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Kampf gegen Fälschungen

Die zahlreichen Initiativen gegen Medikamentenfälschungen gehen alle von derselben falschen Annahme aus: Davon, dass eine Verschärfung der Massnahmen zum Schutz geistigen Eigentums ein wirksames Mittel gegen Fälschungen darstelle - wobei der Begriff Fälschungen („counterfeits“) sehr weit gefasst ist. Dieser Ansatz erschwert den Handel mit Generika, stellt jedoch keine Lösung für das Problem qualitativ minderwertiger oder giftiger Medikamentenfälschungen dar.

Die Definition von Medikamentenfälschungen - sei es auf Ebene der WHO, der Pharmabranche oder des internationalen Handels - vereint mehrere Problemfelder:

  • Medikamente, die zu wenig oder gar keine Wirkstoffe enthalten,
  • Medikamente mit gefälschten Verpackungen (mit einer Verpackung, die falsche Angaben zum Inhalt des Produkts enthält),
  • Medikamente minderwertiger Qualität (aufgrund von Herstellungsmethoden, die nicht den geltenden Normen entsprechen, oder aufgrund unsachgemässer Lagerung)
  • Medikamente, bei denen eine eingetragene Marke ohne Zustimmung des Rechteinhabers verwendet wird.

Die ersten drei Kategorien stellen eine Bedrohung der öffentlichen Gesundheit dar, da das Produkt qualitativ minderwertig ist. Die letzte Kategorie steht in Zusammenhang mit dem geistigen Eigentum am Produkt, wobei in keiner Weise auf die Qualität des Inhalts hingewiesen wird.

Opfer der ersten drei Kategorien sind vor allem die Menschen in südlichen Ländern, wo der Umlauf von Pharmaprodukten unzureichend geregelt ist und die Patienten auf billigere, jedoch qualitativ fragwürdige Medikamente zurückgreifen. Auch reichere Länder sind von Medikamentenfälschungen betroffen, besonders beim Kauf über das Internet.

ACTA: umstrittenes Abkommen, das Handel mit Generika erschwert

In den letzten Jahren wurden die Initiativen zur Bekämpfung der „Fälschungen“ immer zahlreicher, insbesondere auf UNO-Ebene und meist unter dem Vorwand, dass es die öffentliche Gesundheit zu schützen gelte. Das Anti-Counterfeiting Trade Agreement (ACTA) ist ein besonders anschauliches Beispiel, da es unter Ausschluss der Öffentlichkeit von einem exklusiven Klub aus 37 reichen Ländern, alles OECD-Mitglieder, verhandelt wurde. Zu diesem Klub gehörte auch die Schweiz.

Das Europaparlament lehnte das Abkommen im Juli 2012 ab, einige Länder unterzeichneten, die Schweiz jedoch nicht. Es tritt in Kraft, sobald es von sechs Ländern, die an den Verhandlungen teilgenommen haben, ratifiziert worden ist.

Das ACTA und andere internationale Bestimmungen, die bereits in Kraft sind, sorgen für eine fatale Verwirrung darüber, was gefälschte Medikamente und was Generika sind. Dies könnte zur Folge haben, dass der internationale Handel mit Generika deutlich erschwert wird. So wurden zwischen 2008 und 2010 mehrere Lieferungen teilweise lebenswichtiger legaler Generika fälschlicherweise beschlagnahmt, deren Ausgangs- und Bestimmungsort Länder des Südens waren, dies unter dem Vorwand der Verletzung von Patentrechten – obwohl sie nur auf dem Transit durch die EU waren. Aus diesem Blickwinkel betrachtet gleichen die von der Pharmabranche unterstützten internationalen Initiativen eher wettbewerbsbeschränkenden Methoden als dem Wunsch, „gefälschte Medikamente“ wirksam zu bekämpfen. Um Medikamentenfälschungen wirksam zu bekämpfen, ist es sinnvoller, die landeseigenen Regulierungsbehörden zu stärken, damit der Binnenmarkt und die Medikamentenkreisläufe in den einzelnen Ländern besser überwacht und kriminelle Netze zerschlagen werden können.

Gesundheitliche Folgen von Fälschungen sollten im Zentrum stehen

Eine weitere problematische Initiative in diesem Bereich ist die International Medical Products Anti-Counterfeiting Taskforce (IMPACT). Die IMPACT ist bei der WHO angesiedelt, wird jedoch von der IFPMA (International Federation of Pharmaceutical Manufacturers & Associations) finanziert und steht unter deren Schirmherrschaft. Die Initiative wurde aufgrund mehrfacher Interessenkonflikte immer wieder von NGOs kritisiert, so auch von Public Eye. Die Definition von „Fälschung“, welche die Institution festgelegt hat, ist sehr weit gefasst, wobei Aspekte des geistigen Eigentums gegenüber Fragen der Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit dominieren. Viele NGOs und ein Grossteil der Länder des Südens haben die WHO aufgefordert, sich von der IMPACT zu distanzieren und sich mit den gesundheitlichen Folgen von Medikamentenfälschungen auseinanderzusetzen, anstatt Privatinteressen zu schützen.

Eine Senkung der Medikamentenpreise, namentlich bei Originalmedikamenten, wäre ein viel wirksameres Mittel im Kampf gegen kriminelle Fälschernetze, für die riskante Aktionen bei einer tieferen Gewinnmarge wohl weitaus weniger attraktiv wären.