Korruption Korruption in Gambia: Französische Justiz ermittelt gegen Genfer Ölhändler Totsa
Agathe Duparc und Karine Pfenniger, 1. April 2026
Es ist der 11. Oktober 2017, Mohammad Bazzi wirkt nervös. Der belgisch-libanesische Geschäftsmann trägt einen blauen Anzug, der oberste Knopf des Hemdes ist offen, die massive Uhr wirkt protzig. Seit einer halben Stunde müht er sich ab, der gambischen Antikorruptionskommission Rede und Antwort zu stehen. Es geht um den ehemaligen Präsidenten des Landes, Yahya Jammeh. Dieser soll während seiner Amtszeit (1994–2017) fast eine Milliarde US-Dollar veruntreut haben. Der Kommissionspräsident verliert langsam die Geduld: «Es ist schwer verständlich, von Ihnen immer wieder zu hören: ‚Ich weiss es nicht, ich werde das überprüfen». Schliesslich meint der Geschäftsmann: «Ich bin nicht vor Ort, ich kümmere mich hier nicht um die laufenden Geschäfte. Ich kam jeden Monat [nach Gambia], vielleicht für fünf oder sechs Tage, ich war nicht derjenige, der vor Ort war.» Was ihn, auch wenn er das nicht sagt, offenbar nicht daran hinderte, in den höchsten Machtkreisen Gambias zu verkehren.
Bevorzugter Geschäftspartner des Präsidenten
Ab den frühen 2000er-Jahren bis ungefähr 2015 gehörte Mohammad Bazzi zum engsten Kreis von Diktator Yahya Jammeh. Er etablierte sich als einer der einflussreichsten Unternehmer im kleinen westafrikanischen Staat Gambia, der vom Senegal umschlossen ist. Der Belgier mit libanesischen Wurzeln war Honorarkonsul Gambias im Libanon. Er sicherte sich lukrative Aufträge in den Bereichen Bergbau, Treibstoffe und Telekommunikation – alles Sektoren, die unter das staatliche Monopol fallen. Sein Geschäftsglück endete jedoch zwei Jahre vor dem Sturz seines Beschützers.
Im Jahr 2018 wird Mohammad Bazzi zum Ziel von Ermittlungen des US-amerikanischen Office of Foreign Assets Control. Die Behörde des US-Finanzministeriums kommt zum Schluss, dass er einer der wichtigsten Geldgeber der Hisbollah ist und verhängt Sanktionen gegen ihn und seine Unternehmen. 2023 wird er in Rumänien festgenommen, in den USA inhaftiert und im folgenden Jahr wegen versuchter Umgehung der Sanktionen verurteilt. Gambische und internationale Medien berichten über den Fall des Geschäftsmanns, dessen Vermögen von den USA beschlagnahmt wird. Im Frühjahr 2025 wird sein Strafmass reduziert und seine Ausweisung angeordnet.
Ein Teil der Geschichte blieb bislang weitgehend unbekannt: die engen Geschäftsbeziehungen, die diese schillernde Persönlichkeit mit dem französischen Erdölkonzern TotalEnergies (damals Total) und dessen Genfer Handelstochter Totsa (damals Totsa Total Oil Trading SA, heute Totsa TotalEnergies Trading SA) in Gambia über einen Zeitraum von rund zehn Jahren unterhielt. Totsa wickelt den grössten Teil des Verkaufs von Erdöl und Erdgas für den Konzern ab und machte 2024 bei einem Umsatz von 99 Milliarden Euro 2,3 Milliarden Euro Gewinn. Zwischen 2004 und 2014 oder länger belieferte Total über Unternehmen von Mohammad Bazzi, die damals das Exklusivrecht für den Import von Erdölprodukten nach Gambia hatten, das kleine afrikanische Land mit Erdöl.
Totsa-Büros in Genf durchsucht
Obwohl die Geschäfte in Gambia lange zurückliegen, könnten sie TotalEnergies und Totsa in die Bredouille bringen. Die französische Staatsanwaltschaft für Finanzdelikte hat uns bestätigt, eine Voruntersuchung wegen Verdachts auf Bestechung ausländischer Amtsträger eröffnet zu haben. Gemäss unseren Informationen ist die französische Justiz im Herbst 2021 infolge einer Anzeige von Transparency International Frankreich gegen Unbekannt aktiv geworden. In der Anzeige, die Public Eye einsehen konnte, beschreibt die Nichtregierungsorganisation im Detail die Geschäftsbeziehung zwischen Total und den Unternehmen des belgisch-libanesischen Vermittlers, die ihren Ursprung in den Nullerjahren hatte. Zweck der Anzeige ist, dass die französische Justiz «die französischen natürlichen oder juristischen Personen eruieren kann, die am Korruptionspakt mit der gambischen Regierung beteiligt waren» oder «einen unrechtmässigen Gewinn daraus zogen».
Wie Public Eye in Erfahrung bringen konnte, wurden die Räumlichkeiten von Totsa in Genf im Februar 2024 auf Antrag der französischen Staatsanwaltschaft für Finanzdelikte durchsucht, und seitdem wurden weitere Anträge an die Schweiz gerichtet. Die Bundesanwaltschaft (BA) «führt derzeit das französische Rechtshilfegesuch aus», bestätigt ein Sprecher auf Anfrage. Selbst habe die BA jedoch kein Strafverfahren zu diesem Fall in der Schweiz eröffnet.
In der Schweiz konzentrierte sich das Interesse von Medien und Öffentlichkeit bislang vor allem auf die Bluttaten des Regimes von Yahya Jammeh. Ende März begann das Berufungsverfahren gegen Gambias ehemaligen Innenminister Ousman Sonko, der 2024 in erster Instanz in Bellinzona wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt wurde. Durch die französischen Ermittlungen rund um Totsa geraten nun auch mögliche Finanzdelikte und Korruption ins Blickfeld, die in dieser Phase weit verbreitet waren. Mindestens 975 Millionen US-Dollar sollen während der 22-jährigen Präsidentschaft von Yahya Jammeh veruntreut oder geplündert worden sein, so die Schätzung des Recherchenetzwerks OCCRP in einer mehrteiligen Recherche aus dem Jahr 2019. Verantwortlich dafür sollen der Präsident selbst und seine Verbündeten sein, darunter Mohammad Bazzi.
Der Präsident entscheidet
Im Kern geht es dabei um Erdöl und seine Derivate, eine Ressource, die Gambia nicht selbst produziert. Das von Senegal umschlossene Land liegt entlang des namengebenden Flusses und ist von Importen abhängig. Steigende Ölpreise treffen es jeweils hart. Der einheimische Strom- und Wasserversorger Nawec (National Water and Electricity Company) wendet fast 70% seiner Ausgaben für Schweröl auf, das für den Betrieb seiner Generatoren nötig ist. Damit versorgt er die meisten Spitäler und Schulen sowie andere öffentliche Einrichtungen im Land mit Strom.
Bis Anfang der 2000er-Jahre erfolgte die Beschaffung über Ausschreibungen. Nawec war damit aber von Kreditbriefen abhängig: Durch dieses Finanzierungsinstrument können Mittel aufgenommen werden, bei denen die Ware als Kreditsicherung gilt. Die Kreditbriefe wurden bei Banken eingeholt, zudem mussten Garantien für den Anbieter vorgewiesen werden. 2002 beschliesst Präsident Yahya Jammeh, der sich an den Reichtümern seines Landes bedient, dieses Verfahren über Bord zu werfen.
Auf präsidiale Anordnung und ohne Ausschreibung wird nun Mohammad Bazzi über sein Unternehmen Global Trading Group (GTG) zum alleinigen Lieferanten von Schweröl für Nawec. Zwei Jahre später übernimmt ein anderes seiner Unternehmen, die Euro African Group Limited (EAGL), den lukrativen Auftrag. Es erzielt eine Marge von 17% gegenüber dem vom Preisinformationsdienst Platts (heute S&P Global Energy) geschätzten Ölpreis.
«Bevorzugte Position»
All dies ermittelte die Untersuchungskommission, die 2017 von der neuen Regierung eingesetzt wurde. Ihr Ziel war, mögliche Verstösse gegen die Integrität durch Präsident Yahya Jammeh zu untersuchen, sowie die Rolle und Verantwortung von Personen in seinem Umfeld zu klären. Im März 2019 wurden acht von neun Bänden des Kommissionsberichts veröffentlicht; sie wurden für ihre Seriosität gelobt. Zahlreiche Anhörungen von Zeugen (darunter auch von Mohammed Bazzi) wurden live auf Youtube gestreamt, was von hoher Transparenz zeugt.
Die Kommission kam zum Schluss, dass das Exklusivrecht der beiden Schweröllieferanten EAGL und GTG ihnen eine «bevorzugte Position» gewährte, die «durch Bestechungsgelder und andere korrupte Praktiken aufrechterhalten wurde». Weiter hielt die Kommission fest, dass «angesichts des starken Preisrückgangs nach Ende der Exklusivverträge mehr dafür als dagegen spricht, dass die Treibstoffpreise künstlich in die Höhe getrieben wurden, solange die Verträge galten».
©
Public Eye
©
Public Eye
Die Kommission empfahl die Beschlagnahmung und den Verkauf der unrechtmässig erworbenen Vermögenswerte von Yahya Jammeh und Mohammad Bazzi, die strafrechtliche Verfolgung des ehemaligen Präsidenten wegen «Diebstahls, Wirtschaftsdelikten und Korruption» sowie die Ausweisung des Vermittlers und seiner Unternehmen aus Gambia. Diese Empfehlungen wurden von der neuen gambischen Regierung übernommen. Der Regierung von Präsident Adama Barrow, die kürzlich vom Parlament für ihren Umgang mit dem Vermögen des gestürzten Diktators kritisiert wurde, wird von Teilen der Zivilgesellschaft vorgeworfen, die Korruptionspraktiken des vorherigen Regimes fortzuführen.
Bazzi verbündet sich mit Total
Nachdem sich Mohammad Bazzis Unternehmen EAGL als strategischer Partner von Nawec etabliert hatte, baute es seinen Einfluss weiter aus und wurde gar zum exklusiven Importeur aller Erdölprodukte in Gambia. Eine veritable Goldgrube. Der Geschäftsmann konnte sich jedoch nicht selbst auf dem internationalen Markt versorgen. Laut der Untersuchungskommission, die sich auf Dokumente und Zeugenaussagen stützt, wurde Totsa deswegen zum alleinigen Lieferanten von Erdölprodukten für EAGL und profitierte seinerseits vom Monopol in Gambia. Diese exklusive Stellung hatte fast zwölf Jahre lang Bestand und eröffnete Totsa eine weitere Geschäftsmöglichkeit.
2004 gab Präsident Yahya Jammeh grünes Licht für den Bau eines Erdöllagers in Mandinari, wenige Kilometer von der gambischen Hauptstadt Banjul entfernt. Wieder einmal war der belgisch-libanesische Vermittler mit von der Partie, und zwar über das Unternehmen Gam Petroleum, an dem er zu diesem Zeitpunkt satte 99% hielt, später veränderte sich die Aktionärsstruktur in undurchsichtiger Weise. Ohne Ausschreibung erhielt Gam Petroleum das Monopol für den Betrieb des Erdöllagers für die ersten fünf Jahre nach seiner Erstellung.
©
mope.gm
Brandneues Erdöllager
Die Kosten für dieses Öllager wurden auf 50 Millionen US-Dollar geschätzt. Hier sprang der französische Konzern Total als potenter Geldgeber ein. Laut Aussage von Mohammad Bazzi vor der Untersuchungskommission war Total International Ltd. – damals eine auf den Bermudas domizilierte Tochter des französischen Konzerns – bereit, sich neben internationalen Banken an der Finanzierung des Projekts zu beteiligen. Die im Mai 2008 eingeweihte Anlage, die als «technologisch führend» beschrieben wird, umfasst 17 Tanks mit einer Gesamtlagerkapazität von 51’000 Tonnen für Schweröl, Heizöl oder Flüssiggas (LPG). In der Folge entschied die Regierung, dass staatliche Unternehmen Anteile an Gam Petroleum erwerben dürfen.
Die Kommissionsberichte enthalten keine Angaben zu den Summen, die Total, das vor Ort auch über Tanks zur Lagerung seiner eigenen Produkte verfügte, in das Terminal investierte. Gesichert ist, dass sich Total und Geschäftsmann Mohammad Bazzi zu diesem Zeitpunkt sehr nahe standen. In einem Brief an Präsident Yahya Jammeh lobt der belgisch-libanesische Vermittler im Dezember 2010 «die solide Partnerschaft, die wir mit Total International pflegen und die sich im Laufe mehrerer Jahre enger Zusammenarbeit entwickelt hat».
Vertrag gerade noch gerettet
Trotzdem verläuft die Partnerschaft nicht ganz ohne Störungen. Denn ab 2009 brauen sich Intrigen an der gambischen Staatsspitze zusammen: Das Unternehmen EAGL läuft Gefahr, seinen Auftrag als exklusiver Importeur von Erdölprodukten in Gambia zu verlieren. Laut Untersuchungskommission wurde Mohammad Bazzi von Totsa darüber informiert, dass eine andere Firma gerade den Zuschlag erhalten hatte, Erdöl aus Venezuela anzuliefern. Es herrscht höchste Alarmstufe, wie die Kommission berichtet: Der libanesische Geschäftsmann erklärt Präsident Yayah Jammeh schriftlich, aufgrund der wegfallenden Exklusivrechte würde Total nun die Rückzahlung der für den Bau des Öllagers gewährten Kredite fordern. Zudem habe Total den Kredit gekündigt, den EAGL erhalten hatte, um dort strategische Erdölreserven zu lagern. Der Schriftwechsel liegt Public Eye nicht vor.
Einige Tage später macht der Präsident einen Rückzieher und verlängert den Exklusivvertrag von EAGL bis 2014. Zufall oder nicht: Am nächsten Tag eröffnet EAGL ein Konto zugunsten eines Familientrusts von Yayah Jammeh. Innerhalb eines einzigen Monats werden 4,1 Millionen US-Dollar auf das Konto überwiesen. Damit kauft sich der Präsident für 3,5 Millionen US-Dollar eine Immobilie in Potomac bei Washington DC, die später von der US-Justiz beschlagnahmt werden sollte.
Seltsame Zufälle
Fragen wirft auch die Kreditlinie in Höhe von 10 Millionen US-Dollar auf, die Total International Ltd. dem Unternehmen EAGL vermutlich um das Jahr 2010 gewährte. Grosse Ölhändler geben ihren Partnern häufig solche Kredite. Angesichts der geringen Finanzkraft von Mohammad Bazzis Firma überrascht dieser besonders grosszügige Vorschuss jedoch, da das Verlustrisiko nicht unerheblich war.
Public Eye konnte die Rechnungslegung von EAGL einsehen. Danach waren per 31. Dezember 2012 vom Kredit von 10 Millionen US-Dollar gegen 4,8 Millionen verbraucht, davon rund 2,8 Millionen bis zum 31. Dezember 2011 und 2 Millionen im Jahr 2012.
Zu diesem Zeitpunkt hatte der Wasser- und Stromversorger Nawec Mühe, seine Rechnungen zu bezahlen. Grund waren die überhöhten Kosten des Exklusivvertrags mit den Unternehmen GTG/EAGL, die sich hohe Margen sicherten. Im Mai 2010 schreibt Mohammad Bazzi an das Energieministerium und behauptet, dass das staatliche Unternehmen ihm fast 10 Millionen US-Dollar schulde. Hat Mohammad Bazzi die Kreditlinie von Total genutzt, um die ausstehenden Zahlungen ganz oder teilweise zu kompensieren?
Weitere zeitliche Zufälle werfen Fragen auf: Ab Juni 2011 überweist EAGL jeden Monat fast 15 Millionen Dalasi (etwa 500’000 US-Dollar) auf das Gehaltskonto von Präsident Yayah Jammeh. Nach Angaben der Untersuchungskommission wurden die höchst verdächtigen Zahlungen von EAGL bis November 2013 fortgesetzt und beliefen sich auf insgesamt 10 Millionen US-Dollar.
Aufgrund fehlender Unterlagen konnte Public Eye nicht feststellen, ob der von EAGL bei Total aufgenommene Gesamtkredit zurückgezahlt wurde und für welche Ausgaben er verwendet wurde.
Das Geschäft von Mohammad Bazzi florierte jedenfalls weiterhin. 2012 wurde der Exklusivvertrag von EAGL um ein Jahr verlängert, desgleichen im Jahr 2013.
Ende der Sonderbehandlung
Hingegen trübte sich das Verhältnis zwischen Präsident Jammeh und dem Geschäftsmann im Verlauf des Jahres 2013. In einem Schreiben vom 7. Mai 2013, das Public Eye vorliegt, erfährt Mohammad Bazzi vom Minister für Präsidialangelegenheiten und Generalsekretär, dass sein Vertrag mit NAWEC aufgelöst werden soll und sein Monopol auf den Erdölimport wegfallen wird.
«Sie haben eine Sonderbehandlung mit allen anderen erdenklichen Privilegien genossen», schreibt der Minister. «Von nun an werden Sie wie jeder andere Investor behandelt, nur dass Sie einer strengeren Rechenschaftspflicht unterliegen, da Sie sich als sehr gierig, unehrlich, undankbar und perfid erwiesen haben», fügt er hinzu.
Die Entscheidung, die Exklusivverträge von EAGL und GTG zu kündigen, wurde im folgenden Jahr getroffen. Die Kommission stellt fest, dass die Margen der Anbieter daraufhin deutlich sanken.
Erdöl im Wert von 24 Millionen US-Dollar abgezweigt
Für Total steht nun eine turbulente Zeit in Gambia an. Der Konzern weiss sich aber schliesslich aus der Affäre zu ziehen, indem er insbesondere seine Beziehungen auf höchster Ebene spielen lässt.
Im Jahr 2014 kommt es zu einem unvorhergesehenen Ereignis: EAGL bedient sich im Terminal von Mandinari an gelagerten Vorräten der Schweizer Gesellschaft Totsa. Ohne ihre Genehmigung überführt die Firma EAGL Erdölprodukte im Wert von 24,2 Millionen US-Dollar an den nationalen Versorger Nawec, offiziell aufgrund einer Notsituation.
Zu dieser Zeit befindet sich die Firma Gam Petroleum, der das Erdöllager gehört, im Besitz staatlicher Unternehmen sowie von Mohammad Bazzi und seinen Partnern, die 52 % des Kapitals kontrollieren. Der Genfer Händler Totsa, Hauptlieferant des Depots, beschwert sich beim Betreiber und verlangt sofortige Bezahlung; er droht, das Lager zu beschlagnahmen und zu verkaufen, um die Ausstände zu begleichen. Er schreibt sogar an Präsident Jammeh und seinen Aussenminister.
Die Regierung ist in der Zwickmühle: Entweder sie zahlt dem Händler die 24,2 Millionen US-Dollar zurück oder sie verliert die Kontrolle über das Erdöldepot.
Nun gilt es ernst. Nach Angaben der Untersuchungskommission finden in Genf Verhandlungen in Anwesenheit des Finanzministers, des Gouverneurs der gambischen Zentralbank und eines staatlichen Aktionärs von Gam Petroleum statt. Der Betrag, der dem Unternehmen Total geschuldet ist, wird auf 18,6 Millionen US-Dollar reduziert.
Der Konflikt scheint 2015 beigelegt worden zu sein, als die Regierung beschliesst, das Öllager zu «verstaatlichen»: Nach Angaben der Kommission haben Mohammad Bazzi und seine Partner darum gebeten, die Schulden gegenüber Total durch den Verkauf ihrer Anteile an Gam Petroleum zu begleichen. 10% der Anteile wurden an staatliche Unternehmen veräussert, die damit die Mehrheit am Kapital erlangten. Es ist nicht bekannt, ob der Erlös aus dem Verkauf tatsächlich zur Rückzahlung an Total beigetragen hat und welchen Anteil der Erdölkonzern zurückerhalten hat.
Jedenfalls wird diese Forderung auf die Nawec übertragen, wie die Kommission in ihren Berichten erläutert. Eine Aufstellung zeigt, dass die Regierung im Namen von Nawec knapp 24,2 Millionen US-Dollar an Total International Ltd. überweisen wollte, um den von EAGL geschuldeten Restbetrag zu begleichen. Der Betrag umfasse auch «den der Regierung gewährten Nachlass von 6 Millionen US-Dollar». Ebenfalls nach Angaben der Kommission hat die Regierung von Adama Barrow im folgenden Jahr schliesslich fast 75% der Schulden der Nawec auf die gambischen Steuerzahler übertragen. Public Eye konnte diese Aussagen nicht überprüfen.
Dominante Stellung in korruptionsgeschädigtem Staat
Obwohl die Geschäfte von Total und der Genfer Tochtergesellschaft Totsa mit Mohammad Bazzi am Ende der Präsidentschaft Jammeh ins Stocken gerieten, war der französische Konzern über ein Jahrzehnt lang ein wichtiger Akteur im undurchsichtigen gambischen Ölsektor. Er war exklusiver Lieferant von Erdölprodukten über die Unternehmen eines Vertrauten des Präsidenten. Und er war Investor in ein brandneues Erdöllager, wo Total selbst Lagerkapazitäten unterhielt. Alles schien glatt zu laufen. Wie kam es zu dieser dominanten Position? Hierzu stellen sich viele Fragen in einem Land wie Gambia, in dem Korruption so weit verbreitet war, dass es 2014 im Korruptionswahrnehmungsindexvon Transparency International auf Platz 126 von 175 Ländern lag. Ein Spezialist für den Ölhandel in Afrika, der anonym bleiben möchte, betont, dass «Gambia zu den kleinen Märkten gehört, die potenziell sehr hohe Margen ermöglichen, aber einem hohen Korruptionsrisiko ausgesetzt sind».
Für Richard Messick, Experte für Korruptionsbekämpfung und ehemaliger Spezialist für Operationen bei der Weltbank, «muss Total sicherzustellen, dass seine Kunden sich nicht an Veruntreuungen beteiligen, insbesondere wenn es sich um Staaten handelt, in denen Korruption bekanntermassen weit verbreitet ist». Für den Experten, der internationale Organisationen im Bereich der Korruptionsbekämpfung berät, ist ein Exklusivvertrag über die Lieferung von Erdölprodukten an ein staatliches Unternehmen in Gambia, der ohne Ausschreibung erhalten wurde, «mehr als ein Warnsignal», das den Konzern hätte alarmieren müssen.
Public Eye hat TotalEnergies eine Liste mit detaillierten Fragen übermittelt. Der Konzern hat auf unsere Anfragen nicht reagiert. Mohammad Bazzi wiederum konnte trotz zahlreicher Versuche nicht erreicht werden.