integrierte Wertschöpfungskette. Mit engen Verteilnetzen in Europa und Nordamerika füllt der Konzern die Supermärkte. Seine Flotte von Containerschiffen, beladen an eigenen Häfen, beliefert die dafür nötigen Lager. Kern des Geschäfts sind aber die knapp 70 Plantagen, die Chiquita unseren Recherchen zufolge selbst betreibt. Sie liegen in Mittelamerika, genauer in Costa Rica, Panama, Honduras und Guatemala, sowie in Ecuador.
Es sind jedoch nicht primär die eigenen Plantagen, die den Konzern zum weltgrössten Bananenhändler machen. Dafür sorgen vor allem die 50 Zulieferbetriebe, auch in weiteren Ländern, die rund 60% zur Gesamtproduktion beitragen. Nur so kommen die geschätzten 2,7 Millionen Tonnen der exotischen Frucht zusammen, die Chiquita jährlich verkauft.
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In seinen Produktionsregionen gibt Chiquita den wirtschaftlichen Takt an: Teils hängen ganze Dörfer und Städte mitsamt ihrer Infrastruktur von den Einkommen aus der Bananenproduktion für den Konzern ab. Wie gross die Machtasymmetrie ist, zeigte sich zuletzt 2025 in Panama: Nach landesweiten Demonstrationen gegen eine Sozialreform entschied Chiquita, rund 6’500 Personen zu kündigen und die ganze Produktion einzustellen. Erst nach langen Verhandlungen konnte die Regierung den Konzern zum Umdenken bewegen. Es wäre in der konfliktreichen und bis 1899 zurückreichenden Unternehmensgeschichte nicht das erste Mal gewesen, dass sich Chiquita kurz entschlossen aus einer aufmüpfigen Region zurückzieht, nachdem sich diese ganz auf die Bananenproduktion für den Konzern ausgerichtet hatte.
Blendende Geschäfte
Dieser enge Griff um die Wertschöpfungskette und die Anbauregionen lohnt sich für den Konzern und seine Aktionär*innen: Seit 2015 hat Chiquita über 1,6 Milliarden US-Dollar Profit gemacht. Damals wurde der Weltmarktführer im Bananenhandel von den brasilianischen Milliardärsfamilien Safra und Cutrale zu je 50% aufgekauft und von der Börse genommen. Während Chiquita den Besitzerfamilien seither Dividenden in Höhe von 850 Millionen US-Dollar ausgeschüttet hat, erfährt die Öffentlichkeit seit der Privatisierung kaum mehr etwas zu den Geschäftsaktivitäten. Mitglieder beider Familien, die eine primär im Bankgeschäft, die andere im Orangenhandel erfolgreich, leben heute in der Schweiz und gehören zu den 300 reichsten des Landes.
Für Chiquita ist die Schweiz ein höchst attraktives Steuerdomizil. Mit Aussicht auf den sogar hierzulande lächerlich tiefen Gewinnsteuersatz von 2,5% verlegte Chiquita seinen Europahauptsitz 2008 von Belgien an den Genfersee. Obwohl der dafür nötige Sonderdeal mit den Behörden 2018 auslief, konnte der Konzern seine Tiefsteuerstrategie zumindest bis 2024 weiterführen: Damals hat Chiquita nur gerade 1% an Gewinnsteuern abgedrückt. Über die Jahre von 2015 bis 2024 bezahlte der international verschachtelte Bananenkonzern einen durchschnittlichen Gewinnsteuersatz von lediglich 6,8%.
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Die Schweiz spielt auch im operativen Geschäft eine zentrale Rolle: Zusammen mit den Büros in Florida bildet der Standort in Etoy inzwischen den offiziellen gemeinsamen Hauptsitz von Chiquita. Aus der Waadt wickelt der Konzern das gesamte europäische Bananengeschäft ab. Weitere zentrale Geschäftstätigkeiten werden parallel in den USA und der Schweiz ausgeführt. Über eine Schweizer Holding ist neben dem USA-Geschäft auch die Plantagenproduktion strukturiert, wie aus Geschäftsberichten hervorgeht. Was alles sonst hinter den Glastüren in Etoy läuft, hält der notorisch verschlossene, private Konzern geheim.
Ein Strich unter die Firmengeschichte?
Längst nicht mehr geheim ist hingegen die gewaltvolle Firmengeschichte des US-amerikanischen Bananenimperiums, das bis 1984 noch United Fruit Company hiess. «Auf diese konnte man nicht immer stolz sein», konzediert der Konzern zu Beginn seines Nachhaltigkeitsberichts von 2024. «Hinter dem blauen Aufkleber» heisst eine Initiative, mit der Chiquita einen Strich unter die Zeit ziehen will, als das Unternehmen korrupte Regierungen in Mittelamerika kontrollierte, um seine Interessen durchzusetzen, und damit den Begriff der «Bananenrepublik» prägte. 2024 wurde Chiquita in einem historischen Prozess für die Finanzierung von acht von kolumbianischen Paramilitärs verübten Morden verantwortlich gemacht. Mit den skandalösen Geschehnissen vorhergehender Jahrzehnte, von orchestrierten Staatscoups und Massakern an Bananenarbeiter*innen bis zur grossflächigen Umweltzerstörung durch Pestizide, haben Autor*innen ganze Bücher gefüllt.
Mit seinen rund 20'000 Angestellten weltweit will der Konzern nun aber nach vorn schauen. Deren Entlöhnung ist ein zentraler Pfeiler der aktuellen Nachhaltigkeitsstrategie. Nachdem die Firma jahrzehntelang für das Zerschlagen von Gewerkschaften berüchtigt war, berichtet sie unterdessen stolz über den Organisationsgrad ihrer Arbeiter*innen und deren Gesamtarbeitsverträge. Chiquita betont, auf eigenen Plantagen existenzsichernde Löhne zu bezahlen, die über dem Zielwert der Global Living Wage Coalition (GLWC) liegen. In der Praxis sind 85% von Chiquitas eigenen Plantagenangestellten Tagelöhner*innen– eine für unsichere Arbeitsbedingungen und Einkommen besonders anfällige Beschäftigungsart. Zudem gelten die Versprechen des Konzerns nur für die eine Seite des Produktionssystems von Chiquita: Die Arbeiter*innen auf den zahlreichen Zulieferbetrieben scheinen bei den Nachhaltigkeitszielen völlig vergessen zu gehen.
Verantwortung mit Zertifikaten weiterverschoben
Bei diesen will Chiquita die Einhaltung sozialer Mindeststandards mittels Zertifizierung sicherstellen. Zentrales Instrument dafür ist der gemäss Chiquita «rigorose» Standard Rainforest Alliance (RA): Von seinen 25 Zulieferern für konventionelle Bananen sind 24 durch RA zertifiziert. Unabhängige Kontrollbesuche auf Plantagen sollen sicherstellen, dass Arbeitsrechte nach internationalen Standards gewährleistet sind. Darunter fällt beispielsweise das Einhalten des nationalen Mindestlohns sowie die freie Ausübung gewerkschaftlicher Rechte. Zudem sind Plantagenbetreiber angehalten, ökologische Kriterien einzuhalten, beispielsweise durch die Begrenzung des Pestizideinsatzes.
Doch RA, das Label mit dem grünen Frosch, steht schon länger in der Kritik. Bereits 2016 hat die britische NGO Banana Link, die sich für einen fairen Handel mit der gelben Frucht einsetzt, in einem Bericht aufgezeigt, dass Chiquita-Zulieferer selbst elementare Gewerkschaftsrechte nicht gewährleistet hatten. Die damaligen Vorwürfe, dass Löhne unter dem gesetzlich verankerten nationalen Mindestlohn gezahlt wurden, decken sich mit den Zuständen, die Public Eye im November 2025 in Guatemala dokumentiert hat.
Gemäss einer Analyse der britischen Universität Exeter von 2022 gibt es kaum Belege dafür, dass RA effektiv zu einer nachhaltigeren Bananenproduktion beiträgt. Auf Anfrage schreibt RA, dass die Zertifizierung ein wertvolles Instrument zur Feststellung und Bekämpfung von Problemen in landwirtschaftlichen Lieferketten sein könne. Allerdings brauche es einen vielseitigeren Zugang, um tief verwurzelte Missstände zu adressieren. Chiquita liess eine Anfrage von Public Eye unbeantwortet.
Chiquita tut sich bis heute schwer damit, einen glaubwürdigen Schlussstrich unter ihr ausbeuterisches Geschäftsmodell zu ziehen. Während weiter Tausende Arbeiter*innen unter den prekären Produktionsbedingungen leiden, profitieren einige wenige vom systematischen Lohndumping und von der steueroptimierten Konzernstruktur. Seit 2008 gehört auch die Schweiz dazu. Für ihren kleinen Teil am Ertrag von Chiquita bietet sie dem Konzern optimale Bedingungen für ein immer noch höchst problematisches Geschäftsmodell.
Weitere Informationen
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Der Haken an Bananen: Monokulturen & Pestizide
Weltweit wird praktisch nur eine Sorte Bananen für den Export angebaut, die Cavendish-Banane. Somit sind alle Pflanzen nahezu identische Klone ohne genetische Vielfalt. Diese werden zudem in grossflächigen Monokulturen produziert. Dies macht die Cavendish-Banane extrem anfällig für Krankheiten und Schädlinge. Die Bananenindustrie versucht dem mit massivem Pestizideinsatz entgegenzuwirken: Kaum ein Agrarsektor setzt weltweit mehr davon ein. Pestizide verschmutzen die Böden und das Grundwasser; für Landarbeiter*innen und Anwohner*innen sind sie hochgefährlich. Mehr als die Hälfte aller Pestizide wird in Ländern des globalen Südens ausgebracht – darunter viele, die so gefährlich sind, dass sie in der Schweiz und der EU verboten wurden. Die globale Bananenindustrie bleibt aus ökonomischen und strukturellen Gründen bei der Monokultur: Die weltweiten Lieferketten sind auf die Cavendish-Banane optimiert, eine Diversifizierung sowie nachhaltigere Produktionsmethoden hätte Kosten und somit tiefere Gewinne zur Folge.
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Extremer Preisdruck in der Lieferkette
Der Preisdruck bei der Banane ist extrem. Sie kostet oft weniger als ein einheimischer Apfel. Damit das möglich ist, wird der Preisdruck bis an das schwächste Glied der Lieferkette weitergegeben: Die Arbeiter*innen auf den Plantagen. Entsprechend wird dort produziert, wo es am billigsten ist: wo keine Gewerkschaften menschenwürdige Löhne fordern können und die Zulieferbetriebe Tagelöhner*innen anstellen, um die Arbeitszeiten zu maximieren und die Bedingungen unter die internationalen Standards zu drücken. Daran tragen zusätzlich zu den globalen Bananenkonzernen – neben Chiquita auch Fresh Del Monte, Fyffes und Dole, wobei die zwei erstgenannten Konzerne ebenfalls Sitz oder Ableger in der Schweiz haben, – auch die Grossverteiler eine Mitverantwortung: Vom Preis einer Banane kassieren Detailhändler durchschnittlich 41%, die Plantagenarbeiter*innen nur 7%. Dies reicht für die Arbeiter*innen in den meisten Fällen nicht für ein existenzsicherndes Einkommen aus.
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